Tradition mit Zugkraft
Stefan Lehmann in seiner Netzmanufaktur und Seilerei Kloska Rostock GmbH
Foto: Kloska Rostock GmbH
Der Rostocker Fischereihafen ist längst kein Hafen mehr für Fischerboote. Heute werden hier, im zweitgrößten Hafen der Hansestadt, Massen- und Stückgüter wie Holz, Dünger, Getreide und Baustoffe umgeschlagen. Zwischen den Lagerhallen liegt ein Ort, an dem ein traditionelles und seltenes Handwerk gepflegt wird: die Netzmanufaktur und Seilerei der Kloska Rostock GmbH. Wer die 85 Meter lange Werkhalle betritt, in der von der Decke zahllose Haken baumeln, ist zunächst überrascht – von der Stille. “Ruhe, Geduld, mathematisches Verständnis und etwas Englisch, das braucht man in unserem Beruf”, erklärt Seilermeister Stefan Lehmann. Dies ist einer der größten und modernsten Netzböden Europas, der Bereich, in dem Netze für Fischerei und Industrie gefertigt werden. Auch heute noch entstehen hier Seile und Netze in Maßarbeit, Knoten für Knoten, sorgfältig angepasst an die speziellen Anforderungen der Kundschaft.
Maßarbeit in Handarbeit
Der ehemalige Hochseefischer Maik Sorge bringt seinen enormen Erfahrungsschatz in die Netzfertigung mit ein
Foto: Kloska Rostock GmbH
Hunderte von Knoten müssen die Seiler setzen, bis ein Netz fertig ist. Hoch konzentriert fertigen die 13 Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin in traditioneller Handarbeit individuelle Fischereinetze, Ballfangnetze für Sportstätten, Sicherungsnetze für Baustellen oder für Container, Netze für Zoos und Biogasanlagen. Auch Stahl- und Faserseile werden hier konfektioniert, etwa Festmacher für Schiffe oder neue Takelagen für Segelschiffe wie die Alexander von Humboldt II oder die Gorch Fock. Die Kloska Rostock GmbH liefert weltweit. So werden etwa Ballfangnetze auch schon einmal in Südafrika auf einem Kreuzfahrtschiff installiert. “Die Arbeit hier ist sehr abwechslungsreich und man kommt auch mal rum”, sagt Lehmann mit einem Lächeln. 1999 startete er seine drei jährige Ausbildung zum Seiler, 2010 legte er in der Rostocker Firma, die heute zur Kloska Group gehört, seine Meisterprüfung ab.
Wenn man einmal bewusst darauf achtet, gibt es in unglaublich vielen Bereichen Netze: auf Spielplätzen, Baustellen, Schiffen, in Sportstätten, Zoos und Tierparks. All das haben Seiler gemacht.
Traditionelles Handwerk mit neuer Anwendung
Stefan Lehmann zeigt dem Auszubildenden, was bei der Netzherstellung für Biogasanlagen zu beachten ist
Foto: Kloska Rostock GmbH
Das Seilerhandwerk wandelt sich. “Die Ostseefischerei ist so gut wie am Ende in Deutschland. Gerade jetzt, wo wir hier sprechen, beraten die EU-Fischereiminister über die neuen Fangquoten”, sagt der 43-jährige Seilermeister nachdenklich. Sinkende Fangquoten und drohende Fangstopps für Dorsch und Hering verändern den Markt. Während die Nachfrage nach neuen Fischereinetzen auf nur noch wenige Stück im Jahr zurückgegangen ist, boomt seit 2009 das Geschäft mit Schutznetzen für Biogasanlagen. Rund 700 bis 1.000 solcher Netze fertigt das 14-köpfige Team jährlich. “Monatlich verarbeiten wir etwa vier bis sechs Tonnen Material. Wir kaufen das Rohmaterial aus Portugal und Spanien und passen es dann individuell an die Kundenwünsche an”, erklärt Lehmann. Die fertigen Unterspannnetze verhindern, dass die darüberliegenden Membranfolien bei der Reinigung in die leeren Biogasbehälter fallen. Gleichzeitig vergrößern sie die Oberfläche, auf der sich Schwefelbakterien ansiedeln können, was die Gasproduktion verbessert. Es ist ein anschauliches Beispiel dafür, an wie vielen, teils unerwarteten Stellen das Handwerk einen Beitrag zur Energiewende leistet. Die Nachfrage nach diesen Netzen ist seit Jahren konstant hoch. Zum festen Bestandteil des Arbeitsalltags gehört auch die Seilkonfektionierung, also das Herstellen gebrauchsfertiger Seile durch das Zuschneiden, Verarbeiten und Ausstatten mit passenden Endverbindungen wie Schlaufen oder Haken.
Maßarbeit mit Geschichte
“Eigentlich hat jeder Seilerbetrieb in Deutschland seine eigene Nische. Es gibt nur noch wenige, die Seile und Netze von Grund auf selbst produzieren. Auch wir stellen das Grundmaterial nicht vollständig selbst her, sondern konfektionieren es für die Kunden”, erklärt Lehmann. So erhält beispielsweise jedes Seil sein individuelles “Auge”. Das ist die Schlinge, mit der Schiffe und Boote am Kai festgemacht werden. Ein klassisches Verfahren dafür ist das Spleißen. Dabei werden die einzelnen Litzen eines Seils miteinander verflochten, um eine feste, dauerhafte Verbindung zu schaffen, zum Teil verstärkt mit einer sogenannten Kausche aus Metall, die das Aufreiben des Seils verhindert. “Wir bieten auch gepresste, vergossene oder aufgewalzte Endverbindungen an”, erläutert Lehmann.
Seilerei ist noch echte Handarbeit. Kein Roboter und keine KI kann einen Spleiß herstellen oder individuelle Lösungen finden, um ein Netz vor Ort an die Gegebenheiten anzupassen.
Handwerk mit Präzision und Erfahrung
Beim Spleißen wird das Seil so verflochten, dass es dauerhaft bruchfest verbunden ist
Foto: Kloska Rostock GmbH
Wenn Stefan Lehmann anfängt, über die Details seines Handwerks zu reden, spürt man das Traditionsbewusstsein des Seilermeisters. “Wir haben in den vergangenen Jahren zwar auch einige neue Computerprogramme bekommen, die Netzkonstruktionen berechnen können, aber das traditionelle Wissen darf nicht verloren gehen”, mahnt Lehmann und holt ein Buch aus dem Schrank, das er für einige hundert Euro im Antiquariat gekauft hat: “Fischfangtechnik Fangtechnologie”, VEB Transpress Verlag, 1971. “Das Buch war einmal berufsbildende Literatur des VEB Fischkombinats. Ich gebe das heute noch unseren Azubis zum Lesen.” Auch wenn heutzutage jede Planung eines Netzes am Computer mit moderner CAD-Software beginnt, ist der Erfahrungsschatz der älteren Mitarbeiter unersetzbar: Ehemalige Hochseefischer wie der 60-jährige Maik Sorge bringen nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch jahrzehntelange Erfahrung ein. Mit Netznadel und Fingerspitzengefühl wird jeder Knoten passgenau gesetzt: Handwerkliche Maßarbeit im wahrsten Sinne des Wortes. “Wir arbeiten intensiv daran, das Wissen von Mitarbeitern wie Maik an die junge Generation weitergeben zu können. Wenn er bald in Rente gehen wird, wird ein großer Erfahrungsschatz fehlen”, so Lehmann. “Nicht mehr viele junge Leute kennen den Alltag auf einem Fischereifahrzeug.”
Ausbildung und Zukunft
“Schiffe und Fußballplätze wird es immer geben”, sagt Lehmann mit einem Lächeln. Deshalb sieht er seinen Beruf nicht als aussterbendes Handwerk. Seit diesem Jahr bildet der Betrieb wieder einen Lehrling aus. Das freut den Seilermeister nach all den Jahren, in denen Nachwuchs schwer zu finden war. Lehmann engagiert sich seit 2020 ehrenamtlich als Vorsitzender der Gesellenprüfungskommission. “Viele junge Menschen wissen gar nicht, dass es den Beruf des Seilers noch gibt”, erzählt er. Die Ausbildung sei für die Azubis auch mit ziemlichem Aufwand verbunden, da es bundesweit nur noch eine einzige Berufsschule für das Seilerhandwerk gibt: die Staatliche Berufsschule für Textilberufe in Münchberg in Bayern. Das heißt für Liam, den Lehrling aus Rostock: Alle drei bis vier Wochen eine Fahrt von über 500 Kilometern, zwei Wochen Blockunterricht und Unterkunft im Azubiwohnheim. Eine logistische und finanzielle Herausforderung für den Betrieb ebenso wie für den Nachwuchs.
Um für das traditionsreiche Handwerk zu werben, ist die Kloska Rostock GmbH auf Berufsmessen, bei der Hanse Sail und im Berufsinformationszentrum Rostock präsent. “Unser Beruf ist so vielseitig und kreativ. Man arbeitet mit unterschiedlichen Materialien, entwickelt individuelle Lösungen und sieht am Ende, was man geschaffen hat”, schwärmt Lehmann. “Dieses Gefühl, etwas Beständiges mit den eigenen Händen zu fertigen, das ist durch keine Maschine oder KI zu ersetzen.”
Einsätze, die in Erinnerung bleiben
Die Vogelfreianlage in Essen ist eine der größten Anlagen ihrer Art in Deutschland
Foto: Kloska Rostock GmbH
Wenn man Stefan Lehmann nach den Aufträgen fragt, die ihm besonders im Gedächtnis geblieben sind, muss er nicht lange überlegen. “Bei den Netzen war sicherlich eines der Highlights die Vogelfreifluganlage im Grugapark Essen: Mit 4.000 Quadratmetern Grundfläche (5.300 m2 Netzfläche) und einer Höhe von 15 Metern ist das eine der größten Freiflugkonstruktionen Deutschlands.” Solche Projekte seien nicht nur technisch anspruchsvoll, sondern auch beeindruckend, wenn man das fertige Werk schließlich unter freiem Himmel sehe.
Unvergessen bleibt auch ein Einsatz aus dem Jahr 2024: Der Öltanker Annika geriet vor Rostock in Brand. Gegen 19.00 Uhr erreichte den Kloska-Standortleiter Kai Waldhauer ein Anruf: Das gelöschte, aber manövrierunfähige Schiff sollte in den Rostocker Hafen geschleppt werden. Doch die beschädigten Festmacher durften nicht mehr verwendet werden. Innerhalb kürzester Zeit mobilisierte Waldhauer drei Mitarbeiter, darunter auch Lehmann selbst. Sie fuhren noch am Abend in den Betrieb, holten das Material aus dem Lager und fertigten nach den durchgegebenen Daten neue Festmacher. Noch in derselben Nacht wurden sie montiert. Ein Einsatz, der zeigt, was Handwerk im besten Sinne bedeutet: Zuverlässigkeit, Flexibilität und Lösungsorientierung.
Jahrbuch 2026
Diese Handwerk-Story wurde zuerst im ZDH-Jahrbuch 2026 veröffentlicht. Das Jahrbuch steht unter dem Motto "Zukunft im Handwerk. Trends im Blick. Mit Können gestalten." Dieses Jahrbuch lädt dazu ein, nach vorn zu schauen und zugleich anschaulich und beispielhaft zu erleben, wie Zukunft im Handwerk bereits heute entsteht.