Zentralverband des
Deutschen Handwerks

Durchblick mit 29: jung, selbstständig, erfolgreich

Augenoptikermeisterin Farah Alfarhan ist in Syrien geboren, hat in Dortmund die Handwerksausbildung absolviert und bereits die erste Betriebsübernahme erfolgreich gemeistert. Jetzt leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Nahversorgung im Viertel.
Augenoptikermeisterin Farah Alfarhan

Die Augenoptikerin leistet oft die Nahversorgung im Viertel – wer eine Frage rund ums Sehen hat, kommt vorbei und wird beraten.

Was für eine Karriere! Ihren 30. Geburtstag hat sie noch nicht gefeiert, mit 29 Jahren hat Farah Alfarhan ihr eigenes Business. Die Augenoptikermeisterin hat im Juli 2025 das Geschäft “Optik Finis” im Hagener Stadtteil Boele übernommen. “Ich wollte schon immer selbstständig sein, habe gezielt schon als junge Frau drauf hingearbeitet”, sagt Farah Alfarhan. In ihrem Fall ging es damit los, sich erst einmal die deutsche Sprache anzueignen.

Denn Farah Alfarhan kam erst vor acht Jahren nach Deutschland. In Syrien geboren, erlebte sie als Jugendliche im Jahr 2015, wie russische Luftangriffe das Land verwüsteten. Millionen Menschen entschlossen sich dazu, ihre Heimat zu verlassen. Während es Farahs Eltern nach Saudi-Arabien zog, wollte die junge Frau ihr Glück in Europa suchen.

Ich bin so dankbar für die Chancen, die ich in Deutschland habe. Die klaren Gesetze geben mir Sicherheit, das ist für mich von unschätzbarem Wert.

Durchhalten im Deutschkurs, Ausbildung zur Augenoptikerin

Augenoptikermeisterin Farah Alfarhan

Farah Alfarhan hat Vorstellungen von ihrer beruflichen Zukunft und behält sie fest im Visier.

“Mein Bruder war bereits in Deutschland, so kam ich nach Dortmund”, erzählt Farah Alfarhan. Sie erreichte Nordrhein Westfalen mit einem mulmigen Gefühl. Was würde sie er warten? Würde sie sich zurechtfinden? Sie kümmerte sich sofort um einen Sprachkurs an der Universität. “Hier hatte ich gleich eine Gelegenheit, mein Durchhaltevermögen zu testen”, erzählt sie lächelnd. Sie ist zu höflich, um es direkt anzusprechen, bestätigt aber auf Nachfrage: “Deutsch zu lernen, ist eine harte Nuss. Die Grammatik kann einen zum Wahnsinn treiben, ich bin heute noch nicht firm darin.” Im Gespräch fällt das allerdings nicht auf. Farah Alfarhan spricht ausgezeichnet Deutsch. Zwei Jahre gab sie sich selbst, um ausreichend Deutsch zu sprechen. Diese Zeit brauchte sie auch, um im Land anzukommen. Ihren Bruder wollte sie nicht über Gebühr belasten. Sie hat sich allein gekümmert: Visumsanträge, Behördengänge, Anerkennung von Schulzeugnissen, eine eigene Wohnung und ein eigener Freundeskreis. “Es war eine bewegende Zeit. Neu, aufregend, spannend und nicht immer einfach. Aber wenn man zeigt, dass man etwas will, wird man auch unterstützt”, so die junge Frau. 

Ist Glas 1 besser oder Glas 2? Wer eine Brille trägt, kennt den Phoropter mit den vielen Gläsern und Einstellrädern.

Ist Glas 1 besser oder Glas 2? Wer eine Brille trägt, kennt den Phoropter mit den vielen Gläsern und Einstellrädern.

Sie fand eine Ausbildungsstelle zur Optikerin in Dortmund, arbeitete im Anschluss als Gesellin. Warum dieses Handwerk? “Ich liebe Brillen. Schon als Kind habe ich meine Schwester beneidet, die eine tragen durfte. Für mich sind Brillen Sehhilfen, aber ebenso sind es fantastische Accessoires. Mir war früh klar, dass Augenoptikerin ein schöner Beruf ist. Ich habe mit Menschen zu tun, das ist mir wichtig. Und ich kann Jungen und Alten, Männern und Frauen dabei helfen, gut zu sehen. Wenn wir Gläser schleifen, ist Präzision gefragt. Auch das mag ich gerne.” Schon als Schülerin, damals noch in Syrien, hat sie über diesen Beruf nachgedacht und davon geträumt, eines Tages Unternehmerin zu sein. “Allerdings gibt es dort so etwas wie die duale Ausbildung nicht. In Syrien werden Kenntnisse einfach so weitergegeben, wenn jemand sich selbstständig macht.”

Parallel zur Meisterinnenausbildung die Suche nach einem Betrieb

Die nächste Etappe für ihren Plan zur Selbstständigkeit war der Meisterabschluss. Den hat sie in gut einem Jahr in Vollzeit bei der Handwerkskammer Dortmund absolviert und schon gegen Ende der Ausbildung mit der Suche nach einem geeigneten Optikgeschäft begonnen. “Ich habe in Dortmund und auch in Bochum, wo ich wohne, rumgefragt”, erzählt die 29-Jährige. Optikermeister Torsten Finis ergänzt: “Gefunden hat sie mein Inserat auf einer Unternehmensnachfolgebörse, wo ich das Geschäft kurz vorgestellt habe.” Das erste Treffen war sehr angenehm, gleich hat die Chemie gestimmt. “Es lief alles unkompliziert. Das Geschäft war früher im Haus nebenan. Das Ladenlokal war mit 200 Quadratmetern deutlich größer als unser Geschäft jetzt. Herr Finis war bereits vor unserem Treffen auf der Suche nach einem neuen Laden. Er hat diesen kleineren Laden gefunden. Wir haben aber bereits gemeinsam den Umzug geplant”, schildert Farah Alfarhan. “Mir war es wichtig, dass das Geschäft mit seiner 60-jährigen Tradition eine Zukunft hat”, sagt Torsten Finis. Heute arbeitet er noch auf Minijob-Basis mit. “Für mich ist es sehr hilfreich, dass ich auf seine Erfahrung zählen kann”, freut sich die neue Inhaberin.

Die junge Chefin kann auf das bewährte Team zählen

Die Digitalisierung hat den Beruf der Augenoptikerin in den vergangenen Jahren stark verändert. Die Technik ermöglicht präzisere Messungen und individuellere Anpassungen.

Die Digitalisierung hat den Beruf der Augenoptikerin in den vergangenen Jahren stark verändert. Die Technik ermöglicht präzisere Messungen und individuellere Anpassungen.

Wichtig ist Farah Alfarhan auch, dass Andreas Gutjahr und Martina Schnietz im Betrieb geblieben sind, beide ausgebildet in der Augenoptik und beide langjährig für Torsten Finis tätig. Die 29-Jährige hat sich anfangs gefragt, ob sie als die Jüngste im Team als Chefin akzeptiert wird. “Wenn man das Team nicht mitnimmt, wird es schwer”, so ihre Erfahrung. Zum Glück arbeitet auch unter ihrer Leitung die bewährte Crew von Optik Finis harmonisch zusammen. Alle sind sich einig, wie sich ihr Metier zukünftig entwickeln wird: “Wir beobachten einen Trend zur Augenversorgung. Viele Kundinnen und Kunden kommen mit gesundheitlichen Fragen.” Die junge Chefin interessiert sich zudem sehr für modernste digitale Messverfahren und prophezeit smarten Brillen eine große Zukunft.

KI-gestützte Diagnostik und smarte Brillen, die visuelle Informationen in Echtzeit verarbeiten, sowie Telemedizin und digitale Beratung werden vermutlich unser Handwerk in Zukunft prägen.

Ausgezeichneter Support durch die HWK Dortmund

Farah Alfarhan wurde während der Übernahmezeit von der Handwerkskammer Dortmund beraten. “Finanzierung, betriebswirtschaftliche Fragen und Formalitäten: Ich war happy, dass ich das mit kompetenten Leuten besprechen konnte”, erzählt sie. Weil man für sie da war, revanchiert sie sich und leiht ihr Gesicht der HWK-Kampagne “Ständig du selbst”. Damit sollen junge Menschen auf die Chancen einer Unternehmensgründung oder -übernahme hingewiesen werden. Denn viele scheuen aktuell eher den Weg in eine Selbstständigkeit. Gleichzeitig wächst die Zahl der Betriebe, die aus altersbedingten Gründen eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger suchen. Aufgrund der demografischen Entwicklung ist damit zu rechnen, dass für etwa 125.000 Betriebe in den nächsten fünf Jahren eine neue Chefin oder ein neuer Chef gefunden werden muss.

Mut machen, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen

“Ich finde die Kampagne gut, denn sie macht Mut, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. Natürlich gibt es Momente der Unsicherheit. Da komme auch ich ins Grübeln und frage mich, ob ich meinen Traum weiterhin verfolgen kann. Aber auf der anderen Seite liebe ich es, etwas zu gestalten. Ich bin so dankbar für diese Chance. Was ich für absolut wertvoll halte, sind die klaren Gesetze, die Deutschland zu einem sicheren Land machen”, erklärt Farah Alfarhan. Auch wenn sie ihre Familie oft vermisst, ist ihr Nordrhein Westfalen zur zweiten Heimat geworden. Im vergangenen Jahr hat sie geheiratet, einen Architekten. “Wir arbeiten beide hart, denn wir haben Ziele, die wir erreichen wollen. In meinem Fall ist das ein zweites Geschäft. Ich bin bereits auf der Suche”, erzählt sie. Ob sie das vor ihrem 30. Geburtstag schaffen kann?

Frauen im Handwerk

Ob als Unternehmerin, Meisterin, mitarbeitende Unternehmerfrau, ob als Gesellin oder Auszubildende: Frauen tragen in allen Bereichen zum Erfolg von Handwerksbetrieben bei. Der ZDH setzt sich dafür ein, Frauen vielfältige Wege für individuelle Karrieren zu ebnen und ermutigt sie zur Entfaltung ihrer unternehmerischen Potenziale im Handwerk. Das Handwerk braucht noch mehr Frauen, besonders auch in Führungspositionen und als Unternehmerinnen. Alle Informationen, Best Practices, Initiativen, Kennzahlen und Netzwerke finden Sie auf dieser ZDH-Themenseite:

Frauen im Handwerk

Jahrbuch 2026

Diese Handwerk-Story wurde zuerst im ZDH-Jahrbuch 2026 veröffentlicht. Das Jahrbuch steht unter dem Motto "Zukunft im Handwerk. Trends im Blick. Mit Können gestalten." Dieses Jahrbuch lädt dazu ein, nach vorn zu schauen und zugleich anschaulich und beispielhaft zu erleben, wie Zukunft im Handwerk bereits heute entsteht.

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