Dittrich fordert schlüssiges Reformpaket für mehr Wachstum
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Das Interview erschien zuerst in der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ).
Herr Dittrich, nächste Woche treffen sich die Spitzen der Arbeitgeberbände und Gewerkschaften mit Bundeskanzler Friedrich Merz im Kanzleramt, um ein großes Reformpaket zu schnüren. Was sind Ihre Erwartungen?
Ganz grundsätzlich: Nach Monaten und Jahren der reinen Zustandsbeschreibung muss es jetzt darum gehen, sich darauf zu verständigen, welche Reformen und Maßnahmen es sind, die unsere Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs bringen. Ein breiter Konsens zwischen den Sozialpartnern, dass Strukturreformen unumgänglich sind, kann dafür eine wichtige Grundlage schaffen. Messlatte ist, die verlorengegangene Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands wieder herzustellen. Ein fertiges Reformpaket erwarte ich noch nicht, sehe aber die Chance auf mehr Klarheit über die Richtung, die politischen Prioritäten und den weiteren Fahrplan. Betriebe und Mitarbeiter erwarten gleichermaßen politische Entscheidungen, die die wirtschaftliche Lage wieder in Richtung Zuversicht und Wachstum lenken. Wenn die dafür nötigen Maßnahmen Belastungen mit sich bringen, müssen wir über den sozialen Ausgleich sprechen. Am Anfang braucht es jedoch erst einmal ein gemeinsames positives Zukunftsversprechen.
Der DGB droht bereits mit Massenprotesten gegen Sozialabbau. Rufen Sie dann demnächst auch die Handwerker auf die Straße?
Wir sollten uns alle hüten, die Lage in die Eskalation zu treiben, ohne zu wissen, wie wir das am Ende wieder einfangen. Wirtschaftspolitik wird nicht auf der Straße entschieden, vor allem keine gute. Da muss man mit kühlem Kopf herangehen. Jetzt zu Protesten aufzurufen gegen Sozialabbau, um den es gar nicht geht, sondern um Reformen, halte ich für falsch. Wir müssen das Gespräch mit der Bundesregierung nutzen, um einen gemeinsamen Weg nach vorne zu entwickeln, statt zu glauben und darauf zu setzen, eigene Interessen durch Eskalation durchzudrücken. Es geht hier schließlich um uns alle.
Dann sprechen wir über Konkretes. Was halten Sie von einer Rücknahme der “Rente mit 63”, wie Sie Wirtschaftsexperten gerade vorschlagen?
Ich bleibe dabei: Wir brauchen ein ganzes Bündel an Maßnahmen, um die deutsche Wirtschaft aus ihrer Starre zu lösen. Und in diesem Kontext fordern wir schon lange, falsche Frühverrentungsanreize abzuschaffen. Natürlich gilt: Dieses Land besteht nicht nur aus Dachdeckern. Wenn wir über die Rente sprechen, müssen wir die unterschiedlichen Erwerbsbiografien berücksichtigen. Dass Beamte statistisch eine höhere Lebenserwartung haben, ist eine Tatsache. Und es gibt Berufe, in denen es äußerst schwierig ist, überhaupt bis zum 60. oder 65. Lebensjahr durchzuhalten. Die Altersrente für besonders langjährig Versicherte steht für uns deshalb außer Frage. Wir dürfen nicht alle über einen Kamm scheren.
Also nur eine gute Idee, wenn es Ausnahmen für körperlich besonders harte Berufe gibt?
Als isolierte Einzelmaßnahme befürworte ich diese Maßnahme jetzt hier nicht, das brächte die falsche Schlagzeile. Wir zerfleischen uns in Deutschland zu oft an einzelnen Maßnahmen und verlieren das große Ganze aus dem Blick. So werden selbst sinnvolle Ansätze und gute Ideen im Klein-Klein zerredet und zerstört. Dazu trägt auch die Politik bei, weil sie bislang kein schlüssiges Gesamtkonzept vorgelegt hat. Wir brauchen einen Strauß aufeinander abgestimmter Reformen: in der Krankenversicherung, bei der Rente, bei Arbeitsflexibilität und bei den Steuern.
Ein weiteres heißes Eisen ist das Arbeitszeitgesetz: Künftig soll es eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit geben. Ver.di-Chef Werneke sieht darin einen „Freibrief für Arbeitgeber, um aus den Mitarbeitenden das Letzte rauszuholen“. Ist das eine reale Gefahr?
Diese Gefahr sehe ich überhaupt nicht. In den Bereichen, für die Herr Werneke verantwortlich ist, gibt es Tarifverträge. Aber es gibt eben auch Sektoren, in denen die Flexibilität momentan einfach nicht ausreicht. Ich verstehe, dass der Acht-Stunden-Tag für die Gewerkschaften historisch eine besondere Bedeutung hat. Aber dieses starre Korsett hält der Realität heute nicht mehr stand. Ich bin dafür, die Wochenhöchstarbeitszeit auszuprobieren. Wenn wir nach zwei oder drei Jahren feststellen sollten, dass es unerwünschte Auswüchse gibt, korrigieren wir diese eben wieder. Es kann aber doch keine Option sein, stur am Status-Quo festzuhalten, selbst auf die Gefahr hin, dass dadurch Arbeitsplätze gefährdet werden und Leute wegen fehlender Veränderungsbereitschaft ihre Arbeitsplätze sogar verlieren.
Wie könnte man Missbrauch vorbeugen, ohne dabei erneut in Bürokratie zu versinken? Die geplante Arbeitszeiterfassung wollen die Betriebe ja auch nicht.
Ich behaupte, viele Dinge regeln sich in Zeiten eines großen Fachkräftebedarfs von ganz allein. Die Kräfteverhältnisse sind heute andere als noch vor 20 Jahren, als Massenarbeitslosigkeit herrschte. Heute bestimmen die Beschäftigten das Betriebsklima maßgeblich mit. Deshalb sollte man die kleinen Handwerksbetriebe mit zwei, drei oder fünf Mitarbeitern einfach in Ruhe lassen! Die kommen wunderbar klar miteinander. Mir ist nicht bekannt, dass das Handwerk die Schlagzeilen bestimmt, weil dort permanent der Arbeitsschutz verletzt wird. Dieses ständige Misstrauen, als würden Arbeitgeber pauschal alle nur ausbeuten wollen, entspricht nicht der Lebensrealität. Das ist respektlos gegenüber den vielen verantwortungsvollen Unternehmerinnen und Unternehmern.
Wären Sie zufrieden, wenn die Politik es schafft, die Sozialbeiträge auf dem aktuellen Niveau zu stabilisieren? Allein das wird ja schon ein Kraftakt…
Auf keinen Fall! Stabilisieren reicht nicht. Wenn wir die Lohnzusatzkosten von fast 43 Prozent dauerhaft in Richtung 40 Prozent senken, reden wir über Entlastungen in zweistelliger Milliardenhöhe. Das wäre der Game-Changer für die deutsche Wirtschaft. Davon würden nämlich sowohl Betriebe wie Arbeitnehmer unmittelbar profitieren. Das würde die Inlandsnachfrage wie auch den Export ankurbeln. Natürlich fragt die Politik sofort nach der Finanzierung. Dann müssen wir eben über mehr Eigenverantwortung und Strukturmaßnahmen in den Sozialsystemen reden. Wenn die Menschen durch niedrigere Beiträge mehr Netto in der Tasche haben, können sie auch mehr Eigenvorsorge leisten. Das sendet das Signal in das Land: Es geht wieder voran.
Angesichts von künstlicher Intelligenz fragen sich viele Menschen, welche Jobs es künftig noch geben wird. Welchen Beruf empfehlen Sie der jungen Generation, die jetzt die Schule beendet?
Ich würde mir ein Loch in den Bauch freuen, wenn die jungen Leute eine berufliche Ausbildung im Handwerk starten. Im Handwerk haben wir momentan deutlich bessere Trümpfe auf der Hand als viele andere Bereiche. Während die Industrie vielerorts Ausbildungsplätze abbaut, verzeichnen wir im Handwerk leicht steigende Azubi-Zahlen. Ein Elektrobetrieb in Baden-Württemberg etwa hatte über Jahre hinweg Schwierigkeiten, seine Ausbildungsplätze zu besetzen, weil die Automobilindustrie die Bewerber anzog. Heute erhält derselbe Betrieb für seine vier Plätze 90 Bewerbungen! Da dreht sich gerade gewaltig etwas.
Und welcher Handwerksberuf ist in zehn Jahren vor jeder Krise gefeit?
Die gute Botschaft ist: Im Grunde sind alle Handwerksgewerke krisenfest. Die Gesundheitshandwerke zum Beispiel: Keine Robotik der Welt kann die empathische und millimetergenaue Anpassung einer Orthese oder eines Hörgeräts am Menschen übernehmen. Auch die Dachdecker oder die gesamten Transformationsberufe rund um die Energiewende boomen. Das Handwerk wird durch die technologische Entwicklung nicht bedroht, wir sind deren Nutznießer. Handwerkliche Jobs werden in der Zukunft noch spannender, weil sie handwerkliches Können und Machen mit digitalen Technologien verbinden. Das Handwerk gehört zu den Gewinnern der Zukunft.