23.03.2020

Handwerksbetriebe müssen rasch und ohne große Antragsverfahren an die Überbrückungshilfen kommen

Foto: ZDH/Boris Trenkel

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer hat im Interview mit markt intern gefordert, Handwerksbetriebe müssten „rasch und möglichst ohne große Antragsverfahren und umständliche Formulare an die Überbrückungshilfen kommen“. Vordringlich sei, die Liquidität der Betriebe aufrecht zu erhalten. Zudem brauche es „einen Notfalltopf für unsere handwerklichen Bildungsstätten, die in ihren Regionen wichtige Arbeitgeber sind“.

Herr Wollseifer, wie realistisch ist die Feststellung von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, die Bundesregierung werde verhindern, dass ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen nur wegen der Coronakrise in die Insolvenz falle?
Wollseifer:
Das habe ich weniger als eine Feststellung von Minister Altmaier verstanden, sondern vielmehr als das Ziel, das er sich gesetzt hat: Möglichst alles dafür zu tun, damit kein Arbeitsplatz verloren und kein Betrieb insolvent geht. Dieses Ziel unterstütze ich ausdrücklich. Denn in der gegenwärtigen Krisensituation müssen wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln dafür sorgen, dass sich an sich stabile und gesunde Betriebe weiter am Markt halten können.

Was muss politisch und seitens der Verwaltung getan werden, damit möglichst viele Handwerksunternehmen die Coronakrise tatsächlich wirtschaftlich überleben?
Wollseifer: Entscheidend wird sein, Betriebe rasch auf der Finanzierungs- und auf der Kostenseite zu entlasten, ihnen Liquidität zu verschaffen und ihnen wie etwa mit dem Kurzarbeitergeld Instrumente an die Hand zu geben, mit denen sie ihre Belegschaft über die Krise hinweg im Betrieb halten können. Zu all diesen Punkten hat die Bundesregierung richtigerweise ein umfassendes Maßnahmenpaket beschlossen. Aber das alles kann natürlich nur greifen, wenn die Betriebe auch rasch und möglichst ohne große Antragsverfahren und umständliche Formulare an diese Überbrückungshilfen herankommen.
 
Reichen die bisher beschlossenen Maßnahmen aus?
Wollseifer: Eine solche Extremsituation haben wir alle noch nicht erlebt, insofern gibt es keinerlei Blaupause. Deshalb und auch, weil man gar nicht weiß, wie lange diese Krise dauern wird, ist auch nicht abzuschätzen, was noch an weiteren Maßnahmen nötig sein wird. Aktuell ist wirtschaftlich gesehen erst einmal vordringlich, dass die Betriebe zahlungsfähig bleiben. Viele von ihnen standen noch vor wenigen Wochen super da, hatten volle Auftragsbücher. Jetzt brechen ihnen die Einnahmen in einem noch nie da gewesenen Umfang und Tempo weg, gleichzeitig laufen die Kosten etwa für Mieten weiter: Daher muss jetzt so rasch wie möglich ausreichend Liquidität bereit gestellt werden, um zu verhindern, dass die Betriebe pleitegehen.

Gibt es spezielle Forderungen des ZDH, die die Bundesregierung- oder Landesregierungen noch umsetzen sollten?
Wollseifer:
Es braucht einen Notfalltopf für unsere handwerklichen Bildungsstätten, die in ihren Regionen wichtige Arbeitgeber sind: Um deren Bestand zu sichern, müssen sie mit Liquiditätshilfen unterstützt werden. Als Umsetzer von beruflichen Bildungsmaßnahmen und als Dienstleister für die Betriebe sehen sich unsere Bildungsstätten aktuell denselben Schwierigkeiten und Unsicherheiten ausgesetzt wie die Betriebe selbst. Deshalb sollten sie auch bei den wirtschaftlichen Folgen wie Unternehmen behandelt und gestützt werden. Gerade in der gegenwärtigen Lage wäre es geboten, alle Betriebe in der Textilreinigungsbranche wie auch in der Gebäudereinigung als systemrelevant für das Gesundheitswesen und die Versorgung einzustufen. 95 Prozent aller Krankenhäuser und 60 Prozent aller Pflegeeinrichtungen werden mit hygienisch aufbereiteten Textilien versorgt. Ohne Reinigung und Desinfektion durch Gebäudereiniger findet in Deutschland keine OP statt. Damit sie ihre Arbeit machen können, muss dafür gesorgt werden, dass den textilen Dienstleistern und Wäschereien wie auch den Gebäudereinigern genügend Desinfektions- und Reinigungsmittel zur Verfügung stehen und sie als notwendige Bedarfsstellen betrachtet werden.

Was halten Sie davon, statt der zugesagten Kredite unmittelbar Hilfsgelder an kleine Mittelständler auszuzahlen?
Wollseifer:
Man wird wohl nicht umhin kommen, kleinsten und kleinen Betrieben mit Zuschüssen zur Finanzierung ihrer laufenden Kosten unter die Arme zu greifen. Wir befinden uns momentan in einer Extremsituation, in der wirklich alles getan werden muss, um die Existenz von Betrieben und Arbeitsplätzen über diese Krise hinweg zu sichern. Liquiditätshilfen und beschäftigungssichernde Kostenentlastungen sind die Brücken, die die Betriebe brauchen, um nach dieser Krisenzeit auf ihrem unternehmerischen Weg weitergehen zu können.

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