Zentralverband des
Deutschen Handwerks
14.09.2026

Das Handwerk ist vielfältig, sicher, innovativ und sinnstiftend

Handwerk verbindet technologische Innovationen mit sichtbaren Ergebnissen und bietet jungen Menschen vielfältige Chancen, ihre Talente einzubringen und beruflich erfolgreich zu sein, so ZDH-Präsident Jörg Dittrich zu Michael Niehus (BILD am Sonntag).
Jörg Dittrich

Herr Dittrich, wenn Sie einem 16-Jährigen erklären müssten, warum er eine Ausbildung im Handwerk machen sollte, was würden Sie ihm sagen?

Als Erstes würde ich vom sozialen Miteinander in den Familienbetrieben des Handwerks schwärmen. Das ist etwas ganz Besonderes. Arbeit und Leben gehen dort ein Stück weit ineinander über, man ist füreinander da. Außerdem sieht man jeden Tag unmittelbar, was die eigene Arbeit bewirkt. Zusätzlich bietet das Handwerk Sicherheit. Viele Tätigkeiten werden sich durch Technologie stark verändern oder teilweise ersetzt werden. Im Handwerk sehe ich eher sichere Arbeitsplätze. Unsere Berufe macht die Technologie sogar spannender: Wir arbeiten mit KI und 3D-Druck, ohne dass der handwerkliche Anteil verschwindet. Es entstehen völlig neue Berufsbilder. Den Elektroniker für Gebäudesystemintegration beispielsweise gab es vor wenigen Jahren noch gar nicht.

Warum wird das Handwerk trotzdem noch immer unterschätzt?

Weil wir über viele Jahrzehnte ein falsches Bildungsmantra gepflegt haben: Beruflichen Erfolg und Wohlstand erreicht man nur über Abitur und dann anschließend ein Studium. Jetzt stellen wir fest, dass Wohlstand, Sicherheit und berufliche Entwicklung eben nicht allein an einem Studium hängen. Berufliche Bildung muss eine Renaissance erleben. Sie ist eine große Stärke Deutschlands und ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber vielen anderen Ländern. Das sollten wir weiterentwickeln und unterstützen.

Haben wir zu viele Akademiker und zu wenige Handwerker in Deutschland?

Wir müssen zunächst akzeptieren, dass durch den demografischen Wandel insgesamt weniger junge Menschen nachrücken. Würden wir sämtliche offenen Stellen im Handwerk besetzen, fehlten diese Menschen möglicherweise an anderer Stelle, etwa als Lehrer, Polizisten oder in anderen Bereichen. Bei der Frage nach dem richtigen Bildungsweg sollte daher im Mittelpunkt stehen, dass junge Menschen einen Beruf wählen, der ihren Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Denn ich glaube, dass inzwischen zu viele junge Menschen studieren, die eigentlich an anderer Stelle besser aufgehoben wären. Einerseits, weil die Gesellschaft sie dort dringender braucht. Andererseits, weil ihre Talente vielleicht gar nicht im akademischen Bereich liegen. 

Welches Vorurteil über das Handwerk würden Sie am liebsten aus der Welt schaffen?

Eigentlich zwei. Erstens die Vorstellung, Handwerk bestehe aus einfachen Tätigkeiten, die man sich schnell aneignen könne. Ich bin selbst Dachdeckermeister. Was heute auf einem Dach passiert, hat mit der Arbeit vor 30 Jahren nur noch wenig zu tun. Handwerk ist eben nicht einfach nur schwer und körperlich. Es ist vielfältig, anspruchsvoll und innovativ. Das zweite Vorurteil betrifft die angeblich schlechten Verdienstmöglichkeiten. Auch das hat sich massiv verändert. Im Handwerk kann man gutes Geld verdienen. Und man hat die Möglichkeit, sich selbstständig zu machen. Wer bereit ist, unternehmerisches Risiko zu tragen, kann damit sehr erfolgreich sein.

Was muss passieren, damit mehr junge Menschen den Weg ins Handwerk finden?

Zunächst sehe ich uns selbst in der Verantwortung. Die Handwerksbetriebe müssen zeigen, welche großartigen Berufe und Karrierechancen es gibt. Wir können nicht immer sagen: Das müssen die anderen machen. Aber auch Lehrer und Eltern haben eine Verantwortung. Entscheidend sollte nicht sein, ob jemand unbedingt Abitur macht oder studiert, sondern dass junge Menschen einen Weg einschlagen, der ihren Fähigkeiten und Talenten entspricht. Es sollte nicht nur um einen Job gehen, sondern um eine Berufung. 

Wie groß wird der Einfluss von KI und Robotik auf das Handwerk? Bleiben alle Berufe bestehen?

Mir fällt momentan kein Handwerksberuf ein, von dem ich sagen würde: Der verschwindet deshalb komplett. Aber Tätigkeiten werden sich verändern und stärker miteinander verwoben sein. Auch im Handwerk wird es Menschen geben, die Roboter oder andere technische Systeme steuern. Gerade wegen des demografischen Wandels brauchen wir diese Technologien. Bei uns stellt sich nicht in erster Linie die Frage, ob Robotik Menschen arbeitslos macht. Bei uns gehen in den kommenden Jahren sehr viele Menschen in Rente. Wir müssen hoffen, dass Robotik einen Teil dieses Fachkräftefundus auffangen kann. Der muss nicht die Dusche fliesen. Aber wenn oben im Haus eine barrierefreie Dusche eingebaut werden soll, warum sollte der Handwerker vorher zehn schwere Pakete die Treppe hochtragen? Genau hier kann Technologie sinnvoll unterstützen. Ich hoffe, dass diese Entwicklung möglichst bald richtig Fahrt aufnimmt.

Angenommen, alle Handwerker in Deutschland würden eine Woche lang streiken. Was würde zuerst zusammenbrechen?

Eigentlich alles. Natürlich könnte man zuerst an Versorgung und Ernährung denken. Aber jeden Tag wird irgendwo ein Handwerker gebraucht. Wenn die Brille kaputtgeht und jemand ohne sie kaum sehen kann, braucht er einen Augenoptiker. Wenn es in ein Krankenhaus hineinregnet und niemand das Dach repariert, können Räume schnell nicht mehr genutzt werden. Beim Auto ist es genauso. Es braucht keine Woche, um zu merken, wo Handwerk überall in unserem Alltag ist. Schon beim nächsten Regen kann man sehen, wie unverzichtbar es ist. 

Ist den Menschen bewusst, wie abhängig unser Alltag vom Handwerk ist?

Ich möchte daraus keine Drohkulisse machen. Handwerker sollten nicht sagen: Schaut mal, was passiert, wenn es uns nicht gibt. Aber wir sollten dafür sensibilisieren, welchen Wert es hat, dass diese Leistungen überall verfügbar sind. Ja, manchmal muss man auf einen Handwerker warten. Aber die Dienstleistung existiert. Doch auch dank unserer Handwerkskampagne gibt es inzwischen wieder viel Anerkennung. Einer aktuellen Trendmessung zufolge sagen rund 90 Prozent der Deutschen, dass das Handwerk wichtig oder sehr wichtig ist. Damit liegen wir ganz knapp hinter der Feuerwehr.

Was fehlt Ihnen beim Respekt für das Handwerk konkret?

Vor allem ein anderes Verständnis im politischen Handeln und der Gesetzgebung. Der Blick auf die Wirtschaft ist sehr stark von großen Unternehmen geprägt. Nehmen Sie die Energiepreise. Sind sie zu hoch, kommt ein Industriestrompreis. Davon mögen einzelne Handwerksunternehmen vielleicht profitieren, aber die große Mehrheit der Handwerksbetriebe nicht. Warum reden wir nicht grundsätzlich über energieintensive Wirtschaftsbereiche? Viele Vorschriften können in großen Strukturen sinnvoll und nachvollziehbar sein, aber sie passen eben nicht für einen Familienbetrieb und sind dort kaum darstellbar. Das gilt für Dokumentationspflichten genauso wie für zahlreiche andere Regelungen.

Wie lässt sich das ändern?

Politiker besuchen gerne Handwerksbetriebe. Aber bei konkreten politischen Entscheidungen wird das Handwerk meiner Ansicht nach häufig vergessen. Deshalb lade ich jeden Parlamentarier, der nicht versteht, warum wir beim Thema Bürokratie Alarm schlagen, zu einem Praktikum ein. Allerdings nicht in der Backstube oder auf dem Dach, sondern zu einem Bürokratie-Praktikum. Sie sollen unsere Formulare ausfüllen, unten rechts unterschreiben und dafür haften. Dann bekämen sie sicherlich ein anderes Gefühl dafür.

Was bereitet Ihnen wirtschaftlich derzeit die größte Sorge?

Meine größte Sorge ist nicht der Wettbewerber. Meine größte Sorge ist, ob der Kunde sich unsere Leistungen künftig noch leisten kann. Wir haben Kostenschübe bei Material, Energie, Löhnen und Lohnzusatzkosten. Auf vieles davon hat ein Handwerksbetrieb keinen oder kaum Einfluss. Gleichzeitig muss sich das unternehmerische Risiko auch noch lohnen.

Wird Handwerk zum Luxus?

Das darf nicht passieren. Davon bin ich zutiefst überzeugt, für die Betriebe und für die Gesellschaft. Wollen wir irgendwann an den Zähnen eines Menschen sehen können, wer sich eine gute Versorgung leisten kann? Wollen wir, dass Geld darüber entscheidet, ob sich jemand eine Brille leisten, sein Dach reparieren oder seine Heizung warten lassen kann. Handwerksleistungen dürfen kein Luxusgut sein, sondern bezahlbar bleiben für jede und jeden. 

Schlagworte