03.08.2020

"Seltene Handwerke sind aus unserem Leben nicht wegzudenken"

Leather goods craftsman at work in his workshop
Foto: AdobeStock/FreePod

Dr. Volker Born, ZDH-Abteilungsleiter Berufliche Bildung, sprach mit Marina Uelsmann von der Deutschen Presse-Agentur über seltene Ausbildungsberufe im Handwerk:

Können Sie Ausbildungsberufe im Handwerk nennen, die in den letzten Jahren in anderen Berufen aufgegangen sind?

Die Berufliche Bildung passt sich fortwährend an aktuelle Gegebenheiten und Nachfragebedürfnisse auf Kundenseite an. Genau diese Wandlungsfähigkeit und der ständige Abgleich mit der Passfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt zählen zu den großen Stärken der Beruflichen Bildung. Ein prominentes Beispiel für einen heutigen Beruf, in dem frühere Berufe im Handwerk aufgegangen sind, ist zum einen der Beruf Mediengestalter/in Digital und Print - in diesem Beruf, der zum Drucker-Handwerk gehört, sind Ausbildungsberufe, wie z.B. Schriftsetzer und Flexografen aufgegangen. Ein weiteres Beispiel ist der Beruf Kraftfahrzeugmechatroniker/in - in diesem Beruf sind die Berufe Kfz-Mechaniker/in, Kfz-Elektriker/in und Kfz-Schlosser/in fusioniert.

Tragen vor allem Automatisierung und Digitalisierung dazu bei, dass in manchen Ausbildungsberufen nur wenige Lehrstellen angeboten werden?

Es gibt keinen Hinweis auf einen Zusammenhang. Mir fällt kein Beruf ein, der dieses Problem beklagt. Schaut man sich exemplarisch das gerade genannte Mediengestalter-Handwerk an, so hat die Automatisierung und Digitalisierung von Prozessen dort großen Einfluss auf das Berufsbild genommen. Dennoch ist der Beruf Mediengestalter/in Digital und Print ein etablierter Ausbildungsberuf für junge Menschen geblieben. Zuständig für die Ausgestaltung der jeweiligen Ausbildungsberufe sind die Sozialpartner. Sie greifen fortlaufend berufliche Wandlungsprozesse auf und setzen daraus abgeleitete Anpassungen in der konkreten Ausbildung im Betrieb oder durch Modernisierung der Ausbildungsordnungen um. So bleiben die Berufsbilder stets auf der Höhe der Zeit.

Haben gesellschaftliche Entwicklungen der letzten Jahre (bspw. Vegetarismus, Stellenwert von Elfenbein) Auswirkungen auf die Lehrstellennachfrage?

Die Berufliche Bildung ist wandlungsfähig und kann daher gesellschaftliche Entwicklungen ebenso wie technologische Entwicklungsprozesse (Digitalisierung/Automatisierung) immer adäquat begleiten. Wer eine duale Ausbildung in einem Beruf erfolgreich abgeschlossen hat, hat mit ihr eine umfassende berufliche Handlungsfähigkeit erworben. Diese erlaubt es auch, flexibel auf neue Gegebenheiten zu reagieren. Schaut man zum Beispiel auf die Ausbildungsordnung für den Beruf Fleischer/in, so werden während dieser Ausbildung viele Fähigkeiten vermittelt, die auch für die Herstellung und den Vertrieb vegetarischer Produkte gut einsetzbar sind.

Welchen Rat geben Sie aus Perspektive des Handwerks in Bezug darauf, worauf angehende Lehrlinge achten müssen, wenn Sie sich für seltene Berufe interessieren?

Zunächst einmal müssen junge Menschen davon erfahren, welche berufliche Vielfalt ihnen das Handwerk mit seinen über 130 Ausbildungsberufen in der Gesamtheit bietet. Eine gute Berufsorientierung in allen allgemeinbildenden Schulen ist dafür ist das A und O, egal ob am Ende ein seltener Beruf ausgewählt wird oder nicht. Seltene Handwerke begegnen uns im Alltag eher wenig, sind aber aus unserem Leben nicht wegzudenken, zum Beispiel Bürsten- und Pinselmacher oder die Musikinstrumentenbauer. Liebe zum Handwerk und die Lust am kreativen Gestalten, aber auch die Individualität im Beruf und in der Ausführung besonderer Kundenanfragen stehen bei diesen Berufen absolut im Mittelpunkt.

Auf dem Weg zum passenden Beruf sollte man sich zunächst überlegen, welche beruflichen Perspektiven zu den eigenen Talenten und Neigungen passen. Eine gute Orientierung bietet der 'Berufe-Checker' auf www.handwerk.de. Auf dieser Seite finden sich umfassende Informationen zu allen Berufsbildern, Ausbildungsinhalten und Karrieremöglichkeiten im Handwerk. Kommt ein seltener Handwerksberuf in Frage, muss man sich als nächstes konkret umschauen: Es kann gut sein, dass die kleineren Handwerksberufe nur von ausgewählten Betrieben in bestimmten Regionen ausgebildet werden, oder dass man für den Berufsschulunterricht auch mal eine Woche den Ort wechseln muss, weil dieser nur an einem Standort und dann in Wochenblöcken angeboten wird. Das klingt vielleicht erst einmal nach einem Kompromiss - vor dem junge Menschen aber nicht zurückschrecken sollten, für die Aussicht, in seinem späteren Berufsleben Freude an ihrer Arbeit zu haben.

Sterben manche Handwerksberufe aus?

Die meisten Ausbildungs- und Fortbildungsberufe haben eine sehr lange Lebensspanne. Einige Handwerksberufe sind zwar seltener, sie haben aber schon Jahrtausende überdauert, etwa die Seiler oder Steinmetze. Dass seltene Berufe auch heute nicht „aussterben", hängt vor allem damit zusammen, dass in der Berufsbildung und bei der Modernisierung von Berufen weniger an der Berufsbezeichnung selbst, sondern mehr am Inhalt gearbeitet wird. So heißt beispielsweise der Tischler immer noch Tischler - oder Schreiner -, macht aber heute vieles anders als noch vor Jahrzehnten. Andere Berufe fusionieren. Die Berufe und dazugehörigen Ausbildungen entwickeln sich mit der Technik und mit sich verändernden Marktgegebenheiten stetig weiter.

Daneben gibt es 'kleinere' handwerkliche Berufe, bei denen es weniger eine arbeitsmarkt-ökonomische, sondern eher eine kulturell-gesellschaftliche Frage ist, ob wir diese tatsächlich 'aussterben' lassen wollen. Hier geht es um Erfahrungen und Kulturtechniken, die sich nicht oder nur unzureichend in Büchern verschriftlichen und erhalten lassen und die daher nur von Generation zu Generation - vom Meister zum Gesellen - adäquat weitergeben werden können. Ein Bespiel dafür ist der Beruf Orgel- und Harmoniumbauer/in. Diese Ausbildung beginnen jährlich etwa 40 junge Menschen - rein ökonomisch betrachtet ist sie also eine seltene Ausbildung im Handwerk. Gleichzeitig ist der deutsche Orgelbau weltweit führend und sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt worden. Dass dem so ist, liegt vermutlich auch daran, dass wir uns - als Handwerk, aber auch als Gesellschaft mit einem Interesse am Erhalt wichtiger Kulturtechniken - eine geordnete duale Ausbildung und Meisterqualifizierung im Orgelbauerhandwerk leisten.

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