Zentralverband des
Deutschen Handwerks

Mit Holz, Glas und Herz

Glasermeisterin und Betriebswirtin Eva-Maria Keilbach führt den Familienbetrieb in sechster Generation. Sie zeigt, wie Tradition, Präzision und Kreativität im Handwerk zusammenwirken.
Glasmeisterin und Betriebswirtin Eva-Maria Keilbach in ihrem Betrieb

Eva-Maria Keilbach, Glasermeisterin und Betriebswirtin

Schöntal – die “Perle des Jagsttals” – ruht zwischen sanften Hügeln und weiten Auen im Hohenlohekreis. Ein malerischer Winkel im Ländle, wie im Bilderbuch prangt hoch über dem Tal die ehemalige Zisterzienserabtei, ein barocker Traum. Eine Gegend für Menschen, die das Leise lieben. In der Imagekampagne der Landesregierung wurde aus dem Ländle “The Länd”. Augenzwinkernd soll das als verstaubt empfundene “Schaffe, schaffe, Häusle baue”-Klischee ersetzt werden, Baden-Württemberg zeigt sich weltoffen, innovativ und kreativ. Eva Maria Keilbach, Glasermeisterin und Betriebswirtin (HWK), verkörpert all diese Tugenden.

Gemeinsam mit ihrem Vater hat sie die Geschäftsführung des Familienbetriebs Fensterbau Keilbach in Schöntal-Oberkessach übernommen. Sie ist Chefin eines zehnköpfigen Teams, Mutter einer Tochter und eines Sohnes und als Influencerin in den sozialen Medien aktiv. Dort ist sie Botschafterin ihres Handwerks und hat bereits vor Jahren damit angefangen, ihre bald 8.000 Followerinnen und Follower in die Kunst der Glasbearbeitung ("Glas schneiden mit Eva") einzuweihen.

Keine Lust auf vergiftete Komplimente

Eva-Maria Keilbach steht im Holzlager

Schon als kleines Mädchen hat sich Eva-Maria Keilbach ein Stück Holz geschnappt und mit dem Hammer bearbeitet.

Inzwischen thematisiert die 38-Jährige auch in den Sozialen Medien die Herausforderungen, die eine Betriebschefin und Mutter von zwei kleinen Kindern meistert. Dabei macht sie sich Gedanken über Rollenstereotype, von denen sie sich wünschte, sie wären in Deutschland längst in die Mottenkiste gepackt: “In der Bundesrepublik wurde erst 1994 das vollständige Berufsverbot für Frauen im Bauhauptgewerbe aufgehoben. Es dauert, bis sich in den Köpfen der Menschen etwas ändert.” Nimmt Eva-Maria Keilbach gemeinsam mit ihrem Ehemann Patrick, der die Werkstatt des Familienbetriebs leitet, Kundentermine wahr, läuft das in neun von zehn Fällen so ab, dass der Mann direkt angesprochen wird. “Die meisten denken, ich bin die Bürokraft”, erzählt sie. Ihr Ehemann stellt dann zwar deutlich klar, wer die Expertin mit dem Meistertitel ist, aber auf diese Momente könnte sie gut verzichten, findet Eva-Maria Keilbach. Es nervt sie, dass sie als Handwerkerin mit veralteten Rollenzuschreibungen umgehen muss. Noch schlimmer findet sie das vergiftete Kompliment “Toll, dass du das machst”: “Das hörst du nur als Frau, bei einem Mann kommt niemand auf die Idee, so etwas zu sagen.”

Auch in der Meisterklasse war ich allein unter Männern. Das war aber nie ein Thema. Alle waren sehr motiviert und wir haben uns gegenseitig angespornt.

Schon als kleines Mädchen mit Holz und Hammer gespielt

  • Die moderne Halle des Familienbetriebs

    Die moderne Halle mit Holzbalken und hohen Decken bietet eine angenehme Arbeitsumgebung.

  • Eva-Maria Keilbach an der modernen CNC-Fensterfertigungsanlage

    Eva-Maria Keilbach an der modernen CNC-Fensterfertigungsanlage

Es sind manchmal die Auftraggeberinnen und Auftraggeber, bei denen Vorurteile durchblitzen. “Während meiner Ausbildung und auch in der Meisterschule war das nicht ein einziges Mal Thema. Selbst in meiner Berufsschulklasse, wo ich die einzige Frau war”, stellt die Glasermeisterin klar. Natürlich herrschten auch zu Hause keine falschen Rollenklischees. Eva-Maria Keilbach bekam von Kindesbeinen an mit, was es bedeutet, einen Handwerksbetrieb zu führen. Das Wohnhaus der Familie sowie Werkstatt, Ausstellung und Büro des Unternehmens bilden einen großen Gebäudekomplex. Dort hat sie sich schon als kleines Mädchen ein Stück Holz geschnappt und mit dem Hammer schöne Muster genagelt. Der Vater Heinz (Glasermeister und Holztechniker) und die Mutter Gudrun (Leitung Buchhaltung/Personalwesen) waren überglücklich, als ihre Tochter sich dazu entschied, die Familientradition in sechster Generation fortzuführen. Druck aufgebaut haben ihre Eltern nie, wie Eva-Maria Keilbach verrät: “Ich war völlig frei, nie haben sie mir reingeredet. Nach der Schule habe ich zunächst eine kaufmännische Ausbildung gemacht und dann ein Studium der Betriebswirtschaft begonnen. Da habe ich schnell gemerkt: Das ist nichts für mich, ich brauche handfeste Aufgaben.”

Der Betrieb ist spezialisiert auf hochwertige Holzfenster, Holz-Aluminium-Fenster und Haustüren aus Holz. Die Arbeit mit den natürlichen Werkstoffen Holz und Glas verlangt handwerkliches Geschick und Präzision. Wer ein Fenster baut, muss planen, messen, sägen, Holzrahmen zusammen führen und sie montieren. Jedes Fenster ist ein Unikat. Auf dem Firmengelände herrscht der intensive harzige Duft nach gesägtem und gehobeltem Holz vor, der Holzstaub verströmt ein leicht süßliches Aroma, darüber liegt eine nussig-erdige Komponente von Naturölen. 

Für Eva-Maria Keilbach ist Glas mehr als ein transparenter Baustoff – es ist ein faszinierendes Material, das Licht durch lässt und gleichzeitig schützt. Die Bearbeitung erfordert ein feines Gespür: Präzises Anritzen, kontrolliertes Brechen und sauberes Schleifen der Kanten verlangen jahrelange Erfahrung und eine ruhige Hand. “Kaum jemand denkt darüber nach, wie vielseitig der Werkstoff ist. Je nachdem, wie er bearbeitet wird, kann Glas Wärme dämmen oder Schall abhalten.”

Die Glasermeisterin lebt ihre kreative Seite aus

Glasermeisterin und Betriebswirtin Eva-Maria Keilbach

Unter dem Label "EMKUNST" arbeitet Eva-Maria

Keilbach kunsthandwerklich alte Fensterteile und

Glasscheiben auf.

In den wenigen Stunden, die Eva-Maria Keilbach für sich selbst bleiben, lebt sie ihre kreative Ader aus: Sie zieht sich zurück an die Werkbank des Großvaters Herrmann und zimmert aus alten Fenstern besondere Rahmen: handgefertigte Unikate. Unter dem Label “EMKUNST” arbeitet sie kunsthandwerklich alte Fensterteile und Glasscheiben auf: “Das Upcycling alter Fenster ist für mich der perfekte Ausgleich zu meiner Arbeit. Aus Altem etwas Neues entstehen zu lassen, mit den Werkstoffen Holz und Glas zu arbeiten, macht mich zufrieden. Holz ist ein natürlicher Baustoff mit hervor ragenden Eigenschaften”, sagt sie. Ebenso gerne arbeitet sie an der modernen CNC-Fensterfertigungsanlage, die sie mit dem Computer programmiert, um die Materialausnutzung zu optimieren. 

Unsere Produkte geben den Menschen das Gefühl, endlich zu Hause zu sein!

Fensterbau Keilbach ist ein Ausbildungsbetrieb, doch aktuell ist es nicht gelungen, die Ausbildungsstelle im eigenen Betrieb zu besetzen. “Es gibt viele große Industriebetriebe in der Nähe. Da haben wir es schwer, auf uns aufmerksam zu machen”, beschreibt die Chefin die Situation. Sie hält Kontakt zu Schulen, beteiligt sich an Ausbildungsmessen und an Aktionen wie dem Girls’Day, dem Aktionstag, der Mädchen technische Berufe näherbringen möchte. “Ein großes Problem für junge Leute, die hier gerne eine Ausbildung machen möchten, ist der weite Weg zur Berufsschule in Stuttgart. Da müssen 100 Kilometer bewältigt werden. Das ohne Führerschein zu schaffen, ist eine Herausforderung”, sagt sie. 

Wer, wenn nicht sie, wüsste mit Herausforderungen umzugehen. Sie weiß, wie es ist, wenn Lieferzeiten nicht passen, ein Kind krank wird und der Montagetermin nicht warten kann. Ihr Rezept ist einfach: anpacken, pragmatisch bleiben, Lösungen finden. Verlässlich, unaufgeregt, mit beiden Beinen auf dem Boden. So wie es das Handwerk seit Generationen verlangt.

Jahrbuch 2026

Diese Handwerk-Story wurde zuerst im ZDH-Jahrbuch 2026 veröffentlicht. Das Jahrbuch steht unter dem Motto "Zukunft im Handwerk. Trends im Blick. Mit Können gestalten." Dieses Jahrbuch lädt dazu ein, nach vorn zu schauen und zugleich anschaulich und beispielhaft zu erleben, wie Zukunft im Handwerk bereits heute entsteht.

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