21.12.2016

Digitale Zukunft

Über den Weg des Handwerks in die digitale Zukunft spricht ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Fach-Blog "Ingenieurversteher".

Wo steht das deutsche Handwerk heute im Bereich der Digitalisierung allgemein, welche Themen stehen noch an?
Wollseifer: Digitalisierung hält in allen handwerklichen Bereichen Einzug  – ob im Bau, Ausbau, im gewerblichen oder privaten Bedarf, im Bereich Kfz, bei Lebensmitteln oder der Gesundheit. Neben interessanten neuen Werkzeugen bietet die Digitalisierung Ansatzpunkte zur Optimierung von betrieblichen Abläufen, der Wertschöpfungs- und Marktprozesse und für die Fortentwicklung der eigenen Geschäftsmodelle. Immer mehr Handwerksunternehmen aus den unterschiedlichsten Gewerken setzen entsprechend sehr erfolgreich auf die Digitalisierung. Zwei zentrale Themen sind dabei die Datensicherheit und die Sicherstellung fairer Wettbewerbsbedingungen bei der Datennutzung  in der Plattformökonomie und im Internet der Dinge.

Gibt es Gewerke, die besonders weit und erwähnenswert sind?
Wollseifer: Überall im Handwerk gibt es eine Vielzahl von beeindruckenden Beispielen innovativer Digitalisierungslösungen. Der Grad der Digitalisierung hängt immer von gegebenen Produktions- und Marktstrukturen ab. Im Zulieferbereich wie auch in den Gesundheitshandwerken wird zum Beispiel mit 3-Druck gearbeitet; Schmuckstücke und Möbel werden heute oft internetgestützt und kundenindividuell konfiguriert und erstellt. Bei der Herstellung von Schuhen und Bekleidung oder auch von Pferdesätteln kommen digitale Instrumente zum Einsatz und selbst im Bereich der Textilreinigung werden Prozesse digital optimiert. Für die Handwerksunternehmen in den Bereichen Kfz und Sanitär, Heizung, Klima sowie Elektrotechnik werden Vernetzung (Verkehrstelematik) und gleichberechtigte Nutzung von Daten ("smart home") immer wichtiger. Im Baubereich sorgen die neuen Koordinationsverfahren des "building information modeling" und der Übergang zu elektronischen Vergabeprozessen für einen umfassenden Digitalisierungsschub.
Wie sehen Sie die Aussichten für das Handwerk 4.0 im digitalen Zeitalter?
Wollseifer: Es liegt in der Natur der Digitalisierung, dass sie stets voranschreitet. Wenn es um die Erstellung qualitativ hochwertiger und vor allem auch kundengerechter Produkte und Dienstleistungen geht, wird das Handwerk dabei ein unverzichtbarer und verlässlicher Partner seiner Kunden bleiben. Und das oft nicht allein: Handwerksbetriebe kooperieren zunehmend, um die sich wandelnden Ansprüche der Kunden ("Leistung aus einer Hand") zu erfüllen. Auch hier wird es zu neuen digitalen Lösungen kommen.

In welcher Art und Weise unterstützt der ZDH seine Mitgliedsunternehmen auf dem Weg in die digitale Welt?
Wollseifer: Die Unterstützung der Handwerksunternehmen bei Digitalisierungsfragen nimmt in den Handwerkskammern und Fachverbände des Handwerks, den Innungen und Bildungs- sowie Kompetenzzentren seit Jahren einen hohen und weiter steigenden Stellenwert ein. Die bereits vorhandenen, vielfältigen Angebote werden mit dem Kompetenzzentrum Digitales Handwerk synergetisch gebündelt, vernetzt und bundesweit zur Verfügung gestellt. Größter Wert wird dabei auf zielgruppengerechte Kommunikation und Inhalte gelegt. Unterstützt werden wir hierbei vom BMWi im Rahmen seines Projekts "Mittelstand-Digital", das die besonderen Bedürfnisse der Wirtschaftsgruppe Handwerk erkannt hat.
Unser Ansatz ist, nicht nur diejenigen zu unterstützen, die sich schon auf den Digitalisierungsweg gemacht haben. Im Kompetenzzentrum Digitales Handwerk setzen wir auch intensiv auf die Sensibilisierung derjenigen, die die Möglichkeiten der Digitalisierung für ihr eigenes Unternehmen noch nicht erkannt haben.
Unter www.handwerkdigital.de finden Interessierte und die Betriebe zahlreiche Infos dazu.  Auch der ZDH selbst hat in seinem Internetauftritt eine eigene Informationsseite https://www.zdh.de/themen/wirtschaft-energie-umwelt/handwerk-digital/ eingerichtet.

Welche Berufsbilder werden sich durch die Digitalisierung am stärksten verändern, welche weniger?
Wollseifer: Die Digitalisierung wird in nahezu allen Berufsfeldern und Wirtschaftssektoren die Qualifikationsanforderungen verändern. Mit unseren technologie- und gestaltungsoffenen Ausbildungsordnungen haben wir die hohe Flexibilität in der Beruflichen Bildung, die dafür nötig ist - die Ausbildungsordnungen werden kontinuierlich und zeitnah an die neuen digitalisierungsspezifischen Anforderungen angepasst. Wichtig ist aber auch eine passfähige Umsetzung dieser Ausbildungsordnungen in der Ausbildungspraxis durch zeitgemäße digitale Lernmittel und Methoden und auch die Ausbilder müssen über digitale Kompetenzen verfügen.

Wird es zukünftig schwieriger werden, junge Menschen für eine Berufsausbildung im Handwerk zu begeistern?
Wollseifer: Das Handwerk gestaltet die digitale Zukunft mit. Junge Menschen sind im Handwerk also gut aufgehoben. Den Handwerksunternehmen ist zudem bewusst, dass die heranwachsende Generation heute auf anderen Wegen und Kommunikationskanälen angesprochen und für eine Ausbildung im Handwerk gewonnen werden muss. Genau hier setzt auch die Imagekampagne der Handwerksorganisation mit ihren digitalen Inhalten an. Es macht die  Nachwuchsgewinnung im Handwerk allerdings nicht einfacher, wenn in Gesellschaft und Politik eine Studienausbildung immer noch mehr gilt als eine handwerkliche Berufsausbildung. Das muss sich ändern und auch hierauf stellt unsere Imagekampagne ab. Wir machen konkrete bildungspolitische Vorschläge wie die duale Verknüpfung der Oberstufenausbildung zum Abitur mit einer parallelen handwerklichen Berufsausbildung - das sogenannte Berufsabitur. Auf unser Drängen hin wird es bereits in einigen Bundesländern als Modellversuch realisiert.

Oftmals dominieren noch Tafel und Kreide, statt Tablet und Stift in Schul- und Berufsausbildung. Ist unser Bildungssystem auf das digitale Zeitalter vorbereitet?
Wollseifer: Schlechtreden hilft hier nicht viel. Richtig ist sicherlich, dass die technische  Infrastruktur, ein Teil der Lehrpläne und auch ein Teil der Lehrkräfte ein Update nötig haben. Deswegen begrüßen wir, dass die Kultusministerkonferenz an einer Strategie "Bildung in der digitalen Welt" arbeitet, die im Dezember veröffentlicht werden soll. Auch die Bundesbildungsministerin hat vor kurzem beträchtliche Mittel für die Modernisierung der digitalen Bildungsinfrastruktur bereitgestellt. Uns ist wichtig, dass allgemeinbildenden Schulen und Berufsschulen bei diesen bildungspolitischen Maßnahmen angemessene Beachtung geschenkt wird. Gerade den Berufsschulen, die in der dualen Handwerksausbildung unsere unverzichtbaren Partner sind, ist bisher oft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden.

In der Regel tun sich Menschen mit dem Wandel und den daraus resultierenden Veränderungen nicht leicht. Wie sind Ihre Erfahrungen im Handwerk?
Wollseifer: Das Digitalisierungsthema ist hochkomplex. Die junge Generation, die mit dem Smart-Phone aufwächst, hat damit sicher weniger Probleme als ältere Berufstätige, die sich hierauf erst einstellen müssen. Aufklärung und objektive Informationen sind dabei unverzichtbar, sie müssen die Adressaten aber auch erreichen. Die Digitalisierungsstrategie der Handwerksorganisation – nicht zuletzt das bereits erwähnte Kompetenzzentrum Digitales Handwerk – setzt genau hier an. Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dass wir bereits viele Beschäftigte in den Betrieben "mitnehmen" und Vorbehalte abbauen können. Handwerksbetriebe haben hier sogar einen Vorteil: Aufgrund der im Durchschnitt kleineren Betriebsgröße mit intensiven Arbeits- und Kommunikationsbeziehungen zwischen den Kollegen lassen sich Digitalisierungsstrategien in diesen kleinen Teams weit besser in Gang setzen als in Großorganisationen mit vielfältigen Organisationseinheiten.

Was fehlt Ihnen seitens der Politik auf dem Weg in die digitale Welt, was kann verbessert werden?
Wollseifer: Die Mehrzahl der Handwerksunternehmen ist in den ländlichen Räumen aktiv. Deswegen unterstützen wir das Ziel der Bundesregierung, rasch den flächendeckenden Breitbandausbau mit hinreichendem Datendurchsatz und minimaler Latenz realisieren zu wollen. Die Aktivitäten müssen aber dringend verstärkt werden. Sonst verlieren wir als Wirtschaftsstandort den Anschluss. Auch die unbedingte Notwendigkeit gleicher Wettbewerbsbedingungen für den Mittelstand in der Plattformökonomie und dem Internet der Dinge habe ich bereits angesprochen.
Für den Bereich der Berufsbildung wiederhole ich: Die Berufsschulen wie auch die Bildungs- und Kompetenzzentren des Handwerks brauchen eine ausreichende Finanz-, Infrastruktur- und Personalausstattung, um den Fachkräften von Morgen die Fähigkeiten und Fertigkeiten vermitteln zu können, die für die digitale Wirtschaft notwendig sind. Zugleich nimmt die Notwendigkeit lebenslangen Lernens weiter zu. Lernförderliche Rahmenbedingungen und passfähige berufliche und akademische Fort- und Weiterbildungsangebote werden in diesem Zusammenhang immer wichtiger.

Das Interview auf den Seiten des Ingenieurverstehers finden Sie hier