Ausbildung und Arbeit im Handwerk attraktiver denn je
Foto: ZDH/Henning Schacht
ZEIT: Frau Renfftlen, Sie sind seit Ihrem 16. Lebensjahr Tischlerin und würden gern auch andere fürs Handwerk begeistern – aber als Sie neulich auf Instagram fragten: „Warum hat keiner mehr Bock aufs Handwerk?“, kamen teils heftige Reaktionen ...
Sophie Renfftlen: ... und leider Gottes ziemlich viele! Vor allem auch von Leuten, die in ihrer Ausbildung negative Erfahrungen gemacht haben. Nicht nur zwei, drei Einzelfälle, wo man sagen könnte, okay, vielleicht hast du keinen guten Betrieb erwischt. Das ging von schlechter Fachvermittlung über fehlendes Sicherheitszubehör und einbehaltene Löhne bis zu körperlicher Gewalt gegen den Auszubildenden. Methoden also, die nicht mehr zeitgemäß sind – und die Menschen unter 25 auch nicht mehr akzeptieren! Aus meinem Betrieb kenne ich das zum Glück nicht. Die Kommentare haben mich wirklich erschüttert.
ZEIT: Herr Dittrich, wenn Sie als Handwerkspräsident sowas hören, was geht Ihnen durch den Kopf?
Jörg Dittrich: Dass Social Media eigene Spielregeln hat –, und dass sich da viele treffen, die ihrem Unmut freien Lauf lassen, egal ob berechtigt oder vielleicht auch nicht. Wir haben momentan über 340.000 Auszubildende im Handwerk und eine Million Betriebe. Dass es da auch problematische Ausbildungsverhältnisse gibt, will ich nicht wegdiskutieren. Aber den Tenor, dass es generell so ist, würde ich vehement zurückweisen.
Renfftlen: Ich bezweifle trotzdem, dass im Handwerk alles gut läuft. Als ich auf die Berufsschule ging, hatte dort ein Lehrling einmal einen blauen Arm. Ich fragte: Bist du in eine Maschine gefallen? Nein, er hatte vergessen, etwas mit auf Montage zu nehmen, und dafür ein Brett an den Arm gehauen bekommen. Der war total verzweifelt, er wusste nicht, an wen er sich wenden soll.
Dittrich: Um Missstände muss man sich kümmern, keine Frage. Dafür gibt es gute Organisationen vor Ort, etwa die Handwerkskammern, die die Aufsichtspflicht haben.
Renfftlen: Aber oft sind Berufsschulen, Betriebsinhaber und Innungen eng miteinander verbandelt, und dann wird das runtergespielt: War nicht so schlimm, hast du vielleicht nur falsch verstanden.
Dittrich: Dafür gibt es Ausbildungsberater in den Handwerkskammern. Die überwachen die Ausbildung und müssen sich für die jungen Menschen einsetzen, notfalls auch in die Auseinandersetzung mit den Betrieben gehen. Wir lassen niemanden allein. Aber nochmal: Das ist nicht der Alltag!
Renfftlen: Ich möchte auch gar nicht diejenigen kritisieren, die gut ausbilden! Was mir Sorgen macht: Wir haben im Handwerk Fachkräftemangel, und die Abbrecherquote in der Ausbildung ist mit 37 Prozent sehr hoch – das muss ja einen Grund haben.
Dittrich: Das ist die Quote der vorzeitigen Vertragslösungen. Es bedeutet nicht automatisch, dass die jungen Menschen ihre Ausbildung abbrechen. Rund die Hälfte dieser vermeintlichen Abbrüche ist ein Wechsel in einen anderen Betrieb oder ein anderes Handwerk. Wir sagen heute den jungen Menschen, probiert euch aus! Wenn sie das tun und feststellen, das will ich nicht – dann beschweren wir uns, dass der Handwerksbetrieb es nicht geschafft hat, sie zu halten. Das ist ein Dilemma und gilt übrigens für Studiengänge genauso. Deshalb fehlt dieser Quote leider die nötige Aussagekraft über die tatsächlichen Abbrüche.
ZEIT: Andere prägnante Zahl: Der Frauenanteil bei den Auszubildenden im Handwerk liegt bei nur 17 Prozent, seit 2009 ist er sogar gesunken.
Dittrich: Diese 17 Prozent sagen noch nichts über einzelne Berufe aus. Im Friseurhandwerk, bei der Hörakustik oder der Augenoptik beispielsweise ist der Frauenanteil sehr hoch. Beim Stahl- oder Betonbau wiederum beträgt er nur ein Prozent. Das Tischlerhandwerk ist im Kommen, mit inzwischen 20 Prozent weiblichen Auszubildenden. Und 20 Prozent aller Meisterprüfungen werden von Frauen abgelegt.
Renfftlen: Tischlerinnen werden mehr, das stimmt. Trotzdem bist du als Frau in der Baubranche immer noch Exot, und gerade im ersten Lehrjahr müssen Frauen sich viel mehr beweisen: Schafft die das überhaupt, kraftmäßig oder geistig? Männer können cholerisch sein wie sonst was. Da heißt es nur, der hat halt schlecht geschlafen, während die Frau zu hören kriegt: „Ach, haste deine Tage?“ Geht gar nicht! Eine Freundin von mir hätte gern in ihren 20ern noch eine handwerkliche Ausbildung gemacht, wurde aber nicht genommen, weil sie quasi schon alt genug ist, um eine Familie zu gründen. Sie könnte ja schwanger werden! Wenn ich mir vorstelle, ich hätte eine Tochter, die ins Handwerk will, würde ich ihr nicht abraten, aber schon sagen: Pass bei der Betriebswahl auf.
Dittrich: Es ist für mich zweifach schwer, darauf zu antworten. Zum einen: Ich bin ein mittelalter Mann. Wie kann ich über die Erfahrung von jungen Frauen sprechen? Außerdem habe ich die Gesamtheit des Handwerks zu vertreten. Ich könnte jetzt einfach sagen, ich stelle mich auf die Seite der Benachteiligten – aber das würde der Situation nicht helfen. Was viele nicht wissen: Bis 1994 war es in Westdeutschland verboten, dass Frauen auf Baustellen arbeiten. . Nebenbei gesagt, in Ostdeutschland war das anders. Aber demzufolge hatten wir erst 30 Jahre Zeit, um diese Stereotype aufzubrechen. Die Nachwirkung sehen wir deutlich.
Renfftlen: Sexistische Sprüche gehen trotzdem gar nicht.
Dittrich: Absolut, Punkt. Und ja, auf der Baustelle ist der Umgangston oft schwierig. Das heißt aber noch lange nicht, dass diese Menschen nicht mit dem Herzen schauen. Die helfen sich untereinander. Man darf Sprüche nicht mit Handlungen verwechseln.
ZEIT: Herr Dittrich, wie läuft es in Ihrem eigenen Betrieb mit dem weiblichen Nachwuchs?
Dittrich: Ich bin Dachdeckermeister, habe im Betrieb des Vaters gelernt, bin die vierte Generation. Wir haben über 100 Mitarbeiter, über 20 Auszubildende – inzwischen auch vier, die Dachdeckerin werden. Auch mehrere Malerinnen. Die Durchmischung tut den Teams und dem Arbeitsklima gut, das auf jeden Fall. Aber ich möchte noch einen anderen Punkt machen: Früher sind die Auszubildenen so mitgelaufen. Mittlerweile kosten sie die Betriebe eine Menge Geld. Und leider hapert es oft schon bei den Grundvoraussetzungen: Lesen, Schreiben, Rechnen, Guten Tag und Auf Wiedersehen sagen. Es ärgert mich, wenn wir immer nur über die kleine Gruppe der gut Qualifizierten sprechen, um die wir alle buhlen. Was ist mit denen, die aus schwierigen Verhältnissen kommen, denen ich erstmal Pünktlichkeit beibringen muss? Da sind Defizite – und dann sagt die Gesellschaft, das muss das Handwerk auffangen. Wieso denn wir? Und wo bleibt die Wertschätzung für die vielen tausenden Ausbilderinnen und Ausbilder, die sich um diese jungen Leute kümmern?
Renfftlen: Wir kriegen auch Bewerbungen, wo wir denken: Menschenskinder, wie kannst du da so viel Schreibfehler reinhauen? Es stimmt, oft fehlt es an vielem. Aber dann fahre ich halt zehn Minuten früher auf die Baustelle und sage zu meinem Azubi: „Also, nicht vergessen, Schuhe abputzen, reingehen, Teppich auslegen, Werkzeug abstellen.“ Man rutscht ein bisschen in die Elternrolle: Ausbilden heißt heutzutage nicht nur Fachinhalte vermitteln. Es bedeutet auch miterziehen. Die Jugendlichen sind teilweise erst 15, 16. Die müssen sich aufgehoben fühlen. Leider gibt es ganz viele, die sagen: „Ich habe Angst, auf die Arbeit zu gehen: Wenn ich nachfrage, werde ich angeschissen. Wenn ich nicht nachfrage, werde ich auch angeschissen.“
ZEIT: Wie könnte man das verbessern?
Renfftlen: Man bräuchte festgeschriebene Standards, an denen die Betriebe sich entlanghangeln können. Oder ein Qualitätssiegel für Handwerksbetriebe, die gut ausbilden. Dass man als Jugendlicher einfach sieht, da kann ich guten Gewissens reingehen.
Dittrich: Dieses Qualitätssiegel, das gibt es – und das heißt Meisterbrief. Nur wer den hat, darf junge Menschen ausbilden.
Renfftlen: Ein Meisterbrief ist die Voraussetzung, um einen Betrieb zu führen. Aber es ist kein Qualitätssiegel für eine gute, gerechte Ausbildung. Wie viele Ausbilder haben vor Jahrzehnten ihren Meister gemacht? Die Jugend hat sich komplett gewandelt. Sich an diese Generation anzupassen, ist für das Handwerk nicht einfach, aber notwendig.
Dittrich: Sie wünschen sich eine zusätzliche zentrale Institution, die unabhängig prüft, ob es in den Betrieben so läuft, wie Sie sich das vorstellen? Was ist denn das für eine paternalistische Sichtweise? Ich bin vehement dagegen! Das würde eine teure Bürokratie in Gang setzen, die wir gerade als Hemmschuh an vielen Stellen brandmarken. Und viele Betriebe würden sagen: Warum soll ich mich zentral zertifizieren lassen? Ich bin Meister – hat denn gar keiner mehr Vertrauen zu mir? Es würde Tausende von Betrieben diskreditieren, die erfolgreich ausbilden und für sich selbst hohe Standards setzen. Eine solche zentrale Zertifizierungsstelle ist auch deshalb entbehrlich, weil es die originäre Aufgabe der Handwerkskammern ist, die Ausbildungsqualität zu überwachen. Die haben teils - wie etwa in Dortmund - bereits eigene Ausbildungssiegel eingeführt.
ZEIT: Dennoch sind etwa 16.000 Ausbildungsplätze und mehr als 200.000 Stellen im Handwerk unbesetzt. Und die Branche braucht dringend Nachwuchs, schon weil viele Betriebe vor einer Verrentungswelle stehen.
Dittrich: Dann nehmen Sie aber bitte auch zur Kenntnis, dass die Bewerberzahlen zuletzt wieder gestiegen sind. Die Betriebe wissen selbst, dass sie sich anstrengen müssen. In allen Handwerkskammern werden deshalb die besten Ausbildungsbetriebe ausgezeichnet, um besonders positive Beispiele sichtbar zu machen. Jährlich vergeben wir den Heribert-Späth-Preis für den besten Ausbildungsbetrieb bundesweit. Und jeder, der sich der Ausbildung verschreibt, versucht über Social Media zu sagen: Du, guck mal, was wir hier Tolles machen.
ZEIT: Apropos fürs Handwerk trommeln, Frau Renfftlen, was halten Sie von den PR-Kampagnen Ihrer Branche? Es gibt inzwischen sogar eine Wahl zu Miss und Mister Handwerk.
Renfftlen: Ich glaube nicht, dass Misswahlen oder Werbekampagnen viel dazu beitragen, mehr junge Menschen zu erreichen. Ein Plakat, auf dem jemand einen Hobel hält, und darüber steht „Komm ins Handwerk“, das sagt noch lange nicht über den Arbeitsalltag aus.
Dittrich: Wie wollen Sie es sonst machen? Das sind alles Menschen wie Sie, keine Schauspieler. Etwa in den Berufsinsidervideos, die ergänzend zu den Plakaten Teil der Kampagne sind, geben junge Handwerkerinnen und Handwerker authentische Einblicke in den Alltag verschiedenster Handwerksberufe. Ob man die Plakate weglässt und dafür noch mehr auf Social Media geht, darüber kann man streiten. Aber dass Öffentlichkeitsarbeit notwendig ist, darauf können wir uns hoffentlich einigen.
Renfftlen: Dagegen habe ich nichts. Und natürlich ist es wichtig, auch Eltern und Großeltern zu erreichen, Schulen und Lehrer. Aber ich würde immer empfehlen, sich die Betriebe oder die Teams persönlich anzuschauen. Dann kann man auf sein Bauchgefühl hören.
ZEIT: Wie war das bei Ihnen, Frau Renfftlen, wurden Sie ermutigt?
Renfftlen: In meiner Realschule hat der Berufsberater sinngemäß zu mir gesagt: Handwerk kannst du machen, wenn du für alles andere zu blöd bist. Meine Eltern waren anfangs auch nicht begeistert: Kind, du machst dich kaputt und verdienst nichts. Dabei waren meine Großeltern alle im Handwerk. Aber die kommen aus einer anderen Zeit, da wurden die Baumstämme mit dem Pferd aus dem Wald geholt. Der älteren Generation ist oft gar nicht bewusst, welche Technik heute etwa in einer Tischlerei steckt, dass es computergesteuerte, automatisierte Maschinen und Tragehilfen und lauter so spaßige Sachen gibt.
ZEIT: Das Handwerk hat einen weiteren Trumpf in der Hand: Durch KI könnten viele akademische Berufe in naher Zukunft verschwinden. Erwarten Sie dadurch neuen Zulauf, Herr Dittrich?
Dittrich: Auf jeden Fall, das ist ein Riesenthema. Aber ich möchte noch einen anderen Punkt machen: Wir haben 5,6 Millionen Beschäftigte im Handwerk. Die sind dort, weil sie dort sein wollen. Trotzdem heißt es oft, im Handwerk arbeitet nur, wer beim Autokonzern nicht genommen wurde. Das ist falsch! Viele Handwerker könnten sich mit ihrer Qualifikation sofort bei großen Unternehmen bewerben und würden wahrscheinlich sogar einen Tick mehr Geld verdienen. Darf ich Sie was fragen, Frau Renfftlen: Sie arbeiten in einem kleinen Familienbetrieb – warum eigentlich?
Renfftlen: Weil mir das Arbeitsklima gefällt. Wir sind ein junges Team, mit einem tollen Chef.
Dittrich: Das ist, was ich meine: Handwerk ist soziales Miteinander. Viele Menschen arbeiten in kleinen Firmen, weil sie dieses Familiäre mögen. Das können wir bieten – und das gewinnt an Bedeutung in dieser sinnsuchenden Zeit.
ZEIT: Zum Schluss die Frage an Sie beide: In welchen Momenten macht das Handwerk Sie richtig glücklich?
Renfftlen: Da gibt es viele. Zum Beispiel haben wir in Göppingen jedes Jahr eine Gesellenabschlussfeier. Und wenn da einer unserer Auszubildenden dabei ist, der einen schwierigen Start hatte und bei dem man sich manchmal gefragt hat, nehme ich mir die Zeit für ihn, wird das was? – und dann steht er da neben seinem fantastischen Gesellenstück und sagt: Danke, Sophie, ohne dich wär's nicht so gelaufen. Das ist so ein Moment.
Dittrich: Dieser Begriff Handwerksfamilie, der bedeutet mir viel. In die Firma zu kommen und sich zu freuen, die Leute zu sehen. Der Humor, der da herrscht, die lockeren – nicht sexistischen! – Sprüche. Die Bestätigung, die die gemeinsame Arbeit bringt. Und ganz philosophisch: Geist in Materie fließen zu lassen. Da sind Leute mit absolut faszinierenden Fähigkeiten. Was die mit ihren Händen schaffen, bei Hitze, bei Kälte – einfach wow!
Das Gespräch moderierten Astrid Herbold und Stefan Schirmer