Zentralverband des
Deutschen Handwerks
18.09.2026

Das Handwerk bietet sinnstiftende Arbeit im sozialen Miteinander

Über KI als Chance für Handwerksbetriebe, über unverzichtbare Handwerksberufe für die Transformation und darüber, warum sich die Bewerbung auf einen Ausbildungsplatz auch jetzt noch lohnt, spricht ZDH-Präsident Jörg Dittrich mit Michael Schelenz von BILD.
Jörg Dittrich

Herr Dittrich, die Künstliche Intelligenz ist in großen Schritten im Handwerk angekommen. Wie viel Potenzial hat die KI, was kann sie für das Handwerk leisten?

Die wichtigere Frage ist meiner Meinung nach: Was bringt die KI der Gesellschaft, und was macht sie mit uns? Für das Handwerk ist sie vor allem eine große Chance. KI wird das Handwerk weiterentwickeln und kann handwerkliche Arbeit unterstützen, aber ganz sicher wird sie die eigentlichen handwerklichen Tätigkeiten nicht ersetzen. Die Produkte müssen schließlich weiter hergestellt und die Dienstleistungen erbracht werden. Und viele wissen gar nicht, wie sehr KI schon heute im Alltag von Handwerksbetrieben steckt. Nehmen wir eine Bäckerei: Mit KI lässt sich ziemlich genau vorhersagen, wie das Wetter wird, ob es regnet oder wärmer als 25 Grad wird, oder ob ein besonderes Ereignis wie etwa Schulanfang ansteht? Daraus kann der Bäcker viel genauer als nach reinem Bauchgefühl ableiten, wie viele Brötchen, Kuchen oder andere Produkte er voraussichtlich braucht. Viele Betriebe nutzen auch KI-Tools wie Chat GPT, etwa für ihre Kommunikation. KI kann beim Vertrieb unterstützen. Der 3-D-Druck hilft in der Produktion. Unterm Strich werden durch KI viele Abläufe einfacher, schneller und effizienter. Prozesse werden schlanker. Wenn wir KI im Handwerk richtig einsetzen, wird sie das Handwerk voranbringen, die Arbeit produktiver machen und körperliche Belastungen verringern. Ich finde das eine spannende Entwicklung. 

Fakt ist aber auch: Viele Abiturientinnen und Abiturienten haben Angst, dass ihnen die KI eine akademische Laufbahn erschwert oder diese verhindert. Daher verzichten sie auf ein Studium, flüchten quasi ins Handwerk. Wie finden Sie das?

Flüchten“ klingt so, als wäre das Handwerk ein Notnagel. Genau dieses Denken müssen wir endlich überwinden. Es basiert auf einem überholten Bildungsnarrativ. Lange hieß es: Macht das Abitur, geht danach studieren, dann sind Wohlstand und beruflicher Erfolg quasi vorprogrammiert! Dieses Bildungsversprechen funktioniert heute so nicht mehr. Junge Menschen sollten ihre Berufswahl nicht nach dem Level ihres Schulabschlusses treffen, sondern das machen, was zu ihnen passt, worin sie gut sind, und wo ihre Begabungen liegen. Die Zahl der Jugendlichen, die nach dem Abitur ins Handwerk gehen, hat sich in den letzten Jahren verdoppelt. Und das hat mit der KI zunächst gar nichts zu tun. Viele Handwerksberufe haben sich weiterentwickelt, sind durch technologische Entwicklungen anspruchsvoller geworden. Die Anforderungen sind gestiegen. Und viele junge Menschen wollen Karriere machen. Dazu kommt etwas, das ich sehr wichtig finde: Viele junge Menschen erleben die aktuelle Welt als unsicher. Krieg, Krisen, geopolitische Lage: Es gibt Ängste. Da entsteht die Sehnsucht nach einem stabilen sozialen Umfeld und nach Arbeit, bei der man mit anderen Menschen zu tun hat, am besten in einem handwerklichen Familienbetrieb. Diesen sozialen Kontakt, das Miteinander sehe ich als einen Hauptgrund, warum junge Menschen ins Handwerk kommen. Sie arbeiten im Team, haben Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen und zu Kunden. Sie sehen, für wen sie die Brötchen backen, das Dach reparieren oder eine Orthese herstellen. Das Handwerk bietet sinnstiftende Arbeit in einem sozialen Miteinander. Genau deshalb zieht es viele junge Menschen ins Handwerk. 

Ein großes Thema war dieses Jahr die Hitze. Was muss getan werden, um Leute mit exponierten Arbeitsplätzen wie dem Dach oder der Straße künftig besser zu schützen?

Vorweg: Es ist eine unglaubliche Leistung, die diese Menschen tagtäglich erbringen. Ich spreche da als Dachecker aus eigener Erfahrung. Ich weiß, was das körperlich bedeutet. Wir müssen uns deshalb an die veränderten Temperaturen anpassen. Sonnenschutz ist wichtig, um Hautkrebs zu vermeiden. Und natürlich muss bei großer Hitze viel getrunken werden. Aber wir müssen auch bei den Arbeitszeiten flexibler werden. Deshalb ist das Handwerk für eine wöchentliche Höchstarbeitszeit statt der jetzt geltenden täglichen Höchstarbeitszeit. Wenn es mittags unerträglich heiß ist, kann man früher anfangen oder später arbeiten. Vielleicht muss an besonders heißen Tagen auch einmal die Arbeitszeit verkürzt oder auf einen kühleren Samstag verlegt werden. Die Betriebe wissen selbst am besten, was für ihre Beschäftigten funktioniert. Sie müssen flexibel reagieren können. Was ich weiß: Der Hitzeschutz wird in den Betrieben sehr ernst genommen, und es wird verantwortungsvoll damit umgegangen.

Gibt es 2026 wieder Trendberufe? Vergangenes Jahr waren ja Lehrstellen als Schornsteinfeger und Schornsteinfegerin die begehrtesten Ausbildungsplätze…

Besonders gefragt sind alle Berufe, die mit Transformation zu tun haben: mit Digitalisierung, Klima- und Energiewende, Veränderungen bei der Mobilität und dem demografischen Wandel. Ein gutes Beispiel ist der Elektroniker für Gebäudesystemintegration. In diesem Beruf wird erst seit vier Jahren ausgebildet. Aber schauen Sie sich ein modernes Haus an: Photovoltaik, Wallbox, Klimatisierung, Alarmanlagen: Da steckt inzwischen jede Menge Technik drin. Genau das reizt viele junge Menschen. Auch Dachdecker profitieren von diesen Entwicklungen und haben den Umfang ihrer Tätigkeiten erweitert: Wenn es um Photovoltaik und Dachbegrünung geht, machen das inzwischen auch Dachdecker, da muss nicht erst der Landschaftsgärtner oder Elektroniker kommen. Dafür gehört Weiterbildung unbedingt dazu. Im Dachdeckerberuf reicht das Spektrum inzwischen vom Holz bis zum Grün. Aber nicht nur dieser Handwerksberuf und seine Ausbildung sind komplexer und vielschichtiger geworden. Das gilt für die allermeisten Berufe im Handwerk.

Am Tag des Handwerks am 19. September 2026 wirbt die Handwerkskampagne mit dem Slogan „Wir machen Karriere mit Gefühl“. Können Sie als Mann der Praxis dieses Gefühl beschreiben?

Wir haben über diesen diesjährigen Claim unserer Imagekampagne durchaus kontrovers diskutiert. Aber irgendwann war klar, dass der Begriff „Gefühl“ perfekt zum Handwerk passt, weil er quasi alle Facetten des Handwerks trifft. Es braucht Gefühl für den Menschen, den man ausbildet. Vielleicht spricht er noch nicht gut Deutsch oder hatte es in der Schule oder Familie nicht leicht. Dann muss ich als Ausbilder spüren, was dieser junge Mensch braucht. Auch für das Material und für das, was man mit seinen Händen macht, braucht es dieses ganz besondere, haptische Gefühl. Und dann gibt es die Momente, in denen man merkt und fühlt, was die eigene Arbeit für andere Menschen bedeutet: Wenn sich ein älterer Herr über sein Hörgerät freut oder eine Dame strahlt, weil es nicht mehr ins Haus regnet. Und nicht zuletzt braucht es auch Gefühl für sich selbst und das eigene Können. Wenn ich zum Beispiel den Schritt in die Selbstständigkeit wage, muss ich wissen: Kann ich das? Traue ich mir das zu? Daher stimmt der Claim: Das Handwerk hat tagtäglich und sehr viel mit Gefühl zu tun!

Lohnt es sich 2026 noch, sich für eine Lehrstelle zu bewerben?

Auf jeden Fall! Wer jetzt noch keine Lehrstelle hat, sollte nicht den Kopf in den Sand stecken. Noch bis weit in den Herbst hinein kann eine Ausbildung begonnen werden. Mein Rat an alle, die noch oder wieder auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind: Bewerbt Euch! Kommt zum Tag des Handwerks, schaut Euch die verschiedenen Berufe an und findet heraus, was es Passendes für Euch gibt!

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