Zentralverband des
Deutschen Handwerks
01.09.2026

Ausbildungszahlen im Handwerk: Viertes Jahr mit Plus in Sicht

Die Ausbildungszahlen im Handwerk könnten 2026 das vierte Jahr in Folge steigen, doch es bleiben Passungsprobleme und fehlende Grundkompetenzen als große Herausforderungen, sagte ZDH-Präsident Jörg Dittrich zu Andreas Schmid von Ippen.Media.
Jörg Dittrich

Herr Dittrich, das neue Ausbildungsjahr läuft in den ersten Bundesländern bereits, im Süden geht es Anfang September los. Mit welchem Gefühl blicken Sie auf diesen Jahrgang?

Mit einem sehr zuversichtlichen. In diesem Jahr steigen bisher die Ausbildungszahlen. Es könnte das vierte Jahr in Folge mit einem Plus werden.  

Dennoch berichten Handwerkskammern von offenen Ausbildungsplätzen. Wie viele sind es deutschlandweit?

Im Schnitt der vergangenen Jahre sind um die 20.000 angebotene Ausbildungsplätze unbesetzt geblieben. Wir müssen da weiter auf dem Gaspedal bleiben, um diese Lücke zu schließen. Denn langfristig ist dieser Trend kritisch: Ohne Ausbildung gibt es auch keine Fachkräfte. Ohnehin machen im Vergleich zum Jahr 2000 in der gesamten Wirtschaft heutzutage mehrere Hunderttausend Menschen weniger eine berufliche Ausbildung.

Woran liegt’s?

Zum einen verlassen insgesamt weniger Jugendliche die Schulen. Zum anderen wirkt ein bildungspolitisches Mantra der Vergangenheit nach: Das Narrativ lautete lange, Wohlstand entstehe ausschließlich durch akademische Bildung. Alle sollten Abitur machen und danach studieren. Das hat sich als folgenreicher Trugschluss erwiesen. Unser Land verdankt seine Innovationskraft der gleichwertigen Kombination aus beruflicher und akademischer Bildung.

Warum studieren so viele junge Leute? Ist das Handwerk nicht attraktiv genug?

Ich habe nichts dagegen, dass viele junge Menschen Abitur machen. Das ist gut in einer Wissensgesellschaft. Aber diese jungen Leute sollten nach dem Abitur entsprechend ihrer individuellen Talente auch die berufliche Bildung im Blick haben. Eine berufliche Ausbildung ist keine Sackgasse. Der Meisterabschluss liegt auf dem gleichen Niveau wie der akademische Bachelor und eröffnet Karrierewege bis zur Selbstständigkeit in bereits sehr jungen Jahren. Und der Weg zur Hochschule steht damit auch frei. Wir müssen nicht nur die Jugendlichen von diesen Chancen überzeugen, sondern auch die Eltern, die Lehrer und damit die Gesellschaft.

Rund 20.000 offene Ausbildungsplätze heißt: Wer noch einen sucht, der findet auch einen?

Viele junge Menschen haben keinen Abschluss, der sie für einen Beruf qualifiziert. Gerade denen rufe ich zu: Das Ausbildungsangebot ist vorhanden. Wer einen Beruf erlernen möchte, kann damit auch noch nach dem offiziellen Ausbildungsstart loslegen. In den Lehrstellenbörsen der Handwerkskammern kann man offene Plätze finden. Oder man geht direkt auf Handwerksbetriebe vor Ort zu und fragt, ob eine Ausbildung möglich ist. Auch eine Suche in anderen Regionen kann erfolgreich sein. Dass Betriebe mit Ausbildungsplätzen und Bewerber nicht zusammenkommen, liegt häufig vor allem an Passungsproblemen.

Was meinen Sie mit Passungsproblemen?

Manchmal findet sich für den Wunschberuf am Wohnort kein freier Ausbildungsplatz. Manchmal klaffen auch persönliche Fähigkeiten und die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Ausbildung weit auseinander.

Apropos Fähigkeiten: Der ZDH beklagte schon 2022, dass sich die Lese- und Rechenkompetenzen “spürbar verschlechtert” hätten. Ist dieser Befund noch aktuell?

Leider ja, das ist ein gigantisches gesellschaftliches Problem. Die Kompetenzen sind teilweise so schlecht, dass Betriebe Nachhilfe geben. Wenn Jugendliche ihre Schreibmängel jedoch durch handwerkliches Talent ausgleichen, gibt das Handwerk ihnen gerne eine Chance. Aber dennoch ist es natürlich keine Aufgabe von Handwerksbetrieben, Defizite aus Elternhäusern und Schulen aufzufangen. Es müssen unbedingt wieder mehr junge Menschen diese Grundkompetenzen beherrschen. Das überhaupt fordern zu müssen, macht schon traurig.

Wie blicken Sie generell auf die Jugend?

Die Mehrheit ist motiviert und nutzt ihre Chancen. Aber bei einer Reihe von Jugendlichen, die eine Ausbildung anstreben, ist am Anfang eben nicht klar, ob es funktioniert. 

Weil?

Weil Lese- und Rechenkompetenzen fehlen. Weil manchmal schwierige Familienverhältnisse hinzukommen. Weil Erziehung bei grundlegenden Anstandsregeln fehlt, angefangen bei einem einfachen „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ bis hin zur Pünktlichkeit. In einer hoch individualisierten Welt spielt hin und wieder auch die Haltung eine Rolle, dass sich alles um einen selbst dreht. Handysucht ist ein großes Thema, mitunter auch Drogen.

Oft ist die Rede von „Gen Z“ – Wünschen nach Vier-Tage-Woche und mehr Work-Life-Balance. Das passt nicht gerade zum Handwerk, oder?

Die Einstellung zu Arbeit und Freizeit unterscheidet sich im Handwerk nicht von anderen Branchen. Homeoffice ist auf der Baustelle naturgemäß nicht möglich, aber die Betriebe werden flexibler: Manche testen erfolgreich die Vier-Tage-Woche, andere bieten Teilzeitmodelle an.

Welche Berufe boomen gerade?

Die Klassiker wie der KFZ-Mechatroniker und das Friseurhandwerk bleiben stark gefragt. Erfreulicherweise verzeichnen auch die Lebensmittelgewerke wie Bäcker und Fleischer Zuwächse. Zukunftsberufe wie der Elektroniker für Gebäudesystemintegration gewinnen durch die Digitalisierung an Bedeutung. Das Bestatterhandwerk hat aktuell fast ein Überangebot an Nachwuchs.  

Welche Handwerkssparten haben momentan Schwierigkeiten?

Maurer leiden, vermutlich auch wegen der Baukrise, aktuell unter einem Bewerbermangel. Stark unter Druck stehen Nischenberufe wie die Maßschneiderei oder das Gold- und Silberschmiedehandwerk. Gesetzliche Vorgaben wie die Mindestausbildungsvergütung belasten diese Kleinbetriebe überdurchschnittlich, weil die Inhaber die Ausbildungskosten oft nicht mehr refinanzieren können.

Die Mindestvergütung liegt im ersten Ausbildungsjahr bei 724 Euro. Daran kann es doch nicht scheitern, oder?

In Kleinstbetrieben mit bis zu neun Beschäftigten sind die Nettokosten der Ausbildung in den vergangenen 15 Jahren um insgesamt 77 Prozent gestiegen. Zugleich brauchen Auszubildende heute vielfach mehr Unterstützung, etwa weil grundlegende Kenntnisse fehlen oder psychische Probleme hinzukommen. Das kostet zusätzliche Zeit und bindet Personal, das in kleinen Betrieben ohnehin knapp ist. Für sie ist das eine erhebliche Belastung.

Wie sieht’s mittlerweile mit der Frauenquote aus?

Sie steigt, aber zu langsam. Wir brauchen mehr Frauen. Aktuell liegt die Quote im Schnitt bei rund 17 Prozent. Im Betonbau arbeiten kaum Frauen, im Friseurhandwerk dominieren sie. Auch Malerinnen, Tischlerinnen und Dachdeckerinnen sind im Aufwind. Zudem werden 25 Prozent der Betriebe von Frauen geführt. Man darf dabei nicht vergessen: In Westdeutschland galt bis 1993 ein Beschäftigungsverbot für Frauen auf Baustellen. Dieser strukturelle Rückstand wirkt bis heute nach.

Welche Rolle spielt Migration im Handwerk?

Eine sehr große. Wer hat die Menschen der Flüchtlingswelle 2015/16 integriert? Knapp die Hälfte dieser Menschen, die in Deutschland eine berufliche Ausbildung gemacht haben, haben das im Handwerk getan. Das sind nicht "die Ausländer", das sind unsere Handwerkerinnen und Handwerker, die hier hoffentlich eine Heimat gefunden haben. Wir brauchen diese gut ausgebildeten Fachkräfte dringend.

Der Arbeitsmarkt verändert sich, auch durch künstliche Intelligenz. Im Handwerk dürfte man das relativ entspannt beobachten, oder?

Eher gespannt als entspannt. Die Digitalisierung verändert unsere Arbeitswelt grundlegend und bietet dem Handwerk hier enorm viele Chancen. Ich warte gespannt auf Roboter, die Werkzeugkästen oder Fliesenpakete auf die Baustelle tragen.

Auf Baustellen wird es Roboter geben?

Das hoffe ich. Ich hatte eigentlich gedacht, dass das schon in den nächsten sechs Monaten kommt.

Besteht nicht die Gefahr, dass der Roboter den Handwerker “ersetzt”?

Es geht nicht um Gefahr, sondern um Entwicklung. Ein Roboter wird auf absehbare Zeit keine komplexen Montagen in verwinkelten Altbauten ausführen können. Dafür müsste er viel besser fühlen, messen und sehen können als das heute der Fall ist. Aber jedes Jahr gehen Hunderttausende Menschen mehr in Rente, als auf den Arbeitsmarkt kommen. Wer soll das alles machen? KI und Automation können helfen, diese Lücke zu schließen.

Das Interview wurde am 01.09. in der Frankfurter Rundschau abgedruckt.

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