Zentralverband des
Deutschen Handwerks

Kreatives Handwerk für die Ewigkeit

Die Steinmetzmeisterin und Restauratorin Jennifer Schrauth restauriert den über 1.000 Jahre alten Mainzer Dom – hoch über der Stadt. Sie ist Teil einer Kette von Menschen, die das Erbe für weitere 1.000 Jahre bewahrt.
Steinmetz- und Bildhauermeisterin Jennifer Schrauth arbeitet mit schwerem Gerät

Die Steinmetz- und Bildhauermeisterin Jennifer Schrauth arbeitet auch mit schwerem Gerät, um den Mainzer Dom in Schuss zu halten.

Das Kirchenbauwerk ist mehr als 1.000 Jahre alt, einer der bedeutenden Kaiserdome in Deutschland. Die dreischiffige romanische Pfeilerbasilika ist ein wunderschönes architektonisches Geschichtsbuch aus Steinen. Frühromanik, Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko und Historismus: Alle großen Stilepochen haben ihre Spuren hinterlassen. Bei einer Länge von 116 Metern, was etwa so lang ist wie ein Fußballfeld, ist es eine herausfordernde Daueraufgabe, den Dom zu pflegen und zu erhalten. Jennifer Schrauth ist eine Handwerkerin wie aus dem Bilderbuch. Die Steinmetz- und Bildhauermeisterin trägt Zunftkleidung: eine helle, beigefarbene Hose und Weste aus breitem Manchester-Cord. Das metallene Zunftzeichen prangt am Koppelschloss. Und die 47-Jährige trägt es auch als Ohrring.

Arbeiten bei Wind und Wetter hoch oben über der Stadt

Der Schutzpatron der Kathedrale, der heilige Martin, wacht über die Stadt

Der Hohe Dom zu Mainz ist mehr als 1.000 Jahre alt und zählt zu den bedeuteten Kaiserdomen in Deutschland. Der Schutzpatron der Kathedrale, der heilige Martin, wacht über die Stadt.

Jennifer Schrauths Arbeitsplatz befindet sich in großer Höhe. Quietschend, leicht ruckelnd setzt sich der Lastenaufzug in Bewegung und befördert die Steinmetzmeisterin entlang des Baugerüsts in 40 Meter Höhe. Oben klappt Jennifer Schrauth einen Tritt aus und steht auf einer Gerüstbrücke, an der man sich glücklicherweise festhalten kann. Wer ungeübt ist, braucht dort oben ein bisschen Zeit, um sich wohlzufühlen. Der spektakuläre Panoramablick entschädigt für das mulmige Gefühl: Der Rhein glänzt in der Sonne, keine Wolke trübt die Sicht aufs Rheintal mit seinen Weinbergen. Auch die fernen Mittelgebirge Taunus, Hunsrück und Pfalz sind am Horizont zu erahnen. 

Selbst für Jennifer Schrauth, die seit bald 30 Jahren hoch über der malerischen Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern arbeitet, ist die Aussicht immer noch bezaubernd. “Wir haben heute einen Traumtag. Ich arbeite hier oben allerdings auch bei Kälte, Nieselregen oder krasser Hitze”, sagt sie. Die historische Bausubstanz will rund ums Jahr erhalten werden, auch wenn das Wetter ungemütlich ist. Die Witterungseinflüsse sind es, die dem jahrhundertealten Bauwerk zusetzen. Sonneneinstrahlung, Wind und Regen lassen Mauern verwittern, Säulen abbröckeln oder auch zerspringen.

Unsere Arbeit entscheidet darüber, ob dieses Bauwerk weitere eintausend Jahre übersteht. Wir sind Teil einer Kette von Menschen, die es bewahren und über Generationen hinweg dieses Erbe weitergeben. Was wir heute tun, werden Menschen im Jahr 3025 noch sehen. Hoffentlich!

Traditionelles Handwerkswissen erhalten und vermitteln

Sechs Steinmetze und ein Steinmetz-Azubi, ein Tischler, fünf Maler und zwei Schlosser gehören zum Team der Dombauhütte. Sie restaurieren die Kathedrale, deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichen. Manche der Steine sind um die 800 Jahre alt. Wenn die eine Seite erneuert ist, ist die nächste dran. “Vor einigen Jahren haben wir an der Turmspitze angefangen. Jetzt arbeiten wir uns Stück für Stück nach unten”, beschreibt es Jennifer Schrauth. Jede Veränderung wird dokumentiert, damit das Wissen über die alte Bauweise nicht verloren geht. Die Dombauhütte Mainz zählt zum Immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe und hat damit auch die Aufgabe, traditionelle Handwerkstechniken zu erhalten und zu vermitteln, die sonst kaum noch zum Einsatz kommen, wie etwa der Bleiverguss oder nachhaltige Arbeitsmethoden in der Steinsanierung. Gleichzeitig ist das Team der Dombauhütte offen für die Erforschung und Entwicklung neuer Techniken. So wurden beispielsweise zusammen mit dem Institut für Steinkonservierung eigene Mörtelrezepturen entwickelt, die speziell auf die am Dom verbauten Materialien abgestimmt sind.

Kreative Freiheit bei der Erneuerung des Martinskopfes

  • Jennifer Schrauth trägt Zunftkleidung: eine helle beigefarbene Hose und Weste aus breitem Manchester-Cord

    Jennifer Schrauth trägt Zunftkleidung: eine helle beigefarbene Hose und Weste aus breitem Manchester-Cord.

  • Für die Restaurierung wird der Figur der Kopf abgetrennt

    Zunächst wurde der Figur der Kopf abgetrennt, eine heikle Aufgabe.

Neben dem handwerklichen Können ist kreative Gestaltung ein zentraler Aspekt des Berufes Steinmetzin. Bisheriges Highlight für Jennifer Schrauth: die aufwendige Restaurierung des verwitterten Martinskopfes. Gut 1.000 Stunden Arbeit hat sie darauf verwendet, den verwitterten Kopf des Schutzpatrons der Kirche zu restaurieren und Teile wie Federschmuck und Auge zu rekonstruieren. Für die Rekonstruierung fertigte sie in der Werkstatt eine originalgetreue Kopie des Kopfes an, auf Basis historischer Vorlagen und mit modernen 3D-Modellen. Jeder Handgriff erforderte Feingefühl, räumliches Denken und Erfahrung im Umgang mit Stein als Werkstoff. Es war ein Projekt, das sie von Oktober 2022 bis Juni 2024 in Atem gehalten hat.

Jennifer Schrauth ist stolz, Teil der Geschichte des Doms zu sein: “Unsere Arbeit hinterlässt Spuren. Wir schaffen etwas für die Ewigkeit und müssen deshalb natürlich verantwortungsvoll an unsere Aufgaben herangehen.” Nach dem Abitur eine Ausbildung zur Steinmetzin zu absolvieren, auf diese Idee hat sie die Schwester einer Schulfreundin gebracht, die damals als eine der ganz wenigen Frauen in diesem Beruf gearbeitet hat. “Die war schon eine Art Vorbild”, erzählt Jennifer Schrauth. Und auch wenn seit dieser Zeit der Anteil weiblicher Auszubildender bei den Steinmetzen kontinuierlich gestiegen ist, von 9,6 Prozent im Jahr 1998 auf 22,3 Prozent im Jahr 2024, würde sie sich wünschen, dass es noch mehr Frauen in ihrem Handwerk gäbe. In ihren 28 Jahren im Job hatte sie jedenfalls nie eine Kollegin. “Mein Umfeld ist gleich doppelt männlich geprägt: in der katholischen Kirche als Arbeitgeber und bei uns in unserem kleinen Team”, sagt sie. “Ich bin ehrlich: Das war und ist nicht immer einfach. Vor allem, wenn man etwas bewegen und sich nicht hintenanstellen will.” Die Mutter von zwei Töchtern ist im Laufe ihrer Karriere schon zu der Erkenntnis gelangt, dass es in ihrem Fall nie gereicht hat, genauso gut zu sein wie die Männer. “Ich musste immer einen Tick besser sein”, sagt sie.

Meiner Erfahrung nach weht Frauen in Männerdomänen der Wind ins Gesicht, wenn sie in Leitungspositionen wollen, wenn sie den Mund aufmachen und etwas zu sagen haben. Und wenn es um Verteilungskämpfe geht.

Mit dieser im Laufe ihres Berufslebens erworbenen Hartnäckigkeit ist es ihr auch gelungen, am KiM-Programm teilzunehmen. Mit dem Projekt “Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf” soll der Anteil von weiblichen Führungskräften der katholischen Kirche erhöht werden. Als ich mich beworben habe, war man überrascht, dass sich eine Handwerkerin bewerben würde, damit hatte man nicht gerechnet. Es war eigentlich für andere Berufsbilder konzipiert", schildert Jennifer Schrauth, die sich darüber freut, dass man in ihr Potenzial gesehen hat. Ihr tut es gut, sich mit anderen Frauen auszutauschen und gemeinsam mit ihnen Wege zu suchen, schwierige berufliche Situationen zu meistern: “Es hat sich auch für das Bistum längst gelohnt, denn mir ist es gelungen, Geld zu akquirieren, um den Dom bekannter zu machen und junge Leute für die Arbeit bei uns in der Dombauhütte zu begeistern.” Auch als Dozentin an der Akademie des Handwerks in Schloss Raesfeld ist sie inzwischen ein Rollenvorbild geworden: die perfekte Botschafterin ihres Handwerks.

Restauration im Handwerk

In 19 der über 80 kulturguterhaltenden Gewerke können sich Handwerkerinnen und Handwerker mit Meisterbrief zum/zur Geprüften Restaurator/-in im Handwerk – Master Professional für Restaurierung im Handwerk weiterbilden, im Bau und Ausbau wie im Bereich Objektrestaurierung. Die Fortbildung gliedert sich in einen fachspezifischen und einen fachübergreifenden Teil. In der handwerklichen Restaurierung ist diese Fortbildung zurzeit die höchste Qualifikationsstufe. Weitere Informationen:

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Jahrbuch 2026

Diese Handwerk-Story wurde zuerst im ZDH-Jahrbuch 2026 veröffentlicht. Das Jahrbuch steht unter dem Motto "Zukunft im Handwerk. Trends im Blick. Mit Können gestalten." Dieses Jahrbuch lädt dazu ein, nach vorn zu schauen und zugleich anschaulich und beispielhaft zu erleben, wie Zukunft im Handwerk bereits heute entsteht.

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