Zeitgewinn als Gradmesser wirksamer bürokratischer Entlastung
Foto: ZDH/Henning Schacht
Herr Schwannecke, wann haben Sie zuletzt mit einem Handwerker an einem Tisch gesessen, und was hat Sie dabei wirklich überrascht?
Erst kürzlich auf einem Sommertreffen einer Handwerkskammer. Mich mit Handwerkerinnen und Handwerkern auszutauschen, gehört für mich zu meinem beruflichen Alltag, denn dadurch erfahre ich am besten, was politische Entscheidungen auf der Baustelle, in der Werkstatt oder für den Kunden bedeuten. Was mich immer wieder beeindruckt, ist die enorme Leistungsbereitschaft und Innovationskraft. Viele Betriebe investieren, bilden aus, entwickeln sich weiter und übernehmen Verantwortung für ihre Region. In den vergangenen Monaten habe ich in meinen Gesprächen jedoch eine wachsende Erschöpfung und teils große Frustration wahrgenommen. Viele Betriebsinhaberinnen und -inhaber kämpfen mit zu viel Bürokratie, zu hohen Kosten, fehlender Verlässlichkeit und zu vielen Auflagen. Wenn ein Betriebsinhaber das Gefühl hat, mehr Zeit im Büro als beim Kunden oder in der Werkstatt zu verbringen, dann läuft etwas schief. Die Beschlüsse des Koalitionsausschusses greifen dieses Problem mit der Berichtspflichtenbremse und der Überprüfung bestehender Dokumentationspflichten auf. Entscheidend wird sein, dass daraus tatsächlich weniger Bürokratie im Betriebsalltag wird.
Wenn Sie morgen einen kleinen Handwerksbetrieb hier in der Region übernehmen müssten: Wovor hätten Sie aktuell am meisten Respekt?
Vor der schieren Summe an Herausforderungen. Ein Betriebsinhaber ist heute Unternehmer, Ausbilder, Personalchef, Buchhalter, Datenschutzbeauftragter, Dokumentarist und Krisenmanager in einer Person. Das alles bei fehlender Planungssicherheit und verlässlichen Perspektiven. Immens steigende Sozialabgaben und Energiepreise über dem europäischen Durchschnitt, hohe Personalkosten und immer neue regulatorische Anforderungen erschweren Investitionsentscheidungen. Ein Handwerksbetrieb mit im Durchschnitt rund zehn Beschäftigten verfügt nicht über eigene Fachabteilungen, die solche Belastungen auffangen. Genau deshalb brauchen wir endlich spürbare Entlastungen bei Bürokratie, Energiekosten und Lohnzusatzkosten. Sonst wird Unternehmertun immer weniger attraktiv. Die Entscheidung der Koalitionäre, den Spitzensteuersatz nicht anzuheben, Familien und Beschäftigte zu entlasten und den Steuerbonus für Handwerkerleistungen grundsätzlich zu erhalten, sorgt für etwas mehr Planungssicherheit und stärkt auch die Nachfrage. Es bleibt aber die Aufgabe, die dringend nötige strukturelle Entlastung weiter voranzubringen.
Viele Handwerksbetriebe haben den Eindruck, dass ihre Probleme zwar politisch beklatscht, aber zu selten konkret gelöst werden. Wo erleben sie in Berlin vor allem Symbolpolitik statt echter Entlastung?
Die Anerkennung und Wertschätzung für das Handwerk in politischen Reden sind groß. Entscheidend ist aber, was am Ende bei den Betrieben im Alltag ankommt. Und da klaffen Anspruch und Wirklichkeit häufig auseinander. Ein Beispiel sind die hohen Energiekosten. Im Koalitionsvertrag war vereinbart, die Stromsteuer für alle auf das europäische Mindestmaß zu senken. Wegen der Haushaltslage wurde dieses Versprechen aber nicht eingelöst. Auch nach dem Koalitionsausschuss gibt es viele richtige Vorhaben, etwa beim Bürokratieabbau oder bei arbeitsmarktpolitischen Anpassungen. Ob daraus eine spürbare Entlastung wird, entscheidet sich jetzt in der Umsetzung.
Baden-Württemberg lebt stark von seiner Industrie. Gerade die Schwäche der Automobilbranche trifft viele Betriebe indirekt. Wenn die Kombination aus Industrie-Schwäche, hohen Kosten und Bürokratie bleibt: Was bedeutet das für das Handwerk?
Das Handwerk ist eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Industriestandortes Deutschland verbunden. Wenn Unternehmen wegen einer Kombination aus hohen Energie- und Produktionskosten, geopolitischen Krisen, Bürokratie und einem tiefgreifenden Strukturwandel weniger investieren, fehlen auch dem Handwerk wichtige Aufträge. Unsere aktuellen Konjunkturdaten zeigen bereits eine rückläufige Auslastung in einzelnen Bereichen und eine zunehmende Investitionszurückhaltung. Deshalb brauchen wir jetzt eine wirtschaftspolitische Agenda, die Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit in den Fokus stellt. Jeder verlorene Monat kostet den Standort Deutschland Substanz.
Die Politik betont immer wieder die Bedeutung der beruflichen Bildung. Gleichzeitig kämpfen Bildungszentren im Handwerk vielerorts um verlässliche Finanzierung. Fehlt am Ende schlicht der Wille, berufliche Bildung wirklich gleichwertig zu finanzieren?
Die Politik bekennt sich regelmäßig zur Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung, aber sie ist leider nach wie vor nicht gesetzlich verankert. Die zusätzlichen Mittel für die Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung und die Förderung der Bildungsstätten sind wichtige Schritte. Sie zeigen, dass die Bedeutung der beruflichen Bildung anerkannt wird. Doch es fehlt nach wie vor eine Verstetigung oder gar Aufstockung der Mittel für die berufliche Bildung. Das wiegt umso schwerer, als viele handwerkliche Bildungszentren vor gewaltigen Investitionsaufgaben stehen. Digitalisierung, moderne Werkstattausstattung, Energietechnik und KI-Anwendungen erfordern erhebliche Mittel. In den Bildungsstätten des Handwerks werden die Fachkräfte von morgen ausgebildet, die wir für die Energie- und Mobilitätswende sowie für den Wohnungsbau dringend brauchen. Wer die Gleichwertigkeit der beruflichen und akademischen Bildungswege ernst meint, muss sie nicht nur politisch beschwören, sondern finanziell sichtbar machen.