Zwei der letzten ihrer Zunft

Das Bürsten des filzigen Schaffells geht Karl Braun locker von Hand. So wie einst schon seinem Großvater und Vater, und wie auch seinem Sohn Sebastian, der das Gerber-Handwerk ebenfalls erlernt hat. "Früher gab es in Geislingen viele Gerbereien, jetzt sind wir die letzten unserer Zunft in der Stadt, und der nächste Betrieb ist in Biberach", erzählt der 68-Jährige, während er unermüdlich weiter striegelt, bis sich die Haare dem Strich beugen und in die Richtung legen, in der Karl Braun sie haben will.

Gerber in voller Montur bei der Arbeit.
Karl Braun und sein Sohn Sebastian betreiben eine Gerberei in Geislingen an der Steige, die vor mehr als 100 Jahren gegründet wurde.
Foto: Eva Herschmann

"... und dann kann gekuschelt werden."


Die Gerberei Braun hat sein Großvater, der ebenfalls Karl hieß, 1914 in der Stadt im Filstal gegründet. "Seit 1919 ist der Betrieb offiziell in die Handwerkskammer eingetragen", berichtet Karl Braun, der mit seinem Sohn Sebastian, 37 Jahre, überwiegend Haut und Fell von Schafen verschafft. Ledersohlen, wie der Opa sie noch gefertigt hat, stellt er nicht mehr her. "Die sind heute alle aus Kunststoff. Auch für Bekleidungsleder gibt es keinen Markt mehr, mein Vater hat das noch gemacht und bis nach Berlin geliefert", erzählt der Senior.


Vieles andere ist aber noch so wie früher. Noch immer bringen Jäger Füchse und Wildschweine, damit Karl Braun und sein Sohn aus den Fellen Trophäen fertigen. Die Rohfelle der überwiegend Merino-Schafe, manchmal auch Heidschnucken, werden noch immer bei Schäfern von der Schwäbischen Alb gekauft, und das Leder wird noch immer von Hand in Form geschnitten. Bei anderen Arbeitsgängen helfen Maschinen. In eine davon lässt Karl Braun das Lammfell geübt hineingleiten, damit Haut und Haare bei Temperaturen von 160 bis 200 Grad gebügelt werden. Der Vorgang ist einer der letzten Schritte beim Gerben. Ganz zum Schluss wird die Fellseite in einer "Kämm-Maschine" in die finale Form getrimmt, und dann kann gekuschelt werden.

Säuglinge, die in ihren ersten drei Lebensmonaten auf Lammfell oder ein anderes Tierfell gebettet werden, haben ein geringeres Risiko, an Asthma zu erkranken. Das ist das Ergebnis einer Studie von Forschern des Helmholtz Zentrums München mit über 2.400 Kindern des Jahrgangs 1998, die im Jahr 2014 veröffentlicht wurde. Die Gerber aus Geislingen wissen schon lange um die positive Wirkung ihrer Naturlammfelle, die bei Rheuma, Ischias und Bandscheibenschmerzen helfen und wahre Wunder gegen Wundliegen bewirken. Sebastian Braun hat die medizinische Studie aus München trotzdem auf der Internetseite der Gerberei verlinkt. Von dort kommt der Fellfreund auch auf den Online-Shop des traditionsreichen Handwerkbetriebs, der seit 2008 – neben dem Werkstattverkauf und den Ständen auf Messen und Märkten, vor allem in der Weihnachtszeit – das dritte Standbein des Familienbetriebs ist.

Der Online-Shop ist das dritte Standbein des Unternehmens


Das professionelle Marketing unter www.fell-paradies.de hat der Junior im Rahmen seiner Diplom-Arbeit zum Betriebswirt eingeführt. In Corona-Zeiten sind die Brauns, die gewöhnlich über 150 Messen und Märkte im Jahr beschicken, dankbar, dass ihre internationale Kundschaft digital bei ihnen einkauft. Die Produkte des Geislinger Betriebs – neben den klassischen Lammfellen, sind das Hausschuhe- und Kinderschühchen, Bettauflagen, Sofa- und Sesselfelle, Kinderwagensäcke oder Tagesdecken, auf Wunsch maßgefertigt – gehen in alle Regionen Deutschlands, in die Schweiz, nach Italien oder Österreich.

Aber auch der Werkverkauf ist keine Seltenheit. Das Ehepaar, das plötzlich in der Werkstatt mit Lager steht, sucht ein Lammfell. "Wir haben unserem Sohn letzte Weihnachten eines geschenkt, und seine Schwester war davon ganz begeistert, also bekommt sie jetzt eines zum Geburtstag", erzählt die Frau. Es dauert bei der riesigen Auswahl an Größen und Farben nicht lange, bis das passende Fellmodell für die Tochter gefunden ist.

Der Arbeitsprozess beginnt in der Wasserwerkstatt


Der lange Arbeitsprozess bis zum kuscheligen Fell beginnt bei den Brauns seit mehr als 100 Jahren in der "Wasserwerkstatt" in der Mühlstraße 7 in Geislingen. Dort reinigen Vater und Sohn die Felle, die sie von Jägern, regionalen Schäfern oder Kaninchenzüchtern bekommen oder kaufen, erst einmal gründlich und entfernen letzte Fett und Fleischreste. "Weil wir nicht chemisch reinigen, wird das Fell sauber aber nicht entfettet. Das Lanolin, das im Sommer kühlt und im Winter wärmt, bleibt drin", sagt Sebastian Braun, die vierte Generation der Gerber-Familie.

Erst nach ein bis zwei Tagen, vielen Waschgängen mit einem speziellen Mittel in einer Spezial-Maschine und häufigem Wasserwechseln, werden die Felle gegerbt. "Und zwar in einer Lake mit ganz normalem Salz", erzählt Karl Braun. Im Lager im Industriegebiet "Neuwiesen" werden die Felle anschließend mit warmer Luft getrocknet und sind danach ziemlich hart. Also werden sie wieder nass gemacht und sorgfältig gestollt. Beim Stollen wird die Lederseite auf eine schnell rotierende Trommel gepresst, was sie wieder weich macht. Zur optischen Verschönerung wird das Leder der Felle noch geschmirgelt, bevor der letzte Feinschliff mit Bügeln und Kämmen folgt. Ganz zum Schluss klebt Sebastian Braun dann das Qualitätssiegel mit dem Prädikat "Naturlammfell" auf das Produkt – und das tut er mit voller Überzeugung. "Ich habe auch ein Schaf-Schlaffell."

Gerber verschafft Schaffell.
Geübte Handgriffe: Sebastian Braun beim Verschaffen von Schaffell.
Foto: Eva Herschmann
Zwei Gerber arbeiten in ihrer Werkstatt.
Eingespieltes Team: Vater und Sohn in ihrem Traditionsbetrieb.
Foto: Eva Herschmann
Gerber macht Leder nach dem Trocknen wieder weich.
Beim Stollen wird das Leder nach dem Trocknen wieder weich gemacht.
Foto: Eva Herschmann
Ein Gerber arbeitet mit einer Nähmaschine.
Auch Nähen gehört zum Gerber-Handwerk.
Foto: Eva Herschmann

Diese Story von Eva Herschmann erschien zuerst in der Sonderveröffentlichung der "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" zum Thema "Handwerk – Die Zukunftsmacher".

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