Virtual Reality kommt im Handwerk an

Handwerksbetriebe reagieren begeistert auf die neue Technologie, verhalten sich aber noch abwartend. Nicht zuletzt auch wegen der Kosten. Die Ettlinger Hammer & Margrander Interior GmbH, die auf Innenausbau spezialisiert ist, hat die Chancen von Virtual Reality (VR) für die Optimierung von Arbeitsprozessen erkannt.

Zwei junge Männer halten eine VR-Brille in den Händen.
Danny Hammer (links) und Siegfried Margrander sind bereits von Virtual Reality (VR) überzeugt.
Foto: Koppelstätter Media/Peter Sandbiller

"Die Möglichkeit, mit VR Produkte live zu erleben, Räume und Wohnwelten begehbar zu machen, in Produktwelten abzutauchen, wird auch das Handwerk und seine Darstellungsmöglichkeiten revolutionieren."

 

Sieht der Schrank besser am Fenster aus oder in der Nische? Wie wirkt die Badewanne mitten im Raum und welches Licht passt am besten? Wer eine Inneneinrichtung plant, kann sich oft nicht richtig vorstellen, wie das Ergebnis am Ende aussieht. Elemente im Raum verschieben, Möbel planen, Bodenbeläge testen, Farben zuordnen und abwandeln, Einbauten festlegen – Räume mit 3D-Technologie zu visualisieren, um einen realen Eindruck zu erzeugen, ist nicht neu. Virtual Reality dagegen – die Weiterentwicklung der 3D-Technologie – ist gerade dabei, auch Handwerksbetriebe zu erobern. VR-Technologien bieten unendlich viele Anwendungsmöglichkeiten in handwerklichen Arbeitsprozessen, vor allem aber eröffnet die innovative Technologie völlig neue Dimensionen in der Kundenberatung.

"Die Nutzung der virtuellen Realität ist für fast alle planenden und ausführenden Handwerksbetriebe wie Bau, Sanitär- und Heizungstechnik oder unser Gewerk, das Schreinerhandwerk, eine sensationelle Möglichkeit, unseren Kunden nicht nur einen Raumeindruck, sondern ein Raumerlebnis zu bieten", sagt Danny Hammer, Geschäftsführer der Hammer & Margrander Interior GmbH in Ettlingen. "Gerade im Bereich Innenausbau können die Kunden ihr Objekt lange vor dem ersten Spatenstich sehen und 'erleben'." Für diejenigen, für die VR noch ein Fremdwort ist: Mittels Datenbrille kann man mit dieser Technologie in eine virtuelle Welt eintauchen und sich in dreidimensionalen Räumen in einer 360-Grad-Rundumsicht bewegen und umschauen. Genau so, als wäre man wirklich vor Ort.

Voraussetzung ist eine exakte Datenaufnahme der Räume. "Diese Aufmaß-Daten werden direkt in unsere CAD-Software überführt", sagt Hammer. Was dann passiert, ist richtig spannend, denn ab hier ist nahezu alles möglich. "Hier kann man sich in einer Weise austoben, wie es real nie möglich wäre." Er führt das Unternehmen seit über zehn Jahren gemeinsam mit Siegfried Margrander. Die beiden greifen bei Innenausbau-Projekten auf Vieles zurück, was die 3D-Technologie in den letzten Jahren möglich gemacht hat. "Wir waren eines der ersten Unternehmen in diesem Handwerk, das ein 3D-Aufmaßsystem eingesetzt hat. Seit unserer Unternehmensgründung sind wir gleich in die Technologie eingestiegen", erzählt Siegfried Margrander.

VR ist mehr als nur virtuelle Erlebnisräume


Wenn VR die Zukunft ist, warum zögern viele Handwerksbetriebe noch? "Es ist natürlich in erster Linie eine Kostenfrage", sagt Bodo Koltze, Technologiebeauftragter bei der Handwerkskammer Karlsruhe. "Die Betriebe müssen sich immer zuerst die Frage stellen, was sie mit VR erreichen wollen. Viele sind sich allerdings nicht bewusst, welche Dimensionen die 3D-Technologie hat. Denn VR ist weit mehr als nur die Erstellung virtueller Erlebnisräume für die Kunden." Laut Koltze ist es vor allem auch die dreidimensionale Datenerzeugung, die Produktions- und Abstimmungsprozesse in Zukunft erleichtern wird. Denn diese Datenaufnahme ist die Grundlage für den Einsatz von VR. Das Ziel ist, diese Daten in Zukunft von der Planung bis zur Fertigungsanlage übergreifend einsetzen zu können. In Sachen Präzision und Effizienz wäre das ein sensationelles Ergebnis und ein wichtiger Meilenstein für alle Prozesse im Handwerk. Koltze sieht große Chancen in den branchenübergreifenden Gewerken, zum Beispiel beim Innenausbau.

"Handwerksunternehmen werden in Zukunft mehr und mehr Gewerke-übergreifende Lösungen anbieten müssen und dazu müssen alle Beteiligten gemeinsam zeitnah und detailliert gesteuert, beziehungsweise orchestriert werden", so seine Einschätzung. Der Vorteil kann dann darin liegen, dass man gemeinschaftlich an einem Objekt arbeitet und zwar mit einem gemeinsamen Datensatz. Doch das geht nicht von heute auf morgen, wenngleich die Technologie – da sind sich nicht nur VR-Experten einig – das Marketingtool der Zukunft werden wird.

Potenziale im Netzwerk


Danny Hammer führt noch einen anderen Grund für die Zurückhaltung in Sachen VR im Handwerk an: "Theoretisch ist die 3D-Technologie zu 100 Prozent vorhanden, im planerischen Bereich wird sie von uns auch schon stark genutzt. Allerdings besteht in der Ausführung noch viel Optimierungsbedarf, denn jede Branche arbeitet mit anderen Daten. Diese alle zusammenzubringen ist im Moment noch eine große Herausforderung." Und wie sehen die Lösungsansätze aus? "Ein solches System, bei dem alle Hand in Hand arbeiten und alle auf die gleichen Daten zugreifen, funktioniert nur in einem gut auf einander abgestimmten Netzwerk. Ich denke, in den nächsten ein bis zwei Jahren werden wir da wesentlich weiter sein."

Auch im Handwerk auf dem Vormarsch


Danny Hammer und Siegfried Margrander führen keinen ganz typischen Handwerksbetrieb. Sie kennen sich schon von der Techniker- und Meisterschule, haben viele Jahre im gleichen Betrieb gearbeitet und dann beschlossen, etwas Eigenes zu machen, mit mehr Handlungsspielraum und Raum für ihre Visionen. Mit ihrer Idee, alles aus einer Hand anzubieten, sind sie einen großen Schritt Richtung Zukunft gegangen. Die gelernten Schreiner sind überzeugt, dass das Handwerk heute nur dann innovativ und effizient ist, wenn die Unternehmen gewerkeübergreifend agieren. "Es reicht nicht mehr, einen Einbauschrank zu schreinern. Wir machen vom Einbauschrank über die Bodenbeläge, Möbelund Lichtkonzepte alles."

Das elfköpfige Team von Hammer & Margrander Interior arbeitet in Zukunft auch mit VR-Brillen in der Kundenberatung. Und auch der Technologiebeauftragte der Handwerksammer, in dessen Bereich u.a. die virtuelle Planung in den Betrieben im Kammerbezirk verankert ist, zeigt sich optimistisch: "Wir sind da schon sehr weit – VR ist definitiv auf dem Vormarsch", so Bodo Koltze.

Eine Frau schaut durch eine VR-Brille, neben ihr sitzen zwei Männer.
Fest steht, so Danny Hammer, "wer heute nur alleine vor sich hin arbeitet, wird kaum überleben können. Wir brauchen starke Netzwerke, die mit kompatiblen Systemen kollaborieren, um die Schnittstellen zwischen den Gewerken zu schaffen."
Foto: Koppelstätter Media/Peter Sandbiller

Diese Story erschien zuerst im Magazin REPORT 2019/2020 der Handwerkskammer Karlsruhe.

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