Berufliche Bildung als Zukunftsaufgabe
Foto: ZDH/Henning Schacht
Herr Dittrich, wieso haben Sie sich als junger Mann für eine Ausbildung zum Dachdecker entschieden?
Ich bin im Grunde ins Dachdeckerhandwerk hineingewachsen. Schon mein Urgroßvater war Dachdeckermeister. Mein Vater hat mich als Kind oft mit auf die Baustellen genommen. Da war ich mittendrin und habe hautnah erlebt, was es heißt, gemeinsam auf dem Dach zu arbeiten, im Team bei Wind und Wetter. Und ich habe schon damals gespürt, wie erfüllend es ist, am Ende des Tages zu sehen, was man geschafft hat. Das hat mich geprägt. Bis heute gefällt mir am Handwerk genau diese Verbindung aus Teamarbeit, Unternehmertum und sichtbarem Erfolg.
Was muss politisch geschehen, damit berufliche Bildung mehr Anerkennung erhält und sich wieder mehr junge Menschen für das Handwerk entscheiden?
Wenn die Politik die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung ernst meint, dann darf es nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben. Wir brauchen als erstes eine rechtliche Verankerung der Gleichwertigkeit beider Bildungswege. Zweitens geht es um die finanzielle Seite: Berufliche Bildung wird bis heute strukturell schlechter gefördert als akademische. Das muss sich ändern. Hier braucht es mehr und vor allem verlässliche Investitionen, gerade in die Bildungszentren des Handwerks. Drittens ist eine flächendeckende und frühe Berufsorientierung ein zentraler Hebel. Sie muss früher beginnen und an allen Schulformen stattfinden, auch an Gymnasien. Junge Menschen müssen erfahren, was das Handwerk ihnen bietet: sichere Jobs, ausgezeichnete Karrieremöglichkeiten und die Chance, an zentralen Zukunftsaufgaben wie Energiewende oder Wohnungsbau mitzuwirken. Wenn frühe Berufsorientierung, gute Bedingungen und eine positive Wahrnehmung zusammenkommen, dann werden sich auch wieder noch mehr junge Menschen bewusst für das Handwerk entscheiden.
Welche Rolle spielen die Gewinnung internationaler Fachkräfte und die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse für die Zukunft des Handwerks, und wo sehen Sie den größten politischen Handlungsbedarf?
Zuwanderung ist für die Gesellschaft und für die Zukunft des Handwerks unverzichtbar, denn der demografische Wandel ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Das zeigt auch ein Blick in die Ausbildungszahlen: Im Jahr 2025 hatte knapp ein Sechstel aller Auszubildenden im Handwerk, genau 16,2 Prozent, eine ausländische Staatsangehörigkeit. Entscheidend ist, dass Zuwanderung auch praktisch funktioniert. Der größte politische Handlungsbedarf liegt bei den Verfahren: Wir brauchen schnellere Visaverfahren sowie eine deutlich bessere Unterstützung bei Integration und Sprachförderung. Gleichzeitig braucht es auch eine gelebte Weltoffenheit in der Gesellschaft, damit sich ausländische Fachkräfte willkommen fühlen, hier wirklich ankommen und bleiben wollen.
Die Bildungszentren des Handwerks müssen mit der technologischen Entwicklung Schritt halten – von Digitalisierung bis Energiewende. Reichen die aktuellen Förderprogramme aus, um die Bildungsstätten zukunftsfähig aufzustellen?
Nein, die aktuellen Förderprogramme reichen nicht aus. In vielen Bildungszentren des Handwerks besteht seit Jahren ein erheblicher Investitionsstau. Zwar sind erste Schritte gemacht, etwa durch erhöhte Mittel, aber das reicht bei weitem nicht, um die Einrichtungen flächendeckend auf den neuesten technologischen Stand zu bringen. Die Bildungszentren des Handwerks sind die Hochschulen des Handwerks. Wenn wir wollen, dass das Handwerk Digitalisierung und Energiewende umsetzt, dann muss deutlich stärker und vor allem verlässlich in die Bildungsstätten investiert werden. Sonst laufen wir Gefahr, bei der Qualifizierung von Fachkräften den Anschluss an die technologische Entwicklung zu verlieren, und unsere künftigen Fachkräfte nicht mehr auf den neuesten Stand bringen zu können.
Welche finanziellen Entlastungen oder Förderinstrumente braucht es, um insbesondere kleine und mittlere Handwerksbetriebe bei der Ausbildung stärker zu unterstützen?
Ausbildungsbetriebe leisten bereits heute sowohl personell als auch finanziell einen erheblichen Beitrag, um Nachwuchskräfte auszubilden. Gerade kleine und mittlere Betriebe brauchen daher gezielte Entlastungen, damit sie wirtschaftlich stabil arbeiten können und ihr Engagement in der Ausbildung auf einer soliden Basis steht. Ergänzend braucht es eine stärkere Unterstützung der Auszubildenden selbst, etwa durch bezahlbaren Wohnraum für Azubis und alltagstaugliche Mobilitätsangebote, insbesondere im ländlichen Raum. Ich kritisiere auch deutlich die zu geringe Wertschätzung von Gesellschaft und Politik für die große Leistung in den Betrieben bei der Ausbildung. Gute Ausbildung ist teuer und anstrengend.
Die gesamte Wirtschaft durchläuft aktuell einen tiefgreifenden Wandel, mit dem auch die Handwerksorganisation Schritt halten muss. Wie gelingt es der handwerklichen Selbstverwaltung, sich zukunftsfest aufzustellen?
Die Stärke der handwerklichen Selbstverwaltung liegt vor allem in ihrer Nähe zur Praxis und der Entscheidung durch die Betroffenen. Wo den Betrieben der Schuh drückt, muss nicht lange erklärt werden. Das ist den in der Selbstverwaltung Tätigen aus eigener Erfahrung bekannt. Dadurch kann in der Sozialpartnerschaft schnell, pragmatisch und passgenau reagiert werden. Ausbildung wird organisiert, Qualitätsstandards werden gesetzt und Lösungen entwickelt, die auf die Betriebe und ihren Alltag zugeschnitten sind. Gerade diese Kombination aus Eigenverantwortung, Vernetzung und dem starken Engagement der Handwerkerinnen und Handwerker bildet das Fundament, auf dem die Handwerksorganisation zukunftsfest steht. Damit das so bleibt, müssen gezielt junge Menschen für ein Engagement in den Gremien und im Ehrenamt gewonnen werden. Unsere Organisationen müssen sich natürlich auch anpassen, was sie schon häufig mussten und getan haben.
Und noch eine persönliche Frage: Wie prägt Ihr Amt als ZDH-Präsident Ihre Tätigkeit als Handwerksunternehmer?
Das Amt als Präsident gleicht einem weiteren Vollzeitjob. Zeit ist daher sicher mein kostbarstes Gut. Das Amt hat meinen Blick auf das Handwerk weit über den eigenen Betrieb hinaus erweitert. Diese Erfahrung möchte ich vielen Menschen und der Politik nahebringen. Der weite Blick ist natürlich auch ein Vorteil für die Entscheidungen im eigenen Betrieb. Und natürlich erlebe ich bei Veranstaltungen und Betriebsbesuchen bundesweit, wie viel Innovationskraft und Zusammenhalt im Handwerk steckt. Diese Eindrücke fließen unmittelbar in meine unternehmerische Arbeit ein. Umgekehrt helfen mir meine eigenen Erfahrungen aus dem Betrieb dabei, die Interessen des Handwerks authentisch und praxisnah zu vertreten. Am Ende geht es immer darum, das Handwerk als Ganzes voranzubringen, im eigenen Betrieb genauso wie auf der Ebene der Organisation.