Handwerk und Landwirtschaft brauchen zukunftsfeste Bedingungen
Foto: amh-online.de
Handwerk und Landwirtschaft verbinden seit dem Regierungswechsel 2025 hohe Erwartungen an einen wirtschaftspolitischen Kurswechsel. Inwieweit spiegeln sich politische Fortschritte aus Ihrer Sicht in der aktuellen Konjunktur wider – und wo ist der politische Handlungsbedarf für das Handwerk am größten?
Das Handwerk hatte große Erwartungen an die neue Bundesregierung, vor allem mit Blick auf überfällige strukturelle Reformen. Impulse wie der Bauturbo, bessere Abschreibungsmöglichkeiten für Investitionen oder die Modernisierungsagenda sind zwar gesetzt worden. Doch der angekündigte „Herbst der Reformen“ ist ausgeblieben, und die bisherigen Maßnahmen reichen sichtbar nicht aus, um Wachstum anzuschieben. In den Betrieben kommt bislang zu wenig Entlastung an. Bürokratische Pflichten bleiben erdrückend, die Sozialabgaben sind zu hoch und steigen weiter, es fehlen eine steuerliche Entlastung für Personenunternehmen, Planungssicherheit hinsichtlich der weiteren Energiepolitik und eine verlässliche Fachkräftestrategie. Selbst die zunächst für alle angekündigte Strompreissenkung gilt weiter nur für die Industrie. Und dieser ohnehin große Belastungsdruck hat sich zuletzt auch noch durch den Irankrieg verstärkt. Ein Jahr nach Regierungsantritt ist mein Eindruck leider, dass die Regierungskoalition den Vertrauensvorschuss des Mittelstandes inzwischen komplett verspielt hat. Und der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, war jüngst die sogenannte Entlastungsprämie. Das hat die Stimmung noch einmal zusätzlich ordentlich in den Keller gedrückt.
Die aktuellen geopolitischen Krisen und die der vergangenen Jahre haben die Verwundbarkeit unserer Wirtschaftsstrukturen offengelegt. Welche politischen Rahmenbedingungen braucht das Handwerk, um widerstandsfähiger zu werden – und wie offensiv bringt der ZDH diese Forderungen in Berlin ein?
Spätestens an der Zapfsäule ist für alle sichtbar geworden, wie stark Krisen im Ausland auf die Wirtschaft im Inland durchschlagen. Darauf mit einer Senkung der Energiesteuer zu reagieren, war richtig, wenngleich uns klar sein muss, dass ein dauerhaftes Wegsubventionieren von Krisen nicht die Antwort sein kann. Entscheidend ist, bei den strukturellen Reformen im Inland Tempo zu machen. Denn viele Betriebe kämpfen ja nicht erst seit den hohen Spritpreisen um ihre Existenz. Das ist der Politik wohl bekannt. Wir lassen keine Gelegenheit aus, darauf aufmerksam zu machen. Sei es in den vertraulichen Gesprächen mit Regierungsvertreterinnen und -vertretern, sei es in Stellungnahmen oder Presseäußerungen wie auch öffentlich gemeinsam mit anderen Wirtschaftsverbänden. Widerstandsfähigkeit entsteht vor allem durch verlässliche Rahmenbedingungen: ein Sozialsystem mit bezahlbaren Arbeitskosten; eine Steuerpolitik, die Investitionen ermöglicht; Bürokratie, die Betriebe nicht unnötig fesselt; wettbewerbsfähige Energiepreise und eine Bildungspolitik, die auf Fachkräftesicherung ausgerichtet ist und daher berufliche und akademische Ausbildung gleichwertig behandelt. Das sind die entscheidenden Stellschrauben.
Transformation, Fachkräftemangel und Bürokratie prägen den Alltag vieler Handwerks- (und Landwirtschafts-) betriebe. Welche zentralen politischen Hebel stehen aus Ihrer Sicht ganz oben auf der Prioritätenliste – und wie gut werden diese aktuell gehört?
Der Druck ist inzwischen so groß, dass einzelne Maßnahmen nicht mehr ausreichen. Es geht nicht darum, an einzelnen Stellschrauben zu drehen, sondern das Gesamtsystem neu auszurichten. Was jetzt gebraucht wird, sind spürbare Entlastungen: bei Steuern, bei Sozialabgaben und bei Bürokratie. Gleichzeitig ist klar, wie zentral das Handwerk für die Zukunft des Landes ist. Die großen Modernisierungs- und Transformationsaufgaben – von der Energiewende bis zur Infrastruktur – sind nur mit handwerklichen Fachkräften zu bewältigen. Das Handwerk stellt sich dieser Verantwortung. Es investiert in seine Bildungsstätten und wirbt mit einer eigenen Kampagne um Jugendliche und für die Attraktivität der beruflichen Ausbildung, modernisiert Berufsbilder, unterstützt Betriebe bei der Gewinnung internationaler Fachkräfte und baut Beratungsangebote aus. Innovationen werden gezielt vorangetrieben, technologische Neuerungen in die Geschäftsmodelle integriert. Doch ohne passende politische Rahmenbedingungen stößt das an Grenzen.
Technologische Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz eröffnen neue Chancen, brauchen aber passende Regeln. Wie setzen Sie sich dafür ein, dass die Regulierung innovationsoffen bleibt und Handwerksbetriebe nicht benachteiligt werden?
Künstliche Intelligenz kann den Arbeitsalltag im Handwerk spürbar erleichtern etwa in der Kundenkommunikation, bei der Kalkulation von Angeboten oder in der Termin- und Auftragsplanung. KI bietet große Chancen, Abläufe effizienter zu machen und Ressourcen zu sparen. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass viele Lösungen für kleine und mittelständische Betriebe zu teuer, zu komplex oder schlicht nicht auf das Handwerk zugeschnitten sind. Genau hier setzen wir an und unterstützen dabei, passende Anwendungen zu finden und praxisnahe Lösungen zu entwickeln, die im Betriebsalltag funktionieren. Wichtig ist außerdem, dass die Förderung auf europäischer Ebene nicht nur Hightech im Blick hat, sondern gezielt auch anwendungsnahe KI für den Mittelstand stärkt, etwa zur Prozessoptimierung und zur Entlastung von Fachkräften. Bei der Regulierung kommt es darauf an, dass sie zur Realität der Betriebe passt. Viele Handwerksunternehmen sind klein strukturiert und haben begrenzte Ressourcen. Deshalb braucht es klare, verständliche und umsetzbare Regeln sowie gut funktionierende Schnittstellen zwischen Systemen. Nur so kann KI sinnvoll genutzt werden.
Der demografische Wandel verschärft den Nachwuchsmangel dramatisch. Welche konkreten politischen Maßnahmen fordert das Handwerk, um Ausbildung und berufliche Bildung zukunftsfest aufzustellen?
Das Handwerk ist weiter Ausbilder der Nation. Knapp jede dritte berufliche Ausbildung findet im Handwerk statt. Besonders erfreulich ist, dass wir - entgegen dem Trend in der Gesamtwirtschaft mit ihren sinkenden Ausbildungszahlen – es im Handwerk geschafft haben, dass die Zahl der neuen Ausbildungsverträge in den vergangenen drei Jahren wieder gestiegen ist. Dahinter steht eine enorme zeitliche und finanzielle Kraftanstrengung der gesamten Handwerksorganisation und besonders natürlich der Ausbildungsbetriebe. Und doch wird das nicht ausreichen, um die demografische Entwicklung auszugleichen. Mit dem Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge wird sich die Fachkräftelücke im Handwerk vergrößern, wenn politisch nicht gegengesteuert wird. Die berufliche Bildung muss rechtlich und finanziell gleichwertig zur akademischen Bildung behandelt werden. Ausbildungsbetriebe brauchen spürbare Entlastungen und die Berufsbildungsstätten als „Hochschulen des Handwerks“ müssen modernisiert werden.
Als große gesellschaftliche Gruppe trägt das Handwerk Verantwortung für Stabilität, besonders im ländlichen Raum. Wird diese Rolle in der politischen Debatte ausreichend anerkannt – und fordert das Handwerk hier selbstbewusst genug Gehör ein?
Das Handwerk ist, genau wie die Landwirtschaft, eng mit den ländlichen Räumen verbunden. Etwa die Hälfte unserer rund eine Million Betriebe ist in Dörfern und Kleinstädten angesiedelt. Dort arbeiten unsere Fachkräfte, dort sind unsere Kundinnen und Kunden. Und auch umgekehrt gilt: Die Regionen profitieren von den ansässigen Handwerksbetrieben, die Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen, die Nahversorgung sichern und regionale Wertschöpfung schaffen. Viele engagieren sich darüber hinaus im Vereinsleben, in der Kommunalpolitik oder ganz allgemein vor Ort. Für das Handwerk sind ländliche Räume keine „Resträume“, sondern echte Zukunftsräume. Da steckt viel Potenzial drin, etwa bei erneuerbaren Energien, im nachhaltigen Bauen, in der Lebensmittelverarbeitung oder bei der Nutzung regionaler Ressourcen. Die Menschen vor Ort wissen das auch. Sie erleben jeden Tag, wie eng Handwerk, Landwirtschaft und andere Branchen miteinander verflochten sind. Das wird in der politischen Debatte aber nicht ausreichend berücksichtigt. Deshalb setzen wir uns auf allen Ebenen dafür ein, dass diese Rolle stärker gesehen wird und, dass ländliche Räume als gleichwertige Lebens- und Wirtschaftsräume zu den urbanen Zentren ernst genommen werden.
2024 haben die großen Bauernproteste eine starke politische Dynamik und gleichzeitig eine große Welle der Solidarität mit den Bauern ausgelöst. Wie haben sie den Bauernverband damals wahrgenommen?
Landwirtschaft und Handwerk verbindet viel. Beide sind fest in den Regionen verankert, nah an den Menschen und tragen Verantwortung für das tägliche Leben vor Ort. Vor diesem Hintergrund war gut nachvollziehbar, dass sich in der Landwirtschaft großer Unmut aufgebaut hatte, der sich dann auch sichtbar entladen hat. Das Demonstrationsrecht ist ein Grundrecht und ein hohes Gut und legitim, auf Probleme aufmerksam zu machen. Als Handwerk haben wir damals nicht den Weg der Demonstrationen gewählt aus dem Grundverständnis heraus, Wirtschaftspolitik nicht auf der Straße stattfinden zu lassen. Gesetze werden in den Parlamenten gemacht. Umso wichtiger ist es, dass Politikerinnen und Politiker frühzeitig zuhören, Sorgen ernst nehmen und verlässliche Lösungen finden und Antworten geben. Das gilt auch jetzt wieder: Es braucht klare Entscheidungen und spürbare Entlastungen, damit Vertrauen erhalten bleibt und sich Unzufriedenheit gar nicht erst so weit aufbaut.
Viele Herausforderungen von Handwerk und Agrarbranche ähneln sich. Die Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft bietet daher gemeinsame Anknüpfungspunkte in der Interessenvertretung. Wo sehen Sie politisch die größten Schnittmengen mit dem Deutschen Bauer
Handwerk und Landwirtschaft arbeiten heute schon in vielen Bereichen eng zusammen, beispielsweise bei den regionalen Wertschöpfungsketten in der Lebensmittelverarbeitung, im Bau oder auch der dezentralen Energiewende. Hier gibt es in der Zukunft definitiv noch weiteres Potenzial. Auch auf Bundesebene sind wir gut vernetzt. Die Dachverbände stehen im engen Austausch und arbeiten etwa in der Plattform ländliche Räume zusammen. Inhaltlich ziehen wir vor allem bei einem Punkt an einem Strang: Wir brauchen einen ganzheitlichen Ansatz für die Entwicklung ländlicher Räume, der alle Wirtschaftsbereiche mitdenkt, und zwar auf Bundes- wie EU-Ebene und über 2028 hinaus. Entscheidend sind gute Rahmenbedingungen: eine leistungsfähige Infrastruktur, gute Bildungseinrichtungen, verlässliche Mobilität, moderne Gewerbeflächen und eine stabile Versorgung vor Ort. Wenn das gegeben ist, bleiben die ländlichen Regionen für Fachkräfte, für Familien und für Investitionen attraktiv.