Zentralverband des
Deutschen Handwerks
21.06.2021

„Handwerkerinnen und Handwerker sind die Zukunfts-Macher“

ZDH-Präsident Wollseifer betont in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ die zentrale Bedeutung beruflicher Bildung zur Bewältigung wichtiger Zukunftsaufgaben wie der des Klimaschutzes.
Portraitfoto von Hans Peter Wollseifer vor dem Haus des Deutschen Handwerks in Berlin

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer betont gegenüber Rena Lehmann von der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ die zentrale Bedeutung beruflicher Bildung für die Bewältigung essentieller Zukunftsaufgaben wie der des Klimaschutzes und der Energie- und Mobilitätswende.

Egal, welchen Handwerker man gerade anfragt. Überall fehlt Material. Eine Folge der Pandemie?

Es fehlt gerade an allem, was man zum Hausbau braucht, vom Fundament bis unters Dach. Und ja, das ist vor allem auch Folge der Corona-Pandemie: Nach den Beschränkungen des letzten Jahres boomt es plötzlich wieder. So schnell können aber Produktion und Logistik nicht wieder hochgefahren werden. Es wird voraussichtlich noch ein paar Monate dauern, bis es sich wieder normalisiert hat.

Macht es überhaupt Sinn, gerade große Umbauprojekte anzugehen?

Wenn man konkret etwas vorhat, sollte man es besser sofort angehen, denn die Preise werden sich zwar wieder normalisieren, aber sie werden vermutlich nicht mehr auf Vorkrisenniveau fallen. Bauen wird definitiv teurer.

Für den Klimaschutz muss, so viel steht fest, künftig viel umgebaut und saniert werden. Reibt sich das Handwerk angesichts der Klimaschutzpläne der Parteien schon die Hände?

Klimaschutz wird eine der ganz wichtigen Aufgaben einer neuen Regierung sein. Für das Handwerk sind Klimaschutz und Energiewende große Themen. Von unseren eine Million Betrieben arbeiten bereits jetzt etwa 450.000 Betriebe mit fast 2,5 Millionen Beschäftigten in knapp 30 Gewerken in fast allen Bereichen des Klima- und Umweltschutzes und der Energie- und Mobilitätswende – sei es etwa im Ausbaubereich, an der Gebäudehülle, in der Anlagen- und Gebäudetechnik oder beim Netzausbau. Nur mit uns Handwerkerinnen und Handwerkern wird die Umsetzung der Pläne der Parteien möglich sein.

Haben wir denn genug Personal, um jetzt allerorten Solardächer und anderes zu installieren?

Wir werden auf jeden Fall noch mehr Personal brauchen. Schließlich nehmen die Aufgaben etwa im Klimaschutz zu, für die zwingend beruflich qualifizierte Fachkräfte nötig sind. Irgendwer muss die Solardächer ja montieren und warten, die Gebäude energieeffizient sanieren. Wir sind übrigens auch diejenigen, die die E-Mobilität umsetzen müssen. Wir halten die E-Autos am Laufen, bauen die Ladesäulen. Mein Eindruck ist allerdings: Die Politik hat die Brisanz künftig fehlender Fachkräfte noch nicht in dem Maße auf dem Schirm, wie es mit Blick auf die anstehenden Zukunftsaufgaben zwingend nötig wäre.

Inwiefern?

Wir warnen seit Jahren gebetsmühlenartig vor dem Fachkräftemangel. Sich erst um das Personal in dem Moment zu kümmern, in dem man eine konkrete Klimaschutzmaßnahme beschließt, ist zu spät. Beruflich qualifizierte Fachkräfte fallen nicht vom Himmel. Wir müssen sie über Jahre entwickeln. Um aber all das, was sich die nächste Bundesregierung vornimmt, überhaupt umsetzen zu können, braucht es in der Zukunft genügend gut ausgebildete Handwerkerinnen und Handwerker. Denn es ist das Eine, eine Solardachpflicht zu verordnen, aber das Andere, diese Solardächer dann auch zu installieren. Wenn es nicht genügend Fachkräfte dafür gibt, wird das kaum gelingen. Weil wir künftig mehr ältere Menschen haben werden, brauchen wir auch mehr Leute, die Bäder behindertengerecht umbauen, die Hörgeräte und Prothesen anfertigen können. Der Bedarf an Handwerkerinnen und Handwerkern wird also auf vielen Zukunftsfeldern voraussehbar deutlich steigen.

Backen kann man sie ja nicht, was erwarten Sie hier konkret von einer neuen Bundesregierung?

Es wäre schonmal gut, wenn die Politik den Mittelstand wieder ins Zentrum ihrer Politik stellen würde. Wir beschäftigen allein im Handwerk 5,5 Millionen Menschen, wir bilden aus. Es sind unsere Betriebe und ihre Beschäftigten, die die Sozialabgaben und Steuern zahlen, und zwar vor Ort in Deutschland. Die Betriebe müssen wieder Luft zum Atmen haben, um zu wachsen und mehr Menschen zu beschäftigen. Ich erwarte, dass die Betriebe, die ausbilden, künftig entlastet werden. Wir ringen um Azubi-Tickets. Um finanzielle Förderung unserer Bildungsstätten. Um die Einrichtung auch von Azubi- und nicht nur Studentenwohnheimen. Berufliche Bildung muss unserer Gesellschaft – auch finanziell – mindestens so viel wert sein wie die akademische Ausbildung. Und es geht bei all dem auch um eine angemessene Wertschätzung. Von politischer Stelle muss noch viel stärker klipp und klar gesagt werden: Jemand, der eine duale Ausbildung macht, ist genauso viel wert für Deutschland wie jemand, der ein Studium macht.

Müssten folglich die Fridays-For-Future-Demonstranten eher nicht studieren, sondern eine Lehre etwa als Heizungsbauer machen, um den Klimaschutz voranzubringen?

Das wäre auf jeden Fall eine Möglichkeit, um es nicht beim Protest zu belassen, sondern aktiv ganz konkret etwas für den Klimaschutz zu tun. Im Handwerk gibt es viele klimarelevante Berufe. Die bieten jungen Menschen nicht nur sichere Karrieremöglichkeiten, sondern die Chance, an den Zukunftsaufgaben an vorderster Stelle mitzuwirken. Denn: Handwerkerinnen und Handwerker sind die Zukunfts-Macher.

Warum gelingt es Ihnen dann nicht, mehr Menschen für das Handwerk zu begeistern?

Die Pandemie hat dazu geführt, dass viele persönliche Termine und Praktika nicht stattfinden konnten. Ein Praktikum ist häufig der Schlüssel zur Ausbildung. Im letzten Jahr sind die Ausbildungszahlen um diese Zeit massiv eingebrochen. Am Jahresende hatten wir dann einen Rückgang von sieben Prozent im Handwerk – in Industrie und Handel lag der sogar bei rund 11 Prozent. Auch wenn wir aktuell ein Plus von 9,4 Prozent an neuen Ausbildungsverträgen gegenüber Mai 2020 haben, was sicher positiv ist, so liegt das leider aber immer noch um zehn Prozent unter den Zahlen vom Mai 2019. Das zeigt, wir müssen hier dringend noch mehr Jugendliche für eine Ausbildung begeistern – auch aus den Gründen, die ich bereits beschrieben habe. Doch es gibt seit Jahren ein strukturelles Problem, und das ist der Trend, dass die meisten ein Studium anstreben. Dabei trägt das Aufstiegsversprechen durch ein Studium längst nicht mehr. Mehr als 100.000 junge Menschen brechen jedes Jahr ihr Studium ab. Auf der anderen Seite fehlen beruflich qualifizierte Fachkräfte, um den Wohlstand in unserer Gesellschaft zu sichern. Unsere Betriebe jedenfalls sind ausbildungswillig, aktuell sind noch rund 32 000 Ausbildungsplätze nicht besetzt.

Scheuen Jugendliche heute körperliche Arbeit?

Sie wachsen auf jeden Fall in einem anderen Umfeld auf als noch meine Generation. Außerdem wurde eben jahrelang gepredigt, wir hätten zu wenig Akademiker. Jetzt haben wir viele Akademiker, das Verhältnis stimmt nicht mehr. Viele junge Leute haben haptische Talente und wären in einer beruflichen Ausbildung besser aufgehoben. Ich glaube nicht, dass Jugendliche körperliche Arbeit scheuen, aber die Klischees, die zurzeit vom Handwerk immer noch vorherrschen, schrecken manchen ab.

Stimmen sie denn nicht?

Viele Handwerksberufe haben sich komplett verändert. Durch den technischen Fortschritt sind anspruchsvolle neue Tätigkeitsfelder hinzugekommen. Die Digitalisierung hat an vielen Stellen dazu geführt, dass die körperlichen Belastungen abgenommen haben.

Sind Frauen in allen Betrieben willkommen?

Wir müssen junge Mädchen stärker ermutigen, ihre Berufswahl jenseits starrer Rollenmuster zu treffen. Die wissen oft zu wenig über ihre Chancen im Handwerk, dass dort neben handwerklichen Fähigkeiten vor allem auch Köpfchen gefragt ist – zumal wenn man einen Betrieb leitet. Durch die digitalen Techniken ist in vielen Gewerken die körperliche Belastung geringer geworden, die angeblich für das Handwerk nötige „Muskelkraft“ spielt gar nicht mehr die Rolle. Das ist natürlich eine Veränderung, die die Berufe auch für Frauen interessant macht. Frauen dominieren schon heute die Gesundheitshandwerke wie Augenoptik und Zahntechnik. Doch Frauen gehen inzwischen auch verstärkt in Berufe wie Malerin, Tischlerin und Dachdeckerin. Und oft sind es gerade Frauen, die sich nach der Ausbildung weiterbilden und einen Betrieb führen oder neu gründen.

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