Dittrich: Hohe Abgaben und Steuern belasten Leistungsträger
Foto: ZDH/Henning Schacht
In der nachfolgenden Version von BILD am Sonntag veröffentlichtes Interview mit Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH):
Herr Dittrich, wie ist die Stimmung im Handwerk nach einem Jahr schwarz-roter Bundesregierung?
Es gibt sehr viel Frustration und viele enttäuschte Erwartungen. Wenn ich einen Auftrag habe, ein Dach zu decken, und es ist noch nicht dicht, interessiert den Kunden nicht, ob ich schon 50 oder 60 Prozent geschafft habe. Die Aufgabe ist erst erledigt, wenn das Haus wieder trocken ist. Und das ist es noch nicht.
Woran hapert es am meisten?
An der Umsetzung. Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Der Streit ist groß, welchen Weg man gehen soll. Die einen sagen, wir nehmen einer Gruppe mehr Geld ab – damit werden wir aber nicht wettbewerbsfähiger. Die anderen wollen die Grenzen schließen – das ist für eine Exportnation eine schlechte Idee. Ich glaube, die Parteien haben sich hier verhakt und deshalb passiert nichts.
Was bräuchte das Handwerk am dringendsten?
Maßnahmen, die Wachstum bringen. Wenn man sich die Umfragen anschaut, sieht man viel Angst in der Gesellschaft. Dieser Angst könnte man begegnen, indem wir wieder auf einen Wachstumspfad kommen: Wohlstand für alle, sichere Arbeitsplätze. Konkret: die Sanierung der sozialen Sicherungssysteme. Arbeit ist zu stark mit Steuern und Abgaben belastet. Dadurch werden Leistungen zu teuer und finden gar nicht statt. Und Leistungen, die nicht statvinden, bringen auch keine Sozialabgaben. Das ist eine Todesspirale.
Handwerkerleistungen sollen nicht mehr steuerlich absetzbar sein, diskutiert die Regierung. Werden sie dadurch teurer?
Teurer werden sie nicht. Oft wird von einem ‚Handwerkerbonus‘ gesprochen, aber das ist keiner für das Handwerk, sondern für Eigentümer. Er soll Anreize schaffen, Aufträge legal zu vergeben. Wenn das wegfällt, gehen Aufträge verloren. Für uns wäre die Abschaffung ein klarer Rückschlag.
Die Bundesregierung plant eine Steuerreform. Was erwarten Sie?
Nach den Ankündigungen der letzten 12 Monate sind die Erwartungen nicht besonders hoch. Viele Unternehmen sind Personenunternehmen, bei denen die Einkommensteuer gleichzeitig die Unternehmenssteuer ist. Wenn dann gesagt wird, wer sechsstellig verdient, könne mehr abgeben, trifft das direkt die Leistungsträger. Also wir sagen, wir wollen Unternehmen entlasten in der Körperschaftssteuer, und im Handwerk sind drei Viertel der Betriebe Personenunternehmen. Und die stehen im Regen und sollen mehr bezahlen. Wir machen es noch schlechter für die.
Das heißt, Sie wollen eine Steuersenkung für alle?
Ich höre ganz häufig den Vorwurf, nicht nur von Selbstständigen, sondern auch von Vorarbeitern, Leistungsträgern, angestellten Facharbeitern in den Betrieben: Wenn ich mehr arbeite, habe ich nichts davon. Wie schaffen wir es, Leistungsträgern das Signal zu geben, Leistung lohnt sich? So muss eine Einkommenssteuerreform angelegt werden. Es kann sein, dass mehr Belastung notwendig ist für jemanden. Aber bitte nicht für die Leistungsträger, die unternehmerisch in die Verantwortung gehen und von denen wir hoffen, dass sie investieren. Wie sollen sie das machen, wenn wir ihnen das Geld vorher wegnehmen?
Die Regierung diskutiert, den 8-Stunden-Tag aufzuweichen. Sinnvoll fürs Handwerk?
Für Gewerkschaften ist der 8-Stunden-Tag ein zentraler Wert. Der Wunsch nach mehr Flexibilität kommt aber oft von den Beschäftigten selbst. Wenn Mitarbeiter an einzelnen Tagen länger arbeiten und dafür später mehr Freizeit wollen, sollte man das ausprobieren dürfen. Wenn es zu Missbrauch kommt, muss man nachjustieren. Aber in einer stagnierenden Wirtschaft sollten wir neue Wege gehen und mehr Flexibilität zulassen.
Viele Betriebe finden keine Auszubildenden. Gibt es große Defizite bei Schulabgängern?
Es wäre schön, wenn mehr Kinder, die aus der Schule kommen, dann auch lesen und schreiben und rechnen können. Wir verlieren zu viele Menschen, die keinen Berufsabschluss haben, das ist eine ganz schlechte Entwicklung. Das Handwerk kann nicht die Reparaturwerkstatt sein.
Ein großes Thema ist auch Bürokratie. Haben Sie ein Beispiel?
Das Einweg-Kunststoff-Gesetz. Bäcker müssen genau nachweisen, welche Tüten wie verwendet werden und wie viel hineingepackt wurde. Das ist kaum kontrollierbar und völlig absurd.
Was passiert, wenn sich nichts ändert?
Im Handwerk sprechen wir nicht von einer Insolvenzwelle, sondern von einem stillen Sterben. Viele Betriebe sind Personenunternehmen, die mit ihrem gesamten Vermögen haften. Wenn das Geschäftsmodell unter Druck gerät, hören viele lieber auf, bevor sie alles verlieren.