12.07.2018

"Kleine und mittlere Betriebe könnten ihr Engagement in der Ausbildung aufgeben"

Foto: Boris Trenkel

Herr Schwannecke, wie steht das Handwerk zur einer Mindestausbildungsvergütung?
Das bestehende System zur Festlegung von Ausbildungsvergütungen in Deutschland hat sich über Jahrzehnte bewährt und als praxistauglich erwiesen. Insofern sehen wir keine Notwendigkeit, daran etwas zu ändern. Die Höhe von Ausbildungsvergütungen variiert je nach Region oder Branche zum Teil deutlich. Diese Spielräume sind notwendig: Eine gesetzlich bundesweit einheitliche, starre Untergrenze für Ausbildungsvergütungen würde der Vielfalt der Berufe und den regionalen und branchenspezifischen Besonderheiten nicht gerecht.

Mit ihrer Sachkompetenz finden die Sozial- und Tarifpartner Lösungen, die für die Azubis angemessen, für die Betriebe machbar und für die jeweilige Branche oder Region passgenau sind. Dass dies funktioniert und sich bewährt hat, zeigt auch die im internationalen Vergleich sehr geringe Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland. Die Einführung einer gesetzlichen Mindestausbildungsvergütung würde die Betriebe zum Teil schmerzlich treffen. Wir würden Gefahr laufen, dass gerade kleine und mittlere Betriebe ihr Engagement in der betrieblichen Ausbildung aufgeben könnten. Die dann wegfallenden Ausbildungsplätze müssten kompensiert werden, etwa indem das staatlich finanzierte Berufsschulangebot auf Steuerkosten ausgebaut wird. Diese schleichende Verstaatlichung des Systems der dualen Berufsausbildung würde die Dualität von schulischer und betrieblicher Ausbildung unterwandern. Das kann niemand wollen.

Das Handwerk konkurriert mit anderen Wirtschaftszweigen um Schulabgänger. Spielt die Höhe der Ausbildungsvergütung tatsächlich eine so große Rolle bei der Berufswahl?
Junge Menschen orientieren sich bei ihrer Berufswahl vor allem am Rat der Eltern, an ihren Vorstellungen vom Beruf sowie am vermeintlichen Image des Berufes bei ihren Freunden. Eine gute und umfassende Berufsorientierung an den allgemeinbildenden Schulen ist unverzichtbar. Sie muss über die Entwicklungsmöglichkeiten in den verschiedenen Ausbildungsberufen umfassend informieren und die Jugendlichen in die Lage versetzen, einen Beruf zu finden, der zu ihren Interessen und Potenzialen passt. Die Höhe der Ausbildungsvergütung spielt für die Jugendlichen nur eine untergeordnete Rolle. Zu den beliebtesten Ausbildungsberufen zählt etwa der Mediengestalter Bild und Ton mit einer durchschnittlichen Ausbildungsvergütung von 750 Euro. Lehrstellen etwa für handwerkliche Ausbildungsberufe mit höherer Vergütung, wie der Beton- und Stahlbetonbauer mit einer durchschnittlichen Ausbildungsvergütung von 1.110 Euro, können hingegen oft nur sehr schwer besetzt werden.

Die IG Metall begründet die Notwendigkeit einer Mindestausbildungsvergütung damit, dass ein ordnungspolitischer Rahmen fehlt. Sehen Sie das auch so?
Es wundert mich schon, das von einem Sozial- und Tarifpartner zu hören, der am Aushandeln von Ausbildungsvergütungen beteiligt ist. Der ordnungspolitische Rahmen ist die im Grundgesetz verbürgte Tarifautonomie verbunden mit dem, was das Berufsbildungsgesetz gesetzlich konkretisiert. Im Rahmen dieser Tarifautonomie obliegt es den Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften, gemeinsam Ausbildungsvergütungen festzulegen, die passgenau, regionalspezifisch und branchendifferenziert sind. Das gelingt mit Erfolg: In den vergangenen Jahren sind die Ausbildungsvergütungen in vielen Gewerken im Vergleich zu den Löhnen sogar überproportional gestiegen.

Die Einführung einer Mindestausbildungsvergütung ist politischer Wille. Offen ist aber noch die Höhe. Was wäre aus Sicht des Handwerks akzeptabel?
Um es klarzustellen: Die Ausbildungsvergütung ist kein Lohn oder Gehalt. Azubis lernen noch. Ausbildungsvergütungen sind als Zuschuss zu den Lebensunterhaltskosten gedacht, nicht aber dazu, die Existenz oder den Lebensstandard zu sichern. Das wird auch daran deutlich, dass für Eltern während der Ausbildung weiter Unterhaltspflicht besteht, sie Anspruch auf Kindergeld und teils auch weitere soziale Förderungen haben. In Fällen der Bedürftigkeit haben im Jahr 2016 etwa zwölf Prozent aller Auszubildenden Berufsausbildungsbeihilfen durch die örtliche Arbeitsagentur bezogen. Solche Instrumente sind weitaus zielgenauer, weil sie individuell die sozialen Bedürftigkeitslagen von Azubis berücksichtigen. Entsprechende Instrumente sollten stärker genutzt und ausgebaut werden.

 

Das Interview führte Bernd Lorenz. Es ist am 11. Juli 2018 im Handwerksblatt erschienen.