Zentralverband des
Deutschen Handwerks
01.09.2026

Lohnzusatzkosten müssen runter: weitere Reformen dafür nötig!

Die zu hohen Lohnzusatzkosten verteuern Arbeit in einem Maße, dass Leistungen für Verbraucher unbezahlbar zu werden drohen, weshalb sie dringend durch weitere Reformen verringert werden müssen, so ZDH-Präsident Jörg Dittrich zu Stefan Paravicini (FAZ).
Jörg Dittrich

Herr Dittrich, die Sommerpause ist vorbei, die Konjunkturflaute im Handwerk hält aber weiter an. Welche der durchweg schlechten Zahlen in der aktuellen Konjunkturumfrage unter den Handwerksbetrieben macht Ihnen die größten Sorgen?

Die Stimmung nähert sich einem Niveau, das wir zuletzt in der Corona-Zeit erlebt haben. So stark wie im zweiten Quartal 2026 ist der Geschäftsklimaindex, der die Lage und die Erwartungen in den Handwerksbetrieben widerspiegelt, seit Beginn der Pandemie nicht mehr gesunken. Das steht sinnbildlich für eine insgesamt besorgniserregende Lage im Handwerk. Die größten Sorgen macht mir aber, dass die Investitionen in den Betrieben nicht anspringen. Für die einen rechnen sie sich unter den aktuellen Rahmenbedingungen nicht, während die anderen wegen der großen Unsicherheit zurückhaltend sind.

Gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Gewerken?

Es gibt Unterschiede, der Trend zeigt aber überall in die gleiche Richtung. In den vergangenen Jahren ging es in einzelnen Gewerken zumindest zeitweise aufwärts, etwa am Bau oder in den Autowerkstätten. Im Moment geht es für alle Gewerke nach unten.

Und das trotz der Milliarden aus dem Sondervermögen für Investitionen in die Infrastruktur?

Ja, wir haben das Sondervermögen, den Bauturbo und Investitions-Sonderabschreibungen. Aber wird auch investiert? Es dauert zu lange, bis die öffentlichen Mittel im Handwerk ankommen. Das führt aber vom eigentlichen Problem weg. Denn es fehlen vor allem die privaten Investitionen, die im Mittel rund drei Viertel aller Investitionen in Deutschland ausmachen.

Kann das Reformpaket, das die Bundesregierung noch vor der Sommerpause auf den Weg gebracht hat, die Stimmung aufhellen?

Die Bundesregierung hat richtige Dinge angestoßen. Die müssen jetzt schnell umgesetzt werden. Aber auch das allein wird nicht reichen. Wenn man eine Lungenentzündung heilt, der Patient aber weiter an einer Sepsis leidet, darf man die Behandlung nicht einstellen. Wenn wir uns nüchtern die Wirtschaftsdaten anschauen, sehen wir noch nicht die Wirkung, die wir brauchen. Das Rentenpaket bedeutet für die Betriebe sogar zunächst eine zusätzliche Belastung.

Haben die Ministerpräsidenten aus den ostdeutschen Bundesländern recht, die sich gegen ein Ende der Rente mit 63 ausgesprochen haben?

Richtig ist, dass es eine gigantische Herausforderung ist, vor dem Hintergrund des demographischen Wandels faire und gerechte Lösungen in der Rentenpolitik zu finden. Die Vorschläge der Rentenkommission halte ich daher für grundsätzlich richtig, und sie sollten umgesetzt werden. Es ärgert mich aber, dass plötzlich immer alle Dachdecker oder Pflegekräfte sind, sobald über die Rente gesprochen wird. Erwerbsbiographien und Belastungen in verschiedenen Berufen sind jedoch unterschiedlich. Das muss sich in der Rentenpolitik irgendwie widerspiegeln und berücksichtigt werden.

Das heißt?

Die generelle Linie, die die Rentenkommission vorgegeben hat, muss Bestand haben. Ergänzend muss sichergestellt werden, dass zum Beispiel durch Härtefallregelungen besonderen Erwerbsbiographien Rechnung getragen wird.

Sie waren in dieser Woche bei der Kabinettsklausur in Neuhardenberg zu Gast. Was war die Botschaft des Handwerkspräsidenten an die Bundesregierung?

Die Zeit der reinen Zustandsbeschreibung müssen wir hinter uns lassen. In dieser Botschaft weiß ich mich auch einig mit den Präsidenten aller Spitzenverbände. Wir wissen, dass die Arbeitslosigkeit steigt. Wir kennen die wachsenden Probleme der öffentlichen Haushalte. Und wir sehen, dass allein im vergangenen Jahr mehr als 180.000 Betriebe abgemeldet wurden. Nur 13 Prozent davon sind in die Insolvenz gerutscht. Die anderen haben aus unterschiedlichen Gründen dichtgemacht: weil sie keinen Nachfolger finden, weil sie frustriert sind oder weil sie schlicht keine Perspektive mehr sehen. Dieses stille Sterben der Betriebe geht einher mit dem Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen, die eigentlich gebraucht werden. Deshalb müssen im Herbst dringend weitere Reformen nachgelegt werden.

Wo muss die Bundesregierung konkret nachlegen?

Auf den Plätzen eins, zwei und drei steht für das Handwerk die Senkung der Lohnzusatzkosten. Sie treffen uns besonders hart, weil der Lohnanteil im Handwerk mit durchschnittlich 60 Prozent deutlich höher ist als in anderen Sektoren. Meine größte Sorge ist nicht, dass ein günstigerer Wettbewerber die Arbeit macht, sondern dass sich der Verbraucher den Handwerker nicht mehr leisten kann. Jeder Prozentpunkt mehr bei den Sozialversicherungsbeiträgen entspricht rund 20 Milliarden Euro, die den Beschäftigten im Portemonnaie und den Betrieben für Investitionen fehlen. Wir liegen inzwischen drei Prozentpunkte über der Marke von 40 Prozent, die lange als rote Linie galt. Dahin müssen wir zurück. Da geht es um rund 60 Milliarden Euro, die den Betrieben und den Beschäftigten jährlich fehlen.

Bei den bisherigen Entlastungsversuchen der Bundesregierung blieb das Handwerk zum Teil außen vor. Stichwort Industriestrompreis. Hilft eine Entlastung der Industrie auch dem Handwerk?

Das Argument der Politik, sie müsse sich erst um die Industrie kümmern, weil diese anders als das Handwerk im internationalen Wettbewerb stehe, höre ich leider immer wieder. Das ärgert mich. Wir sitzen alle in einem Boot. Im Handwerk reden wir über rund sechs Millionen Beschäftigungsverhältnisse. Zusammen mit den Familien kommt man schnell auf mehr als 15 Prozent der Bevölkerung. Nur weil die überwiegend kleinen Betriebe keine eigenen Presseabteilungen haben und deshalb medial weniger Aufmerksamkeit erzeugen, kann man doch nicht davon ausgehen, dass sie schon irgendwie klarkommen. Wenn die Energiekosten steigen und die Menschen an der Tankstelle mehr bezahlen müssen, fehlt dieses Geld an anderer Stelle. Und einige werden sich dann eben nicht mehr den Gang zum Friseur oder das Stück Torte aus der Konditorei leisten. Was die Industrie über Monate gestreckt in ihrem Auftragseingang spürt, das trifft das Handwerk unmittelbar.

Helfen die Pläne für steuerliche Entlastungen dem Handwerk?

Die Körperschaftsteuer für Unternehmen soll im kommenden Jahr sinken. Doch drei von vier Handwerksbetrieben profitieren davon nicht, weil sie als Personenunternehmen der Einkommensteuer unterliegen. Und der Entwurf zur Reform der Einkommensteuer bleibt weit hinter unseren Erwartungen zurück: Die geplanten Änderungen entlasten die Betriebe nicht spürbar, im Gegenteil werden manche dadurch sogar zusätzlich belastet.

Die Verantwortung für die Mittelstandspolitik in der Bundesregierung ist mit Staatssekretärin Gitta Connemann (CDU) gerade ins Digitalministerium umgezogen. Ist das Handwerk da gut aufgehoben?

Wichtiger als die Frage, wo Mittelstandspolitik und das Handwerk angesiedelt sind, ist, dass sie in der Bundesregierung ernst genommen werden und Mittelstandspolitik gemacht wird. Bei Gitta Connemann ist dies hervorragend aufgehoben. Sie setzt sich für das Handwerk ein und hat Standfestigkeit und Durchsetzungskraft bewiesen. Ich würde mir wünschen, dass die Belange des Mittelstands und Handwerks in der gesamten Bundesregierung auf ein vergleichbares Verständnis treffen. Diesen Eindruck habe ich nicht unbedingt bei allen Ressorts.

Wollen Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen Sie das Sonntagsbackverbot. Im Koalitionsvertrag steht, dass das komplett entfallen soll. Mir ist völlig unverständlich, warum ausgerechnet Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) darüber entscheidet, wann jemand backen darf. Die Backstation an der Tankstelle darf am Sonntag den ganzen Tag Teiglinge in den Ofen schieben. Der Bäcker jedoch soll künftig am Sonntag fünf statt drei Stunden backen dürfen. Da fragen sich doch viele: Was ist das für ein Quatsch?

Gibt es noch mehr davon?

Nehmen Sie die Bonpflicht. Vereinbart war deren Abschaffung, geplant ist nun im Kassengesetzentwurf, stattdessen eine digitale Belegbereithaltungspflicht einzuführen. Das bringt dann wieder zusätzliche Belastungen. Dazu kommt die Einführung einer Kassenpflicht, die die Breite der Betriebe trifft. Anschaffung und Folgekosten eines geeigneten Kassensystems können schnell einen hohen vierstelligen Betrag erreichen. Was soll das? So etwas nimmt dann auch der Klempner oder der Elektroniker wahr und denkt, egal was die Regierungskoalition ankündigt, es wird nicht so umgesetzt, wie es vereinbart wurde. Da geht Vertrauen verloren. Ich verlange nicht, dass die Bundesregierung den Ölpreis beeinflusst. Aber dort, wo sie handeln kann, sollte sie es auch tun.

Die AfD macht in Sachsen-Anhalt gerade Wahlkampf mit einem Wirtschaftsprogramm, das den Mittelstand ins Zentrum rückt. Versteht die AfD mehr vom Handwerk als die Regierungsparteien?

Sicherlich nein. Die eigentliche Gefahr sehe ich derzeit generell im Populismus, und zwar dem von allen Seiten. Populismus sucht sich einen Schuldigen für jedes Problem und tut dann so, als seien damit die Probleme gelöst. Das sind sie aber nicht. Große Sorgen bereitet mir, dass die zunehmende Unzufriedenheit in der Gesellschaft diesen Trend offenkundig eher noch verstärkt.

Gibt es diesen Trend auch im Handwerk?

Das Handwerk ist eine große Gesellschaftsgruppe. Deshalb spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen im Handwerk als Teil dieser Gesellschaft natürlich wider, und es dürfte hier vermutlich genauso viele Wähler populistischer Parteien geben wie in anderen Gesellschaftsgruppen. Im Handwerk gibt es ein feines Gespür für Leistungsgerechtigkeit, und viele haben den Eindruck, dass davon etwas abhandengekommen ist. Das ist aus meiner Sicht ein wichtiger Grund für die Unzufriedenheit.

Verfängt die von der AfD angezettelte Remigrationsdebatte in den Betrieben?

Eine ungesteuerte Migration kann unsere Gesellschaft überfordern. Und trotzdem sind wir dringend auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen. Gut 16 Prozent der Beschäftigten im Handwerk haben einen ausländischen Pass und noch viel mehr haben einen Migrationshintergrund. Es gibt viele berührende Geschichten der Integration in den Betrieben. Fast die Hälfte der Geflüchteten, die in Deutschland eine berufliche Ausbildung gemacht haben, wurden in einem Handwerksbetrieb ausgebildet. Damit haben die Betriebe einen weit überproportionalen Beitrag zur Integration geleistet.

Wie läuft es im Handwerk insgesamt mit der Nachwuchsausbildung?

Das Handwerk wird - anders als große Teile der Industrie - voraussichtlich auch in diesem Jahr wieder seine Ausbildungszahlen steigern. Das wäre dann bereits das vierte Jahr in Folge, in dem das gelingt. Gerade in den derzeit wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist das eine bemerkenswerte Leistung der Betriebe. Doch anstatt dieses große Engagement zu würdigen, will die Regierungskoalition quasi zur Belohnung die Mittel für die überbetriebliche Lehrlingsunterweisung kürzen. Dabei reden wir hier über wenige Millionen und keinesfalls über Milliardenbeträge.

Wie steht es um die Finanzierung der handwerklichen Bildungszentren?

Die finanzielle Unterstützung ist nicht auskömmlich, um den Sanierungsstau aufzulösen. Das wäre aber dringend notwendig, damit die Zentren technologisch auf dem neuesten Stand bleiben. Die berufliche Bildung konkurriert heute mit dem Audimax an der Universität. Wie wollen wir junge Menschen für eine Ausbildung begeistern, wenn die Ausstattung nicht stimmt? 2,76 Millionen junge Menschen haben keinen berufsqualifizierenden Abschluss. Und trotzdem kürzt man die Mittel für die duale Ausbildung, statt sie zu fördern und zu stärken.

Erstveröffentlichtung: FAZ.NET, 28.08.2026 von Stefan Paravicini

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