Zentralverband des
Deutschen Handwerks
27.10.2026

Handwerk als Rückgrat gesellschaftlicher Resilienz

Warum das Handwerk für den Bevölkerungsschutz unverzichtbar ist, und welche Strukturen schon heute für Krisen gestärkt werden müssen, erläutert ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke Sophie Tiedemann von Table.Briefings.
Handwerker im Hochwassereinsatz im Ahrtal

Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH):

"Das Handwerk trägt auf vielfältige Weise zur Resilienz unserer Gesellschaft bei. Es hält kritische Infrastrukturen funktionsfähig, sichert die Versorgung der Bevölkerung und leistet im Zivil- und Katastrophenschutz wichtige Unterstützung. Seine Stärke liegt dabei auch in seiner regionalen Verankerung. Die Betriebe kennen die Menschen und Strukturen vor Ort, sind eng vernetzt und können im Krisenfall schnell und pragmatisch helfen. Zugleich sichern sie mit ihren Leistungen die tägliche Versorgung: Das reicht von Lebensmitteln über die Reparatur und Wartung wichtiger technischer Anlagen bis hin zu Leistungen der Gesundheitshandwerke. Gerade wenn globale Lieferketten unterbrochen sind, sind leistungsfähige regionale Versorgungsstrukturen unverzichtbar. Damit das Handwerk diese Aufgaben auch künftig erfüllen kann, müssen seine eigenen Kapazitäten gesichert werden. Dazu gehören wirtschaftlich leistungsfähige Betriebe, ausreichend Fach- und Nachwuchskräfte und eine enge Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen im Bevölkerungsschutz. Resilienz entsteht nicht erst im Krisenfall. Die dafür erforderlichen Strukturen müssen schon jetzt gestärkt werden, damit das Handwerk in Krisen- oder Katastrophenfällen handlungsfähig bleibt."

 

Folgender Originalbeitrag erschien am 20. Oktober 2026 auf Security.Table : 

In der Ukraine reparieren Handwerker unter Kriegsbedingungen Strom- und Wasserversorgung. Auch in Deutschland sind sie im Krisenfall unverzichtbar – das zeigte sich nach der Überflutung des Ahrtals 2021. Doch was hat man aus der Katastrophe gelernt? 

Kurz vor Beginn des fünften Kriegswinters in der Ukraine zielt Russlands Armee auf Kraftwerke, es kommt regelmäßig zu Blackouts und zu Ausfällen der Wasserversorgung. Ukrainische Reparaturteams arbeiten rund um die Uhr daran, die Strom-, Wärme- und Wasserversorgung wiederherzustellen. Im Ernstfall sind es Handwerker, die kritische Infrastrukturen wieder instandsetzen – auch in Deutschland. 

Das Handwerk sichere die Versorgung der Bevölkerung, auch im Zivil- und Katastrophenschutzfall. Das sagt Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, zu Table.Briefings. "Gerade wenn globale Lieferketten unterbrochen sind, sind leistungsfähige regionale Versorgungsstrukturen unverzichtbar", so Schwannecke. Elektro-, Sanitär- und Heizungsbetriebe sorgten dafür, dass Strom, Wasser und Wärme verfügbar blieben, heißt es weiter vom Zentralverband des Deutschen Handwerks; und Bäckereien und Fleischereien sicherten die Lebensmittelversorgung vor Ort. Insbesondere die regionale Vernetzung des Handwerks vor Ort ermögliche es, im Ernstfall schnell zu helfen. 

Die überwiegende Mehrheit der Handwerker arbeitet an Energie-, Wärme-, Wasser-, Verkehrs- und Produktionsinfrastrukturen. So heißt es in einer Studie zu Handwerk im Bevölkerungsschutz von der Universität Göttingen und dem Deutschen Handwerksinstitut. Die Studie untersucht, wie das Handwerk nach der Überflutung des Ahrtals 2021 half, die Katastrophe zu bewältigen. 

Damals seien weder Landesregierung noch Landkreis wirklich handlungsfähig gewesen . Das sagt Studienautor Till Proeger von der HAWK Göttingen im Gespräch mit Table. Briefings. "Sie hatten dieses Szenario nicht geübt, verfügten nicht über die notwendigen Ressourcen und waren – im Fall der regionalen Ebene – selbst erheblich durch die Flut betroffen", so Proeger. In diese Lücke sei das Handwerk gestoßen. Die Funktion der meisten kritischen Infrastrukturen beruhe auf handwerklicher Tätigkeit, so Proeger. "Am Ende sind es Handwerker, die es richten müssen". 

Nur sei diese Erfahrung im Nachgang nicht vollständig gerettet worden. Zwar habe es "einzelne Formen von Wissenstransfer gegeben", so Proeger, der insbesondere von der Handwerkskammer Koblenz ausgegangen sei. "Aber eine wirklich breite Bewegung mit dem Versuch, die beteiligten Handwerker strukturiert in Lernprozesse einzubinden und sie dafür in Landes- und Bundesinstitutionen zu holen und so aus der Erfahrung zu lernen, gab es nicht." Zwar spiele Handwerk in der Resilienz in Krisenzeiten eine zentrale Rolle, heißt es in einem weiteren Forschungsbericht, der heute auf der Landeshandwerkskonferenz in Koblenz vorgestellt wird. "Doch diese Rolle ist bislang kaum in den formalen Strukturen von Katastrophenschutz und Krisenvorsorge verankert."

Auf Nachfrage erklärt das zuständige Wirtschaftsministerium in Rheinland-Pfalz, man begrüße die Studie zu Handwerk im Bevölkerungsschutz. Vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) heißt es, grundsätzlich könnten sich Handwerksorganisationen zwar an Übungen auf Bundesebene, wie der im November anstehenden LÜKEX, beteiligen. Allerdings seien Handwerksbetriebe in derartige Übungen nicht unmittelbar eingebunden, der Fokus liege auf der "administrativ-politischen Ebene". 

Für zukünftige Katastrophen seien allerdings Schnittstellen "zwischen beiden Welten" nötig, so Experte Proeger. Außerdem empfehle es sich, den ehrenamtlichen Teil der Handwerksstrukturen zu stärken und es gesellschaftlich aufzuwerten. Dabei wird im Handwerk inzwischen nicht mehr nur an die Bewältigung von Naturkatastrophen gedacht. Darauf verweist ein Papier der baden-württembergischen Dachorganisation "Handwerk BW", in dem es heißt, Handwerksbetriebe könnten in die Versorgung von Nato-Durchmarschtruppen eingebunden werden. Dies könne die Bereitstellung von "Infrastruktur, Maschinen, Unterkünften oder Lebensmitteln" entlang von Aufmarschrouten betreffen. 

Auf Nachfrage schreiben verschiedene Handwerkskammern in Deutschland, man stehe im Austausch mit dem jeweiligen Landeskommando der Bundeswehr. Aus der Handwerkskammer Koblenz, die in die Bewältigung der Überflutung des Ahrtals 2021 eingebunden war, heißt es, man habe im Nachgang konkrete Vorkehrungen entwickelt. Dazu gehörten etwa der Aufbau von Krisenstäben sowie eine Internetseite mit Datenbanken zu Leistungen von Handwerksbetrieben für den Wiederaufbau. Die Seite sei zwar aktuell offline, könne aber bei Bedarf kurzfristig angepasst werden. 

Eine Sprecherin der Handelskammer in Hamburg schreibt, man bereite sich auf die Rolle als ziviler Partner von Bundeswehr und Politik vor. Dazu gehöre aktuell die "branchenscharfe Identifizierung sicherheits- und versorgungsrelevanter Gewerke, die von den Notstandsgesetzen erfasst würden und in Beziehung zur Hamburgischen Kritischen Infrastruktur stehen". Bei den Notstandsgesetzen handelt es sich um ein Paket aus Regelungen, die bei einem Verteidigungsfall besondere staatliche Befugnisse ermöglichen, etwa den Zugriff auf die Wirtschaft. 

Um das Handwerk in die Krisenplanung einzubinden, brauche es feste Strukturen in den kommunalen Krisenstäben. Das sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete Rasha Nasr zu Table.Briefings. Nasr fordert außerdem gemeinsame Übungen mit Feuerwehr und THW. Das Handwerk sei kein "Lückenfüller im Bevölkerungsschutz", sondern ein "unverzichtbarer Partner für die Sicherheit unseres Landes".

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