Dittrich: "Druck auf Betriebe und Beschäftigte ist massiv"
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Herr Dittrich, wie wirkt sich der Iran-Krieg auf das Handwerk aus?
Unmittelbar durch gestörte Lieferketten, ich denke da als erstes an den Bau. Viele Materialien werden mit hohem Energieaufwand hergestellt. Styropordämmung, für die man Erdöl braucht, wird unmittelbar teurer. Und die Leute weichen aus auf Mineralwolle, die dadurch knapp wird. In der Baubranche sehen wir Preissteigerungen bis zu 50 Prozent, auch weil die Transportkosten steigen. Und die Lieferzeiten haben sich sprunghaft von zwei auf 16 Wochen erhöht. Es gibt aber noch einen indirekten Effekt.
Der wäre?
Wenn die Menschen mehr Geld an der Tankstelle ausgeben, gehen sie seltener zum Friseur oder ins Kosmetikstudio und kaufen weniger beim Bäcker oder Metzger ein. Diese Kaufzurückhaltung setzt sofort ein.
Wie viele Jobs sind bedroht?
Der Druck ist massiv. Es besteht die Gefahr, dass ganze Geschäftsmodelle kippen und zahlreiche Arbeitsplätze abgebaut werden. Das Handwerk hat schon im letzten Jahr über 60.000 Arbeitsplätze verloren. Und in der Iran-Krise schieben viele Familien geplante Investitionen auf. Die Aufträge gehen zurück.
Wie lange dauert es in dieser Situation, bis man einen Handwerkertermin bekommt?
Die Wartezeiten sind deutlich zurückgegangen. Zwischenzeitlich waren es schon mal 14 Wochen bis zum nächsten Handwerkertermin. Jetzt sind wir im Schnitt bei 8,9 Wochen, wobei man in der Stadt etwas länger warten muss als in ländlichen Regionen.
Hilft dem Handwerk ein Tankrabatt?
Das ist definitiv ein richtiger Schritt, weil der Staat durch höhere Steuereinnahmen bei der Mineralölsteuer von der Krise profitiert.
Sollte der Rabatt über zwei Monate hinaus verlängert werden?
Solange diese Krise andauert und der Staat dadurch Mehreinnahmen erzielt, sollte er diese auch weitergeben. So lange sollte der Tankrabatt bleiben. Das Wichtigste ist allerdings, dass Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit stärkt. Wir brauchen Reformen – jetzt.
Konkret?
Ich erwarte ein schlüssiges Gesamtkonzept. Davon ist in diesem Frühling der Reformen leider ebenso wenig zu sehen wie im vergangenen Herbst. Treffend finde ich dieses Bild: Wir haben ein Pflaster auf einer Wunde, da muss jetzt Luft ran. Es bringt nichts, das Pflaster Zentimeter für Zentimeter langsam abzuziehen und dabei jedes Haar einzeln auszureißen. Das Pflaster muss mit einem Ratsch runter.
Wie heilt die Wunde?
Wir reden viel zu viel über Umverteilung. Doch Umverteilung schafft kein Wirtschaftswachstum. Weder springt der Export an, noch wird mehr investiert, wenn beispielsweise der Spitzensteuersatz erhöht wird. Damit beseitigen wir keine einzige Standortschwäche. Investitionen entstehen dort, wo die Bedingungen insgesamt stimmen, und sich die Investitionen absehbar wirtschaftlich tragen. Wir verlieren jeden Monat zehntausende Industriearbeitsplätze. Ich sperre mich nicht dagegen, dass sehr Vermögende mehr beitragen. Aber das rettet keinen einzigen Arbeitsplatz.
Sondern was?
Wir müssen das übertriebene Misstrauen gegenüber Unternehmertum und Eigenverantwortung in Deutschland wieder überwinden. Überbordende Dokumentationspflichten und zu hohe Steuern und Abgaben nehmen vielen den Antrieb, sich selbstständig zu machen und wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Dieser Bürokratiewildwuchs gehört radikal beschnitten. Zweitens: Jede Veränderung im Steuersystem muss Anreize für Investitionen setzen. Nur das schafft Wachstum und sichert Arbeitsplätze. Und drittens müssen wir die Sozialversicherungslast für Betriebe und Beschäftigte verringern, so wie es mit der Agenda 2010 unter Kanzler Schröder gelungen ist.
Trauen Sie das auch Kanzler Merz zu?
Das Zutrauen in diese Bundesregierung schwindet, solange es ihr nicht gelingt, ein überzeugendes Gesamtkonzept für mehr Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum vorzulegen. Anderen Ländern gelingt es ja auch, Dänemark hat ein Wachstum von 2,5 Prozent. Wir brauchen den Mut, Dinge auszuprobieren und neue Wege zu gehen.
Spielen Sie auf eine Lockerung des Kündigungsschutzes an?
Ganz sicher nicht als Einzelmaßnahme. Generell kann mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt Teil eines solchen notwendigen Gesamtreformpakets sein. In Dänemark hat man sich nicht mit starren Regeln zum Kündigungsschutz eingemauert. Dafür gibt es dort Modelle zur Lohnfortzahlung, die Schutz bieten.
Gibt Ihnen der jüngste Koalitionsausschuss neue Hoffnung?
Ein Stück weit ja. Gut, dass man sich auf einen Arbeitsprozess für gründliche Reformen verständigt hat. Das ist allemal besser als hektische Schnellschüsse wie zuletzt die sogenannte Entlastungsprämie. Aber nach einem Jahr Regierungszeit hätte die Koalition deutlich weiter sein müssen. Der große Reformbedarf und Handlungsdruck war schließlich damals schon bekannt. Jetzt zählt, dass endlich Entscheidungen für ein Reformgesamtpaket in den Bereichen Sozialversicherung, Steuern und Arbeitsmarkt kommen. Wenn der Fahrplan dafür im Koalitionsausschuss beschlossen wurde und Schluss ist mit der gestückelten Vorlage einzelner Reformvorschläge, dann ist schon mal was gewonnen. Denn die Zumutungen kommen so oder so, die Frage ist nur, ob Politik sie gestaltet oder aber, ob wir sie aus dem Nichtstun heraus entstehen lassen.
Als Oppositionführer hatte Friedrich Merz den damaligen Kanzler Olaf Scholz als ‚Klempner der Macht‘ bezeichnet. Wie kommt Ihnen dieser Satz heute vor?
Ich habe mich schon damals über diese Formulierung geärgert, weil sie nicht wertschätzend gemeint war und den Beruf des Klempners in ein negatives Licht gerückt hat. Klempner sind Handwerker, die genau wissen, was sie tun. Für mich ist ein Klempner der Macht daher eher jemand, der die Dinge im Griff hat.
Ist Merz ein Klempner der Macht? Hat er die Dinge im Griff?
Ich werde mich nicht am Kanzler abarbeiten. Diese Regierung besteht aus vielen erfahrenen Politikerinnen und Politikern. Deshalb ist es eine berechtigte Erwartung, dass dort besser gearbeitet wird. Häufig ist von handwerklichen Fehlern die Rede. Aber handwerkliche Fehler kann nur ein Handwerker machen. Und wenn im Handwerk etwas schiefgeht, nennen wir das Pfusch.
Die Regierung pfuscht also?
Ich sage mal so: Ich erwarte mehr Qualität und mehr Professionalität von diesem Regierungsteam.
Ist mangelnde Professionalität der Regierung auch der Grund, warum die AfD immer stärker wird?
Es geht darum, Politik so zu machen, dass Menschen nicht an die politischen Ränder verloren gehen. Andere Länder schaffen das besser. Wir sind in einem weltweiten Wettstreit, der auch Härten hat. In Deutschland haben wir die soziale Marktwirtschaft. Doch wirtschaftlich bewegen wir uns seit vielen Jahren nach unten.
Sie raten zum Abschied von der sozialen Marktwirtschaft?
Nein. Ich habe aber das Gefühl, dass so mancher von der sozialen Planwirtschaft träumt, die alles und jeden reguliert. So kann man Zukunft nicht gestalten.
Die AfD findet auch im Handwerk viel Zuspruch. Was antworten Sie einem Dachdecker, der Ihnen sagt: Meister Dittrich, ich habe die Nase voll, jetzt wähle ich AfD?
Ich erinnere daran, was Deutschland stark gemacht hat: Vielfalt, Weltoffenheit, Fleiß und Innovationskraft. Einfache Antworten lösen die Probleme nicht. Ich bin in der DDR geboren und sage aus dieser Erfahrung heraus: Die Demokratie mit all ihren Schwächen ist besser als ein Willkürstaat.
Wie ist Ihr Kontakt zu Tino Chrupalla, Malermeister und AfD-Chef?
Die AfD hat in Sachsen einen hohen Wähleranteil, daher begegnet man sich selbstverständlich bei Veranstaltungen. Das ist es aber auch. Wir laden uns nicht gegenseitig zum Bier ein, so wie bei vielen anderen Politikern auch nicht.
Würde Deutschland einen AfD-Kanzler verkraften?
Der Populismus vertieft die Gräben in der Gesellschaft, ob von rechts oder von links. Entscheidend ist, dass die demokratischen Institutionen funktionieren. Würde eine populistische Partei die Gewaltenteilung attackieren und infrage stellen, wäre das gefährlich für Deutschland. Meine große Hoffnung ist, dass sich die jetzigen Regierungsparteien ihrer Verantwortung bewusst sind.
Wie groß ist derzeit der Mangel an jungen Menschen, die sich auf Lehrstellen bewerben?
Hauptgrund ist der demografische Wandel. Wenn die nachrückende Kohorte junger Menschen viel kleiner ist, als die, die in Rente geht, fehlen schlicht Menschen. Aber anders als in der Gesamtwirtschaft haben wir im Handwerk seit nun drei Jahren in Folge leicht steigende Neuvertragszahlen bei Auszubildenden. Vor allem die Berufe des sozialen Miteinanders und solche der Transformation entwickeln sich mittelfristig positiv, beispielhaft kann man da den Elektroniker, Dachdecker, Schornsteinfeger oder Anlagenmechaniker für Sanitär Heizung Klima nennen.
Was ist nötig, damit es noch besser wird?
Gesamtgesellschaftlich muss sich die Wahrnehmung beruflicher Bildung ändern. Wohlstand kann nicht nur über Abitur und Studium erreicht werden, sondern auch über berufliche Bildung. Nötig ist aber auch das klare politische Bekenntnis zur gleichwertigen Betrachtung von akademischer und beruflicher Bildung. Das sollte dann so auch rechtlich abgesichert sein. Daher fordern wir weiter ein Qualifikationsrahmengesetz. Dazu gehört auch ein klares finanzielles Bekenntnis. Der Sanierungsstau bei den Bildungszentren des Handwerks liegt inzwischen bei mehr als vier Milliarden Euro. Da muss investiert werden. Und zwar unterstützt durch eine verlässliche und höhere Förderung, so wie im Koalitionsvertrag vereinbart. Denn wir stehen im Wettbewerb mit den Hightech-Hörsälen der Universitäten: Da können wir nicht mit einer Werkstatt antreten, die ausgestattet ist wie in den 70er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts. Insgesamt spricht der Trend jedoch für das Handwerk. Und immer noch gilt: Wer Sicherheit und Sinnstiftendes will, sollte ins Handwerk gehen.
Kann die Ausbildung noch attraktiver werden?
Selbstverständlich. Das sehe ich sportlich. Berufe verändern sich wie auch die Erwartungen junger Leute. Deshalb muss man ständig daran arbeiten, das beste Ergebnis hinzubekommen. Das ist ein permanenter Wettbewerb.
In Bremen gibt es eine, in Berlin steht die Einführung einer Ausbildungsplatzumlage, die Betriebe zahlen sollen, die niemanden ausbilden, kurz bevor. Richtig aus Ihrer Sicht?
Da geht mir der Bluthochdruck durch die Decke. Aus zwei Gründen: Wer so eine Regelung schafft, bestraft auch Betriebe, die gar nichts dafür können, wenn sie keine Bewerber finden. Zweitens: Gerade das Handwerk engagiert sich überproportional in der Ausbildung und bei der Integration junger Menschen in die Arbeitswelt. Etwa jede dritte Ausbildung bundesweit wird im Handwerk absolviert, knapp 30 Prozent, und das, wo das Handwerk etwas mehr als 12 Prozent aller Beschäftigten bundesweit hat. Eine großartige überproportionale Leistung des Handwerks. Können Sie mir da mal verraten, warum ausgerechnet wir zusätzlich belastet werden sollen? Das halte ich für völlig falsch und bin echt empört.