Ein Meister ressourceschonender Mobilität
Klaus Schmitt, Zweiradmechaniker aus Babenhausen führt das Traditionsunternehmen Zweiradshop Niederhofer.
Foto: Zweiradshop Niederhofer
Es ist das Jahr 1990: Zum 17. Geburtstag gehört ein Gutschein für eine Radlerhose zu den Geschenken für den fahrradbegeisterten Schüler Klaus Schmitt. Einzulösen bei Zweiradshop Niederhofer im hessischen Babenhausen, bereits damals vor 35 Jahren erste Adresse für Radsportfans in der Region. Während Klaus in der Kabine diverse Radlerhosen ausprobiert, plaudert seine Mutter mit der Chefin Waltraud Justin, die erzählt, dass sie in der Radwerkstatt Verstärkung braucht. Klaus geht nicht nur mit einer neuen Hose nach Hause, sondern gleich auch mit einem Nebenjob. Neben der Schule ölt er Ketten, baut neue Räder auf und flickt Reifen. Und findet seinen Traumjob. Heute ist Klaus Schmitt Inhaber von Zweiradshop Niederhofer. Nach dem Aushilfsjob folgten die Ausbildung zum Zweiradmechaniker, der Meistertitel und auch der Betriebswirt des Handwerks und schließlich die Übernahme des Betriebs. Von der Radlerhose zum eigenen Radladen: Hier lebt ein Fahrradfan seinen Traum. Im lichtdurchfluteten, weiträumigen Ladengeschäft ist die enorme Bandbreite an Modellen ausgestellt: Pedelecs, E-Bikes, Sport- und Alltagsräder, Mountainbikes, GMX-Räder und Gravelbikes können in Ruhe und ausgiebig Probe gefahren werden.
"Wir sorgen für ein Wohlgefühl auf dem Rad"
Kaum jemand weiß, wie abwechslungsreich die Arbeit in einem Fahrradgeschäft ist.
Foto: Zweiradshop Niederhofer
Ein top ausgebildetes Team ist im Verkauf wie in der Werkstatt mit Herzblut bei der Sache. Kundinnen und Kunden werden im hauseigenen Ergonomiestudio vermessen, damit sie Räder finden, die auf ihre körperlichen Voraussetzungen abgestimmt sind. Vorhandene Räder können, soweit es möglich ist, angepasst werden, vom Sattel bis zum Lenkergriff und zur geänderten Sitzposition. “Wir sorgen für ein Wohlgefühl auf dem Rad”, verrät Klaus Schmitt das Geheimnis. Die Meisterwerkstatt kümmert sich um den Service und die Wartung der Fahrräder, führt Inspektionen durch und baut Räder auf Wunsch auch um. "Die Herren aus der Werkstatt – es sind aktuell nur Herren, wir würden uns über weibliche Verstärkung freuen – bringen zusammen weit über 35 Jahre Erfahrung mit", sagt der 52-Jährige. Sein Team wird regelmäßig geschult, hält sich auf dem neuesten Stand der Technik.
Der Schlüssel zum Erfolg ist und bleibt das kompetente und motivierte Team.
Zwei angehende Zweiradmechatroniker lernen gerade bei Zweiradshop Niederhofer: “In ganz Hessen gibt es 250 Auszubildende im Zweiradmechatronikerhandwerk Fachrichtung Fahrrad, die Tendenz ist aber deutlich fallend. Im aktuellen Jahrgang sind es nur noch etwa 45 Personen”, sagt Klaus Schmitt. “Völlig unterschätzt für einen Beruf, der so viel drauf hat: die Neumontage, Reparaturen von voll gefederten Fahrwerken, die Fehlersuche im Elektronikdschungel moderner Räder mit ABS, zudem das Thema Licht mit Aufblendlicht, Bremslicht und Blinkern. Oder das Montieren von beheizbaren Sätteln. Dazu der Kontakt zur Kundschaft, die Beratung, das schöne Gefühl, Menschen für Zweiräder zu begeistern.”
Wer passt in Schmitts Team? “Leute, die für etwas brennen können und nicht beim ersten Widerstand aufgeben!” Seine Meisterwerkstatt bietet Schülerpraktika zum Reinschnuppern und für einen Reality-Check.
Bei der Betriebsübernahme das Know-how erhalten
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Sensoren zeigen die richtige Einstellung für das Fahrrad.
Foto: Zweiradshop Niederhofer
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Auch der Luftdruck der Reifen sollte richtig eingestellt werden.
Foto: Zweiradshop Niederhofer
“Vielfalt, Handwerk, Menschen” – mit diesem Dreiklang wirbt Klaus Schmitt für seinen Beruf. Er hat nach dem Abitur ohne klare Berufsidee zuerst seinen Grundwehrdienst absolviert. “Dann dachte ich, mach doch dein Hobby zum Beruf”, erzählt er. Drei Jahre nach der Ausbildung schloss er gleich den Meister an und arbeitete in leitender Position in einem Fahrradgeschäft. Als er hörte, dass seine ehemalige Chefin die Verantwortung für den Familienbetrieb in andere Hände legen wollte, gab er ein Angebot ab. “Ich wollte ein bereits bestehendes Geschäft übernehmen, um nicht bei null anfangen zu müssen”, schildert er seine Beweggründe. Obschon er finanziell weniger bot als andere, konnte er seine ehemalige Chefin mit seinen nachhaltigen Ideen überzeugen. 2008 übernahm er den Betrieb, in dem er einst als Schüler jobbte. “Zwischen uns stimmte die Chemie und ich hatte das große Glück, dass sie noch elf Jahre angestellt bei uns arbeitete. So blieb uns ihr Know-how erhalten.”
Klaus Schmitt setzt eigene Akzente in puncto Nachhaltigkeit. Er baute im Jahr 2016 einen neuen, größeren Standort in Babenhausen auf, der gleich drei Jahre später noch einmal erweitert wurde. Beide Gebäudeteile sind in Holzständerbauweise errichtet, die für einen möglichst niedrigen CO₂-Fußabdruck sorgt. Geheizt wird mit einer Luft-Wasser Wärmepumpe, der Strom für Ladenbeleuchtung, die Akkuladungen, das Licht und die EDV kommt aus der eigenen Photovoltaikanlage auf dem Dach. Rechnungsformulare werden in einer Öko-Druckerei produziert, verwendet wird ausschließlich Papier mit Blauem-Engel-Zertifikat. Selbstverständlich werden Reifen und Schläuche recycelt, Li-Ion-Akkus werden zurückgenommen und an ausschließlich zertifizierte Verwerter weitergegeben.
Die Chancen des E-Bike-Marktes frühzeitig erkannt
Zweiradshop Niederhofer präsentiert seinen Riesenauswahl in einem Gebäude, das in Holzständerbauweise errichtet wurde, einen niedrigen CO²-Fußabdruck hat und mit einer Luft-Wasser-Wärmepumpe geheizt wird.
Foto: Zweiradshop Niederhofer
Früh erkannte Klaus Schmitt, welches Potenzial in E-Bikes lag, und zwar schon zu einer Zeit, als “es noch hässliche, schwere Haufen ohne Reichweite waren”. In keinem anderen Land in Europa werden so viele Elektroräder verkauft wie in Deutschland. In Europa ist Deutschland der größte Markt für E-Bikes, wie eine Marktanalyse der Unternehmensberatung EY im Jahr 2025 zeigte. Demnach machte die Fahrradbranche in Deutschland mit E-Bikes im Jahr 2024 einen Umsatz von knapp 5,4 Milliarden Euro. Das ist fast die Hälfte des gesamten europäischen E-Bike-Umsatzes von zwölf Milliarden Euro. In Deutschland waren 54 Prozent der verkauften Fahrräder E-Bikes.
Das sind gute Nachrichten für einen Fahrradenthusiasten wie Klaus Schmitt, der nicht glücklich damit ist, wie viel Raum Autos in unserer Umwelt einnehmen dürfen. Feinstaub, Lärm, Ressourcenverbrauch, Flächenversiegelung für Parkplätze: Der Zweiradmechanikermeister hadert damit, dass die Politik nicht stärker auf nachhaltigere Mobilitätskonzepte setzt. “Obwohl Fahrradfahren in Städten wie Kopenhagen oder Amsterdam selbstverständlich ist und Städte wie Paris und Barcelona vormachen, wie es besser geht, hinkt Deutschland bei sicheren Radwegen, Fahrradparkhäusern oder einer ganzheitlichen Radinfrastruktur hinterher. Der Wandel scheitert an traditionellen Strukturen und fehlendem Mut zur radikalen Veränderung”, bedauert Klaus Schmitt.
Charta für nachhaltiges Wirtschaften ist längst unterzeichnet
Er würde sich wünschen, dass Deutschland sich stärker mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter motiviert er mit einer Prämie: Wer mit dem Rad zur Arbeit strampelt, bekommt täglich 30 Cent pro Kilometer. Sein Betrieb arbeitet mit Unternehmen in der Region zusammen, die ihren Angestellten E-Leasingräder zur Verfügung stellen. In Zusammenarbeit mit der Stadt wurden am Bahnhof Babenhausen 40 Fahrradboxen aufgestellt, in denen Fahrräder sicher geparkt werden. Ehrensache, dass Zweiradshop Niederhofer als einer der ersten Betriebe die “Charta für nachhaltiges Wirtschaften” des Landes Hessen unterzeichnete und dass Klaus Schmitt längst den Nachhaltigkeitscheck 360° der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main durchgeführt hat. Ein Fahrradbegeisterter, der für etwas brennt und unnachgiebig seinen Traum verfolgt.
Jahrbuch 2026
Diese Handwerk-Story wurde zuerst im ZDH-Jahrbuch 2026 veröffentlicht. Das Jahrbuch steht unter dem Motto "Zukunft im Handwerk. Trends im Blick. Mit Können gestalten." Dieses Jahrbuch lädt dazu ein, nach vorn zu schauen und zugleich anschaulich und beispielhaft zu erleben, wie Zukunft im Handwerk bereits heute entsteht.