Zentralverband des
Deutschen Handwerks

Generationen-Bashing bringt niemanden weiter

In seinem Büro in Berlin-Lichtenberg plant der Gerüstbaumeister Andreas Krebs nicht nur Gerüstprojekte für die Hauptstadt, er plant auch die Zukunft seines Gewerks.
Gerüste sind an einem Gebäudekomplex aufgebaut

In den vergangenen 20 Jahren hat das Handwerk der Gerüstbauerinnen und Gerüstbauer einen umfangreichen Wandel durchlebt.

Andreas Krebs setzt auf Offenheit, unkonventionelle Ansprache und soziale Kompetenz der Betriebe, statt nur die Jugendlichen in die Pflicht zu nehmen. Seine Mission: Er will zeigen, dass sein Handwerk weit mehr ist als körperliche Arbeit unter freiem Himmel. Mit seinem Projekt “Unternehmen mit Klasse” und seinem Engagement als Berufspate betreibt er innovative Nachwuchsförderung. Seine Strategie ist dabei klar: Jugendliche früh an Berufe heranführen, ihre Stärken fördern und ihnen konkrete Perspektiven aufzeigen. “Mir ist es wichtig und ich will aktiv dazu beizutragen, dass gute Fachkräfte in meiner Branche ausgebildet werden”, betont der 50-Jährige. Seine Philosophie in der Nachwuchsförderung ist so einfach wie revolutionär: “Wir können nicht früh genug anfangen, Kindern die Vielfalt der Berufswelt zu eröffnen. Sie erst in der 8./9. Klasse plötzlich vor die Berufswahl zu stellen, ist aus meiner Sicht viel zu spät.” Hier setzt das Projekt “Unternehmen mit Klasse” an. Andreas Krebs begleitet Schulklassen über mehrere Jahre hinweg, baut Vertrauen auf und unterstützt die Schülerinnen und Schüler frühzeitig bei der Berufsorientierung. Um bereits Kinder in den Grundschulen für verschiedene Berufsbilder zu begeistern, engagiert er sich zusätzlich als Berliner Schulpate, einem Projekt der Handwerkskammer Berlin.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, jemanden zu haben, der an einen glaubt, der einen fördert. Ich hatte an der Meisterschule das Glück, auf solch einen Dozenten zu treffen. Heute setze ich mich für engagierte junge Leute ein.

Ich passe meine Erwartungen an die Realität an

  • Gerüstbaumeister und Geschäftsführer bei "Module - Gerüstbau und Hebetechnik" Berlin Andreas Krebs

    Gerüstbaumeister Andreas Krebs geht auf junge Menschen zu.

  • Gerüstbaumeister Andreas Krebs hilft einem Mädchen in die Sicherungsausrüstung

    Andreas Krebs ermuntert Kinder, sich im Handwerk auszuprobieren.

Der knallgrün angestrichene Sitz der Firma “Module Berlin” liegt an einem symbolisch passenden Ort: direkt am Betriebsbahnhof Rummelsburg im Berliner Bezirk Lichtenberg, wo der ehemalige Rangierbahnhof heute als Betriebsbahnhof dem Fernverkehr dient. Der Ort verkörpert Wandel und Aufbruch, genau wie das Handwerk, für das sich Andreas Krebs so leidenschaftlich einsetzt. Er will nichts davon hören, dass “die Jugend von heute” weniger leistungsbereit ist. “Generationen-Bashing bringt niemanden weiter”, sagt er. Andreas Krebs geht empathisch an die Nachwuchsgewinnung heran, sucht eine möglichst breite Perspektive, “ich versuche die Welt durch die Brille der jungen Generation zu sehen”. Ihm ist klar, dass er seine Erwartungen an die Realität anpassen muss. “Weil für unser Geschäft die Nachwuchskräfte von zentraler Bedeutung sind, engagiere ich mich, gute Leute zu finden und dafür zu sorgen, dass sie lange bleiben”, sagt er. Kommt jemand in Jogginghose zum Bewerbungsgespräch, ist das für Andreas Krebs okay. “Die Welt wandelt sich.”

Ein Kind der Wende sucht den richtigen Beruf

Wie sich ein krasser Wandel anfühlt, hat Andreas Krebs als Jugendlicher selbst erlebt. In Wismar geboren, bezeichnet er sich als “Kind der Wende”. Als er 14 Jahre alt ist, fällt die Mauer. Die Hälfte seiner Lehrerinnen und Lehrer ist plötzlich weg, auch viele Schülerinnen und Schüler. Nach der 9. Klasse hält ihn nichts mehr in der Schule. Er will schnellstmöglich Geld verdienen. Zunächst folgt er dem Rat seiner beiden Schwäger, die als Maurer arbeiten und von ihrem Job schwärmen. “Ich habe mich in den Bus gesetzt, noch im Bus meine Bewerbung geschrieben und wurde direkt eingestellt. Das wäre heute unvorstellbar”, schildert er. Doch der 15-Jährige hadert mit seiner Entscheidung. Er rasselt durch die erste Abschlussprüfung, dreht eine Extrarunde, besteht schließlich im zweiten Anlauf und arbeitet zunächst als Maurer. Zweimal muss er die bittere Erfahrung machen, nicht bezahlt zu werden. “Das war damals im Osten wie im Wilden Westen”, sagt er über diese schwierige Zeit nach der Wende.

Lego für Erwachsene und ein Gefühl der Freiheit

Ein Blick über Berlin, ein größeres Gerüst ist am Gebäude montiert

Wer im Gerüstbau tätig ist, entdeckt seine Umgebung auf ganz neue Weise.

Sein persönlicher Wendepunkt kommt, als er in eine Gerüstbaufirma wechselt und sofort spürt, dass er seinen Traumjob gefunden hat. In der Umschulung ist ihm kein Weg zu weit, kein Handschlag zu viel: hervorragende Noten, Abschlussprüfung mit glatter Eins, pure Freude an der Arbeit. Für die Meisterprüfung kommt er nach Bernau, arbeitet später für eine Berliner Firma. Was begeistert ihn an seinem Handwerk? “Es ist wie Lego für Erwachsene. Am Ende des Tages steht da etwas, was vorher nicht da stand, ein 300-Quadratmeter-Gerüst. Und es ist ein unbeschreibliches Freiheitsgefühl, nicht jeden Tag an denselben Arbeitsort kommen zu müssen. Wir entdecken die Stadt auf unsere Weise, arbeiten im Team und sind immer an der frischen Luft.” Die Schattenseiten verschweigt er nicht: “Im Winter kann die Luft eisig sein, wir bauen Gerüste auf bei Wind und Wetter.”

Geduld, Authentizität und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen

Zum Image seines Handwerks hat Andreas Krebs eine klare Meinung: “Unser Image ist durchwachsen. Unsere Branche durchlebte in 20 Jahren einen kompletten Wandel. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist Gerüstbau ein Ausbildungsberuf und 1998 wurde das Gewerk in die Handwerksrolle mit Meisterpflicht aufgenommen.” Während manche noch in alten Denkmustern verhaftet seien, haben andere erkannt, dass sich der Beruf grundlegend verändert hat. “Unsere Aufgaben sind durch komplexe Architekturen und eine stark wachsen de Geschwindigkeit beim Bauen anspruchsvoller geworden”, erklärt Krebs, der betont, dass der Beruf auch für Mädchen geeignet ist. Das Material ist leichter geworden, längst gehören Drohnen und 3D-Messgeräte zum Handwerkszeug. Neben dem Gerüstbau ist das etwa 30-köpfige Team ebenso versiert in der Hebetechnik: Die Monteure bauen auch große Bühnen für Konzerte. Mit seinem Engagement zeigt Andreas Krebs, dass erfolgreiche Nachwuchsförderung mehr ist als Stellenausschreibungen und Messeauftritte. Sie erfordert Geduld, Authentizität und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen.

Das Material ist leichter geworden, längst gehören Drohnen und 3D-Messgeräte zum Handwerkszeug. 

Jahrbuch 2026

Diese Handwerk-Story wurde zuerst im ZDH-Jahrbuch 2026 veröffentlicht. Das Jahrbuch steht unter dem Motto "Zukunft im Handwerk. Trends im Blick. Mit Können gestalten." Dieses Jahrbuch lädt dazu ein, nach vorn zu schauen und zugleich anschaulich und beispielhaft zu erleben, wie Zukunft im Handwerk bereits heute entsteht.

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