Generationswechsel: Erfahrung trifft Innovation
Foto: Matthias Bein/Conceptfoto
Für Claudius Borgmann war die Sache kristallklar: Mit 50 Jahren wollte er mehr Zeit zu Hause verbringen, nicht mehr frühmorgens mit den Philippinen und spätabends mit der Zentrale in Chicago telefonieren. Als Geschäftsführer eines deutschen Chemiebetriebs mit globaler Verantwortung für knapp tausend Beschäftigte hatte er bewiesen, was er kann. Jetzt wollte er etwas Eigenes gestalten und fand seine Chance in der Betriebsnachfolge eines mittelständischen Zerspanungsbetriebs im sachsen-anhaltinischen Quedlinburg mit 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. “Ich hatte meiner Frau versprochen, dass ich diese Art der intensiven Arbeit beende”, erzählt der Diplom-Wirtschaftsingenieur. “Durch die Unternehmensnachfolge habe ich das realisieren können.” Sein Beispiel zeigt: Das Handwerk bietet gerade für erfahrene Führungskräfte eine attraktive Perspektive mit Gestaltungsspielraum, Sinnhaftigkeit und Bodenhaftung.
Die Digitalisierung ersetzt nicht das handwerkliche Können, sie ergänzt es. Tradition und Innovation: im Handwerk kein Widerspruch, sondern die Zukunft.
Wenn Technik auf Wirtschaft trifft
Claudius Borgmann schätzt am Handwerk den Gestaltungsspielraum, die Sinnhaftigkeit und die Bodenhaftung.
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Bereits in der 10. Klasse stand für Claudius Borgmann fest, was er studieren wollte. “Mich interessieren nicht nur technische Lösungsmöglichkeiten, sondern immer auch deren Wirtschaftlichkeit”, erklärt er seinen Weg zum gleichzeitigen Studium von Betriebswirtschaft und Maschinenbau an der Technischen Universität Braunschweig, in den 1990er-Jahren noch ein relativ unbekanntes Studienfach. Die handwerkliche Prägung brachte er aus dem Elternhaus mit: “Wir hatten eine große Werkstatt, als Kinder haben wir Seifenkisten gebaut und auch den Stall für das Pferd meines Bruders.” Heute verlässt er sich auf die Kompetenzen seines Werkzeugmaschinenmeisters und seiner hervorragend ausgebildeten Facharbeiter, alles gelernte Zerspanungsmechaniker.
Als er Mitte 1995 sein Studium beendete, herrschte deutschlandweit Einstellungsstopp. “Durch einen Tipp meines heutigen Schwiegervaters bekam ich eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Fraunhofer-Institut in Magdeburg zugesichert”, erinnert sich Borgmann. Es folgten Jahre in verschiedenen Führungspositionen, bis er schließlich den Sprung in die Selbstständigkeit wagte.
Die Übernahme: Ein Marathon, erschwert noch durch die Corona-Pandemie
Bei FREROtec arbeiten hervorragend ausgebildete Facharbeiter, alles gelernte Zerspannungsmechaniker.
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Die Entscheidung für die Betriebsnachfolge fiel schnell. Es gab einen Draht zum Firmengründer, den er mithilfe der Handwerkskammer Magdeburg ausfindig gemacht hatte. Dass nicht nur produziert, sondern mit Meisterhand gefertigt wurde, gefiel dem Interessenten Borgmann. Sechs Monate vor dem geplanten Übergabetermin informierten der Firmengründer und sein Nachfolger Borgmann gemeinsam die Belegschaft. Zwei bis drei Tage die Woche war Borgmann vor Ort, arbeitete sich in die Prozesse ein und lernte die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen. Das lief unkompliziert. Doch die rechtlichen, betriebswirtschaftlichen und finanziellen Aspekte erwiesen sich als zeitaufwendig, besonders in der heißen Phase der Corona-Pandemie. “Die Lockdowns wirkten sich negativ auf die Kennzahlen aus und Prognosen waren mit hohen Unsicherheiten verbunden”, schildert der 56-Jährige die Herausforderung, damals eine Bank für die Finanzierung zu finden. Seine Erfahrung aus früheren Unternehmensverkäufen half ihm, den Übernahmeprozess durchzustehen.
Was hätte ihm damals das Leben erleichtert? Eine Art runder Tisch für Unternehmensnachfolgen, lautet seine Antwort: “Wo die lokalen Banken sich bei den potenziellen Interessierten um die Finanzierung bewerben und nicht umgekehrt. Wenn gleichzeitig die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft und die Bürgschaftsbank am Tisch sitzen, könnte dieser Prozess extrem beschleunigt werden.”
Präzision statt Monotonie
Modernes Handwerk bedeutet: Höchste Präzison trifft auf individuelle Lösungen
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Was hat ihn zur Investition in einen Spezialbetrieb für Erodieren und Zerspanen bewegt? Der Betrieb liegt im Quedlinburger Ortsteil Gernrode, einem liebenswürdigen Erholungsort in idyllischer Harzrandlage. Die Besonderheit: Der Betrieb ist spezialisiert auf die Herstellung von Zeichnungsteilen mit einer Stückzahl von eins bis zehn. “Hier zeigt sich, was modernes Handwerk bedeutet: Höchste Präzision trifft auf individuelle Lösungen. Wir arbeiten auf hochwertigen CNC-Maschinen, mit denen wir fräsen, drehen und schleifen”, erklärt Borgmann. “Es gibt bei uns weder Monotonie noch langweilige Maschinenbedienung.”
Wer in der Zerspanungstechnik arbeitet, kennt weder Monotonie noch langweilige Maschinenbedienung. Bei uns steht die permanente Weiterentwicklung des eigenen Knowhows, die Fähigkeit zur Lösungsfindung und eine hohe Eigenverantwortlichkeit im Vordergrund. Kein Tag ist wie der andere.
Sein Ziel war von Anfang an klar: Durch den Übergabeprozess sollte niemand den Betrieb verlassen. Das hat funktioniert. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter blieben auch unter dem neuen Chef, sehr zu dessen Freude: “Gute Handwerker sind schwer zu finden. Umso wichtiger war mir, das eingespielte Team zu halten. Die Tätigkeit als Zerspanungsmechaniker ist sehr anspruchsvoll. Es beginnt mit dem korrekten Lesen der technischen Zeichnungen, der eigenverantwortlichen Ausarbeitung der wirtschaftlichen Vorgehensweise, der Auswahl der richtigen Spannmittel und Werkzeuge bis hin zur Programmierung der NC-Programme und der fehlerfreien Ausführung inklusive Werkerselbstprüfung.” Weil zu diesem Handwerksberuf auch unbedingt die Fähigkeit zur Teamarbeit gehört, da die Produkte meistens unterschiedliche Arbeitsbereiche durchlaufen, ist es umso wertvoller, dass sich der neue Chef auch weiter auf eine gut eingespielte Mannschaft verlassen kann. FREROtec fokussiert sich auf die Weiterbildung von ausgelernten Fachkräften für Zerspanungsmechanik mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung. “Denn die Kompetenzen, die wir benötigen, gibt es in der Regel nicht. Deshalb investieren wir in die unternehmensspezifische Weiterbildung und hoffen im Gegenzug, dass unsere Leute im Betrieb bleiben.”
Energiewende aus betriebswirtschaftlicher Notwendigkeit
FREROtec ist Mitglied der VEA-Initiative “Klimafreundlicher Mittelstand". Claudius Borgmann nimmt seine Verantwortung ernst. “Selbst als relativ kleiner Betrieb verbrauchten wir früher im Durchschnitt 425.000 Kilowattstunden im Jahr”, sagt der Betriebsinhaber. Durch gezielte Analysen und Investitionen in Photovoltaikanlagen konnte der Zukauf auf nur noch 170.000 Kilowattstunden reduziert werden. “Es ist zuallererst eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit”, betont Claudius Borgmann pragmatisch. “Andererseits hilft es, wenn wir nachweisen können, dass wir beim Energiebezug zu 100 Prozent CO₂-neutral sind. Wir sind als produzierendes Gewerbe zu klein, um einen Industriestrompreis zu erhalten, können uns lediglich die Stromsteuer erstatten lassen.”
Digitalisierung mit Eigenregie, KI mit Geduld
Sehr zur Freude von Cornelius Borgmann blieben bei der Betriebsübernahme alle Mitarbeiter in der Firma.
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Wer wie Claudius Borgmann einen Handwerksbetrieb über nimmt, schreibt Zukunft aktiv mit. Bei der Digitalisierung ist FREROtec bereits weit fortgeschritten. Der ehemals papierbasierte Betrieb digitalisiert alle betrieblichen Prozesse in einer selbst erstellten No-Code-Lösung. Beim Einsatz von KI steht der Betrieb noch am Anfang. Gemeinsam mit dem Digitalzentrum Magdeburg untersuchte FREROtec, ob KI technische Zeichnungen “lesen” kann. “Die KI ist quasi auf dem Stand eines Azubis im ersten Lehrjahr”, resümiert Borgmann ehrlich. Getreu dem Leitsatz der Handwerkskampagne “Wir können alles, was kommt.” lässt er sich davon nicht entmutigen. Er wird den Wandel gestalten und die KI so fit machen, dass sie Wachstumschancen eröffnet.
Betriebsnachfolge
Das Netzwerk Unternehmensnachfolge Sachsen-Anhalt, zu der auch die regionalen Handwerkskammern gehören, hat die Dieter Frenkel & Co. Erodier- und Zerspanungstechnik KG in Gernrode und Claudius Borgmann zusammengebracht. Frenkels Firma war bei der Handwerkskammer gelistet als Betrieb, der einen Nachfolger sucht. Claudius Borgmann war auf der Suche nach einem Betrieb auf das Netzwerk aufmerksam geworden. Mindestens 125.000 Familienbetriebe werden in den nächsten fünf Jahren eine Betriebsnachfolgerin oder einen Betriebsnachfolger suchen, sei es in der Familie, in der Belegschaft oder extern. Welche Herausforderungen und Unterstützungsangebote es dabei gibt, darüber informiert die ZDH-Infoseite:
Jahrbuch 2026
Diese Handwerk-Story wurde zuerst im ZDH-Jahrbuch 2026 veröffentlicht. Das Jahrbuch steht unter dem Motto "Zukunft im Handwerk. Trends im Blick. Mit Können gestalten." Dieses Jahrbuch lädt dazu ein, nach vorn zu schauen und zugleich anschaulich und beispielhaft zu erleben, wie Zukunft im Handwerk bereits heute entsteht.