13.03.2017

"Wir haben nicht genug Facharbeiter"

Das Deutsche Handwerk beklagt einen Mangel an Nachwuchskräften. "Wir haben nicht genug Facharbeiter, obwohl wir uns sehr bemühen um die Facharbeiter", sagte der Präsident des Zentralverbandes Deutsches Handwerk, Hans Peter Wollseifer, im DLF. Als Konsequenz forderte er eine bessere Berufsorientierung an Schulen. (13.03.2017)

Hans Peter Wollseifer im Gespräch mit Doris Simon

Wollseifer warnte vor einer Konzentration auf bestimmte Handwerksberufe. "Wir brauchen Berufsinformationen nicht nur in 15 oder 20 Handwerksberufen, die man landläufig so kennt. Es gibt 130 Handwerksberufe", sagte er. Da sei für jeden Jugendlichen was dabei

Das Interview in voller Länge:

Doris Simon: Es sind keine schlechten Zeiten für das Handwerk in Deutschland. Jeder dritte Handwerksbetrieb rechnet mit steigenden Umsätzen bis zum Herbst, jeder fünfte Betrieb will neue Stellen schaffen und mehr als die Hälfte der Betriebe will  in diesem Jahr die Preise erhöhen. Teurer wird es beim Bau, beim Friseur und im Lebensmittelbereich. Derzeit ist Handwerksmesse und am Vormittag trifft die Bundeskanzlerin die Spitzenvertreter der deutschen Wirtschaft.

Hans Peter Wollseifer, der Handwerkspräsident, ist dabei und vorher jetzt bei uns am Telefon. Guten Morgen.

Hans Peter Wollseifer: Guten Morgen, Frau Simon.

Simon: Herr Wollseifer, was brauchen Sie eigentlich noch von der Kanzlerin?

Wollseifer: Wir brauchen eigentlich doch noch eine ganze Menge. Wir freuen uns ja, dass die Kanzlerin jedes Jahr zu uns auf die Internationale Handwerksmesse kommt und sich anschaut in diesem Jahr, was die 1036 Aussteller aus 34 Nationen alles zu bieten haben in der Leistungsschau des Handwerks. Aber wir haben natürlich auch im Spitzengespräch der deutschen Wirtschaft ganz konkrete Dinge, die wir mit ihr besprechen wollen, und natürlich sagen wir ihr auch, was wir brauchen.

Simon: Was denn?

Wollseifer: Wir brauchen ein wettbewerbsfähiges Deutschland, Investitionen in die Infrastruktur zum Beispiel. Und wenn wir sagen Infrastruktur, dann meinen wir die Verkehrsinfrastruktur genauso auch wie die Breitbandautobahn. Wir brauchen wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für die mittelständische Wirtschaft. Insbesondere meinen wir natürlich das Handwerk. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die unseren Betrieben Luft zum Atmen lassen in der Zukunft, bezogen auf Steuern, auf überbordende Bürokratie, auf Sozialabgaben. Wir brauchen aber auch Rahmenbedingungen, die unseren Mitarbeitern ein wenig mehr Netto vom Brutto lassen. Und wir brauchen vor allen Dingen zukunftsfähige Sozialsysteme, die unseren Kindern auch in der Zukunft Chancen lassen.

Simon: Aber wie gesagt, bis jetzt scheint es ja gut zu laufen fürs Handwerk?

Wollseifer: Bis jetzt läuft es sehr gut. Das Handwerk blickt sehr optimistisch in die Zukunft. Wir hatten im letzten Jahr einen Konjunkturzuwachs, einen Umsatzzuwachs von dreieinhalb Prozent. In diesem Jahr schätzen wir den auf mindestens 2,5 Prozent. Wir investieren in die Zukunft, haben ein Investitionsplus. Wir bauen Mitarbeiter auf. Aber genau da liegt das Problem. Wir haben nicht genug Facharbeiter, obwohl wir uns sehr bemühen um die Facharbeiter, und das könnte sich in der Zukunft doch zu einer Wachstumsbremse ausweiten.

Simon: Was kann denn ganz konkret die Bundesregierung da machen?

Wollseifer: Wir brauchen Unterstützung durch die Politik, weil wir selbst tun schon eine ganze Menge dafür. Wir brauchen Unterstützung durch die Politik und die Agentur für Arbeit. Wir brauchen eine bessere Berufsorientierung zum Beispiel an Gymnasien. Wir brauchen Berufsinformationen nicht nur in 15 oder 20 Handwerksberufen, die man landläufig so kennt. Es gibt 130 Handwerksberufe. DA sind tolle Berufe, anspruchsvolle Berufe dabei. Da ist für jeden Jugendlichen was dabei. Und, Frau Simon, wenn 60 Prozent aller Jugendlichen in Deutschland ins Studium gehen, so wie das zurzeit ist, dann ist entweder Jugend auf wunderbare Weise klüger geworden, die Bildungsniveaus gesenkt worden, oder wir müssen eine realistischere Bildungspolitik betreiben, und das Letztere sollten wir tun.

Simon: Oder vielleicht sind Handwerksbetriebe für viele Jugendliche nicht attraktiv?

Wollseifer: Ich glaube das nicht, wenn man sich mal mit dem modernen Handwerk beschäftigt. Wir haben das traditionelle Handwerk, wir haben aber auch das innovative Handwerk. Die Bandbreite ist ungeheuer breit und es gibt viele Möglichkeiten für die Jugendlichen, sich zu orientieren. Zum Beispiel in unserer Image-Kampagne: Dort sind wir in den sozialen Netzwerken unterwegs und zeigen der Jugend, was im Handwerk heute alles möglich ist. Und ich glaube, die Möglichkeiten sind sehr vielfältig. Das könnte jeden ansprechen. Und ich lade auch die Jugendlichen ein, zu uns in die Betriebe in Praktika zu kommen. Sie sollen sich mal ausprobieren, ganz in Ruhe mal schauen, ob ihnen das eine oder das andere gefällt. Wir unterstützen sie dabei und ich bin mir sicher, dass manchem Jugendlichen dann auch entsprechend seinem Talent ein Beruf angeboten werden kann, der ihn in der Zukunft weiterbringt.

Simon: Herr Wollseifer, werden Sie bei der Kanzlerin auch das Thema Abschiebung ansprechen? Es gibt ja durchaus aus Handwerksbetrieben Proteste gegen Abschiebungen von Mitarbeitern, zum Beispiel aus Afghanistan, aus dem Kosovo und so weiter. Das sind keine Einzelfälle.

Wollseifer: Ja, Frau Simon. Das Handwerk hat sich sehr in der Integration der Flüchtlinge, derer, die hier eine Bleibeperspektive haben, engagiert und tut das auch in der Zukunft. Das wird unsere Facharbeiterlücke nicht beseitigen, aber das ist vielleicht ein kleiner Mosaikstein dazu. Wir haben natürlich unsere Erwartungen an die Politik und an die Regierung gerichtet und die sind mit dem Integrationsgesetz im letzten Jahr auch ein Stück weit erfüllt worden. Zum Beispiel die drei plus zwei Regelung, dass junge Leute, die hier im Land geduldet sind oder natürlich Asyl bekommen und eine Bleibeperspektive haben, dass die drei Jahre in der Ausbildung bleiben dürfen plus zwei weitere Jahre im Betrieb bleiben dürfen, damit auch der Betrieb dann anschließend noch vielleicht für zwei Jahre einen guten Facharbeiter hat. Das haben wir erreicht. Wir haben auch erreicht, dass die Jugendlichen zum Beispiel nicht nur bis 21 Jahre in eine Ausbildung kommen dürfen, sondern dass das jetzt altersmäßig nicht mehr begrenzt ist. Aber es gibt noch weitere Integrationsbremsen und die werde ich vortragen am 5. Oder 6. April beim nächsten Flüchtlingsgipfel im Kanzleramt.

Simon: Herr Wollseifer, wir entschuldigen uns übrigens für die schlechte Leitung. Das zum Thema Verbesserung der Infrastruktur in Deutschland. – Herr Wollseifer, wann haben Sie eigentlich einen Termin mit dem neuen SPD-Chef? Mit dem haben Sie sicher auch einiges zu besprechen über dessen Vorstellungen.

Wollseifer: Mit Herrn Schulz habe ich mich bisher noch nicht getroffen, aber ich freue mich, ihn kennenzulernen, und ich glaube auch, dass es jetzt bis September einige Termine gibt, wo das möglich ist. Es wird auch seitens des Handwerks vielfältigen Gesprächsbedarf geben.

Simon: Wo?

Wollseifer: Herr Schulz ist ein erfahrener Europapolitiker und gerade jetzt gibt es Binnenmarkt-Initiativen der EU, die die Souveränität der Nationalstaaten nach unserer Ansicht untergraben und die gleichzeitig bisheriges europäisches Recht des EuGH missachten.

Simon: Sie meinen zum dualen Ausbildungssystem in Deutschland?

Wollseifer: Genau. Die EU-Kommission will sich hinsichtlich des Berufszugangs in 149 Berufen – und davon sind es ja nur 41 Handwerks-Meisterberufe; ansonsten sind auch die freien Berufe, die Ingenieure, die Architekten, Notare, Rechtsanwälte, sogar die Lehrer betroffen -, die Kommission will sich über europäisches Recht setzen, um über die Zuständigkeit der Nationalstaaten diese Berufe, diese Bildung zu regeln, und das zum Nachteil natürlich der deutschen Wirtschaft, des deutschen Handwerks.

Simon: Da erwarten Sie sich was von Herrn Schulz mit seiner Idee vom Arbeitslosengeld Q und der Qualifizierung von Älteren, damit die länger arbeiten können und im Beruf bleiben können. Das müsste Ihnen beim Handwerk ja eigentlich gefallen?

Wollseifer: Wir glauben, dass es gerecht und sozial ist, wenn wir den Schwachen in unserer Gesellschaft, die, die wirklich nicht mehr können, helfen. Zum Beispiel wird ja viel zitiert der Dachdecker, der nicht bis 67 Jahre arbeiten kann. Ja, wenn der nicht bis 67 Jahre arbeiten kann, dann steht ihm eine Erwerbsminderungsrente zu, und die muss auch so sein, dass er davon leben kann. Das unterstützen wir und das möchten wir auch. Wir möchten auch, dass wir Langzeitarbeitslose besser unterstützen, aber im ersten Arbeitsmarkt, in den Betrieben durch Förderung, durch Erleichterung auch des Kündigungsschutzes und zudem natürlich durch bedarfsorientierte Qualifikationsangebote, also keine Gießkannenförderung. Denn wenn wir zurückschauen, 48 Monate Arbeitslosengeld, meines Erachtens bewirkt das Fehlanreize. Das könnte ein neues Frühverrentungsmodell sein. Und wenn wir zurückschauen, 15, 17 Jahre zurück, da gab es Unternehmen, die sich bei schlechter Konjunktur, sagen wir mal, höherer Personalkosten entledigt haben, und es soll auch Arbeitnehmer gegeben haben, die dieses Frühverrentungskonzept oder Angebot gerne angenommen haben. Das ist nicht gut für die deutsche Wirtschaft, weil auf der anderen Seite ist es ja auch so, dass wir eine Generationengerechtigkeit brauchen, fordern und …

Simon: Herr Wollseifer?

Wollseifer: Ja.

Simon: Ich wollte Sie nicht unterbrechen, aber ganz allmählich drängt unser Programmtipp und die Nachrichten kommen. Deswegen machen wir an dieser Stelle erst mal einen Punkt. Wir werden sicher wieder mit Ihnen sprechen. Viel Erfolg für Ihr Gespräch mit der Kanzlerin heute auf der Handwerksmesse – das war Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer. Auf Wiederhören!