Zentralverband des
Deutschen Handwerks
05.08.2021

„Starte eine Ausbildung und die Zukunft gehört Dir!“

„Wir müssen in den kommenden Wochen alles geben, um junge Menschen für eine berufliche Ausbildung zu gewinnen“, so ZDH-Präsident Wollseifer.
Portraitfoto von Hans Peter Wollseifer auf der Dachterrasse im Haus des Deutschen Handwerks in Berlin

Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks

 

„Unsere Betriebe wollen nach wie vor ausbilden. Doch es fehlen die Bewerber. Dabei sind junge Menschen, die Zukunft gestalten wollen, im Handwerk genau richtig. Das bietet eine ganze Palette an zukunftssicheren und klimarelevanten Berufen“, so ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Interview mit Gernot Heller von der „Passauer Neuen Presse“.

Die deutsche Wirtschaft befindet sich auf der Aufholjagd aus der Corona-Krise. Wie sieht es im Handwerk aus?

In vielen Handwerken ist nach den Lockdown-Lockerungen die geschäftliche Situation wieder besser. Handwerkliche Ladenlokale sind ebenso wie viele Abnehmer in der Gastronomie und Hotellerie wieder geöffnet. Durchatmen können Gewerke wie Friseure, Kosmetiker, die Lebensmittelhandwerke oder auch Textilreiniger, die von den Beschränkungen wirtschaftlich besonders stark betroffen waren. Doch von einer Normalisierung kann man immer noch nicht sprechen. Die in den letzten 12 Monaten bei vielen entstandenen Verluste müssen erst einmal kompensiert werden. Für viele Betriebe bleibt die geschäftliche Situation deshalb eine große Herausforderung. Die Kundenfrequenz ist immer noch geringer als vor der Pandemie, weil sich die Nachfrage etwa durch Abwanderung in den Online-Handel grundsätzlich verändert hat. Oder auch weil die Betriebe nicht genügend Beschäftigte finden, um der Auftragslage gerecht zu werden. In dieser angespannten Situation kommen nun die anhaltenden Lieferengpässe und Preissprünge bei vielen Rohstoffen, Materialien und Vorprodukten hinzu. Dadurch kämpfen jetzt auch Handwerksbereiche mit Problemen, die bisher nur wenig von der Pandemie betroffen waren wie der Bau und Ausbau, oder die bereits seit dem Ende des vergangenen Jahres einen Aufschwung verzeichnen konnten wie die gewerblichen Zulieferer für die Industrie. Hier stockt durch die Engpässe oft die Produktion oder Fertigung. Oder bestehende Vertragsverhältnisse werden betriebswirtschaftlich zum Minusgeschäft, weil die Beschaffungskosten für bestimmte Produkte geradezu explodiert sind. Die Ursachen für diese Engpässe müssen gezielt angegangen werden, damit die Lieferketten wieder funktionieren. Gleichzeitig müssen vor allem die öffentlichen Auftraggeber flexibel reagieren und so weit möglich z.B. Preisanpassungen zulassen und auf Konventionalstrafen verzichten, wenn es zu Verzögerungen bei Fertigstellungen kommt, die wegen der Lieferengpässe nicht vom Handwerksbetrieb zu verantworten sind.  Andernfalls droht der für die kommenden Monate erwartete wirtschaftliche Aufschwung zumindest deutlich schwächer auszufallen. Dass jetzt für den Wiederaufbau in den Hochwassergebieten die Nachfrage nach Baumaterialien noch einmal deutlich zunimmt, erhöht den Handlungsdruck zusätzlich.

Welche Spuren hat die Corona-Krise im Handwerk hinterlassen, wo ist etwas weggebrochen?

Die meisten Gewerke können wieder relativ normal arbeiten. Ausnahme sind aber zum Beispiel unsere Messebaubetriebe, denen noch immer ein großer Teil der Nachfrage fehlt. Die genauen mittel- und langfristigen Auswirkungen der Corona-Pandemie können wir derzeit nicht abschätzen – auch weil sich nicht voraussagen lässt, ob sich etwa die Kundenpräferenzen dauerhaft stärker zum Online-Handel verschoben haben, ob Messen künftig ganz oder teilweise in die digitale Welt abwandern, oder ob durch Homeoffice weniger Büroflächen gebraucht, gebaut  und dann gereinigt werden müssen. Unsere Betriebe haben es bislang aber immer erfolgreich geschafft, sich an neue Gegebenheiten anzupassen. Ich bin daher optimistisch, dass sie auch diese Herausforderungen meistern werden.

Die Inflationssorgen nehmen zu. Wie sieht es mit den Preisen bei ihren Betrieben aus?

Der Preisdruck war schon in den Jahren vor der Pandemie beispielsweise in den Baugewerken deutlich höher als die offizielle Inflationsrate. Neben den Beschaffungskosten für Materialien mussten die Betriebe auch mit vielen anderen Kostensteigerungen wie höheren Energiepreisen umgehen. Die Energiekosten bleiben ein Thema: Durch die CO2  - Bepreisung hat der Gesetzgeber sie weiter erhöht. Auch die weiterhin bestehende Bürokratiebelastung bindet Ressourcen, die ansonsten produktiv eingesetzt werden könnten. An dem Befund hat sich grundsätzlich nichts geändert. Aktuell kommen nun noch Sondereffekte wie der konjunkturelle Neustart nach dem Lockdown, das Auslaufen der temporären Mehrwertsteuersenkung oder die Lieferkettenprobleme im internationalen Frachtverkehr hinzu. Deswegen werden unsere Handwerksbetriebe gar nicht umhin kommen, diese höheren Kosten in ihren Kalkulationen zu berücksichtigen und in den kommenden Monaten die Preise zu erhöhen. Das machen auch unsere Umfragen deutlich. Einen Grund für Schwarzmalerei - wie das von einigen wenigen heraufbeschworene Inflationsgespenst - sehe ich allerdings nicht. Ich kann keine ernsthaften Anzeichen dafür erkennen, dass über das Jahresende 2021 hinaus die Inflationsraten so hoch sein werden, wie sie aktuell durch die beschriebenen Sondereffekte sind.

Das neue Ausbildungsjahr beginnt. Wie ist die Lage, wie groß ihre Sorge über einen Mangel an Fachkräfte-Nachwuchs?

Im Handwerk sehe ich uns auf einem guten Weg, dass 2021 ein klar besseres Ausbildungsjahr als 2020 wird. Bis Ende Juni sind schon jetzt deutlich mehr neue Ausbildungsverträge abgeschlossen worden. Wir liegen um gut 13 Prozent über dem Vorjahreswert. Ziel ist es, am Jahresende wieder auf Vor-Corona-Niveau zu landen. Dafür müssen wir allerdings in den kommenden Wochen noch einmal alles geben, um weitere junge Menschen für eine berufliche Ausbildung zu gewinnen. Aktuell ist noch viel Bewegung im Markt – wie eigentlich immer in den Sommermonaten. Auch wenn das Ausbildungsjahr in einigen Bundesländern bereits gestartet ist, können Jugendliche auch noch im September oder Oktober eine #AusbildungSTARTEN, wie der Hashtag für den von uns ausgerufenen "Sommer der Berufsbildung“ lautet. Um den Jugendlichen Sicherheit zu geben und Perspektiven aufzuzeigen, werben wir in diesem Sommer der Berufsbildung gemeinsam mit den Partnern der Allianz für Aus- und Weiterbildung für eine berufliche Ausbildung. Wir wollen den jungen Menschen Orientierung geben, sie mit Betrieben zusammenbringen, eventuelle Lerndefizite aufholen, binden Eltern und Schulen mit ein und sagen:  starte eine Ausbildung und die Zukunft gehört Dir!  Im Handwerk jedenfalls gibt es noch zahlreiche Ausbildungsplätze, Ende Juni waren rund 31.000 noch unbesetzt. Unsere Betriebe wollen nach wie vor ausbilden. Doch es fehlen die Bewerber. Dabei sind junge Menschen, die Zukunft gestalten wollen, im Handwerk genau richtig. Das bietet eine ganze Palette an zukunftssicheren und klimarelevanten Berufen. Energie- und Mobilitätswende, Klimaschutz, SmartHome und E-Health, Lebensmittel- und Gesundheitsmittelversorgung: All das – und vieles mehr - setzen Handwerkerinnen und Handwerker um. Die Arbeit wird ganz sicher nicht ausgehen.
 
Auch mit Blick auf die Bundestagswahl: Wo drückt dem Handwerk der Schuh am schmerzhaftesten?

Um im Bild zu bleiben: Da drückt es nicht nur an einer Stelle gewaltig, sondern an vielen Stellen sind die Schmerzgrenzen für unsere Betriebe längst erreicht oder gar überschritten. Bei den Sozialabgaben, bei Steuern, bei bürokratischen Vorgaben: Da lastet gewaltiger Druck auf unseren Betrieben und ihren Beschäftigten. Hier brauchen sie dringend Entlastung. Die nächste Bundesregierung muss sicherstellen, dass Steuern zu verkraften sind, Sozialbeiträge nicht weiter ansteigen und Bürokratie unsere Handwerkerinnen und Handwerker nicht erdrückt. Bei der Digitalisierung müssen wir einen Quantensprung hinbekommen – bei der entsprechenden Infrastruktur, in der öffentlichen Verwaltung. Und den Umwelt- und Klimaschutz müssen wir beherzter angehen und dabei Wege finden, Ökonomie und Ökologie in Einklang zu bringen, weil nur mit einer starken Wirtschaft und starken Betrieben letztlich die notwendigen Klimaschutzmaßnahmen zu finanzieren und umzusetzen sind.

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