25.11.2020

Handwerksdarstellung häufig klischeehaft und veraltet

Portraitfoto von Holger Schwannecke im Gespräch auf der Dachterrasse im Haus des Deutschen Handwerks mit Blick über Berlin
Foto: ZDH/Boris Trenkel

ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke sprach mit Denny Gille vom Norddeutschen Handwerk über häufig anzutreffende mediale Klischees und Vorurteile gegenüber dem Handwerk und über Wege, diesen entgegenzutreten.

Sind Vorurteile gegen das Handwerk und einzelne Handwerksbranchen in den Medien aus Ihrer Sicht eher die Ausnahme oder sind sie noch zu häufig zu beobachten?
Auch wenn das Handwerk als wichtige Wirtschafts- und Gesellschaftsgruppe insgesamt ein hohes Ansehen genießt und als Berufsbereich respektiert und geschätzt wird, gibt es in der Gesellschaft leider immer noch veraltete, teils klischeehafte und längst nicht mehr zutreffende Vorstellungen vom Handwerk – die mitunter auch in der medialen Darstellung transportiert werden. Nicht immer wird dort richtig abgebildet, wie modern, vielfältig, kreativ, digital oder auch jobsicher das Handwerk ist. Dabei gehören Digitalisierung, Diversität, Internationalität und Humanität heute genauso zum Handwerk wie Tradition, Werkbank und Blaumann. Digitalisierung und technologischer Fortschritt etwa haben überall im Handwerk Einzug gehalten – ob im Bau, Ausbau, im gewerblichen oder privaten Bedarf, im Bereich Kfz, bei Lebensmitteln oder der Gesundheit. Tablets, 3D-Scanner und 3D-Drucker, Drohnen, digitale Vermessungs- oder Bearbeitungsgeräte, Fernwartung – all das prägt längst den Arbeitsalltag im Handwerk. Handwerk ist zudem nicht nur eine Handvoll klassischer Berufe, sondern eine Vielfalt von über 130 ganz unterschiedlichen Ausbildungsberufen, in denen sich unterschiedlichste Berufsperspektiven und Karrieremöglichkeiten eröffnen, von der Fachkarriere bis hin zur unternehmerischen Selbstständigkeit mit dem Meisterbrief. Handwerk bietet eine hohe Arbeitsplatzsicherheit und bleibt ein Zukunftsträger: Ob Energiewende, Smart Living oder E-Mobility - kein Zukunftsbereich kommt ohne die Innovationskraft, die Leistungsstärke und die Umsetzungsfähigkeiten des Handwerks aus.

In der medialen Darstellung von Handwerk kommen diese Aspekte aber nicht immer zur Geltung. Häufig werden stärker körperliche Facetten von Handwerken wie Maurer, Klempner oder Straßenbauer präsentiert, während die Aspekte der Modernität und Technikversiertheit etwa auch von Gesundheitshandwerken - also Augenoptikern, Orthopädietechnikern, Hörakustikern oder Zahntechnikern - außen vor gelassen werden. Auffällig ist die häufige Thematisierung eher seltener und teils traditioneller Handwerke in TV- und Radioproduktionen, wo dann noch viel händisch in Werkstätten gearbeitet wird. Das erzeugt zwar schöne Bild- oder Textwelten und strahlt eine gewisse Urtümlichkeit aus, repräsentiert aber nicht das moderne Handwerk in seiner Breite, Vielfalt und Innovationskraft. Dadurch wird den Zuschauern und Zuhörern ein eher traditionelles Bild des Handwerks vermittelt, das für die Mehrzahl der Gewerke so nicht mehr zutrifft. Das ist bedauerlich, denn genauso, wie ein Hutmacher alter Schule in seiner Werkstatt als  „gemütlich“ portraitiert werden kann, kann ein digital und modern aufgestellter Orthopädieschuhmacher präsentiert und damit jungen Menschen ein zeitgemäßer und erfolgreicher Unternehmer im Handwerk als Vorbild vorgestellt werden. Umso mehr gilt es, veralteten Vorstellungen immer wieder aufs Neue entgegenzutreten - daran arbeitet der ZDH. Nicht nur in unserer Imagekampagne zeigen wir: Handwerk heute ist dynamisch, zukunftsorientiert, nah am Kunden und vielerorts digital.

Welche Vorurteile begegnen Ihnen hauptsächlich (z.B. schlechte Bezahlung, schlechte Qualifikation, schlechte Karrierechancen)? Welche Handwerksbranchen sind nach Ihrer Einschätzung besonders häufig betroffen?
Häufig wird in der medialen Darstellung auf Handwerke mit stärker körperlichen Facetten abgestellt, wie das etwa in den Bau- und Ausbauhandwerken der Fall ist. Dabei kommen dort neben moderner Technik inzwischen viele gesundheitsfördernde Hilfsmittel zum Einsatz, die die Arbeitsprozesse erleichtern. 

Was Karrierechancen und Verdienst anbelangt, kommt mitunter zu wenig zur Sprache, dass das Handwerk und die berufliche Bildung hervorragende Perspektiven bieten: In den rund 130 Ausbildungsberufen des Handwerks gibt es vielfältige und attraktive Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Mit einem Beruf im Handwerk ist in der Regel ein gutes finanzielles Auskommen verbunden. Umso mehr, wenn man sich zum Handwerksmeister weiterqualifiziert. Junge Menschen haben nach einer erfolgreichen Meisterqualifikation zudem sehr gute Karten, später selbst einen Handwerksbetrieb zu übernehmen. Mit solchen Fortbildungen, wie neben der Meisterqualifikation etwa auch dem Betriebswirt im Handwerk oder dem Restaurator oder Gestalter in diversen Handwerken stehen einem nicht allein im Handwerk jedenfalls alle Türen offen. Und was viele nicht wissen: Das durchschnittliche Arbeitseinkommen eines Meisters in seinem Berufsleben ist genauso hoch wie das eines Bachelor-Absolventen.

Stärker zum Tragen kommen sollte auch der Zukunftsaspekt: Alle gesellschaftlichen Großprojekte – ob Wohnungsbau, die Modernisierung unserer analogen wie digitalen Infrastruktur, Klimaschutz, die Energie- oder Mobilitätswende oder auch der Bereich SmartHome - werden nur mit dem Handwerk gestemmt werden können. Und da bereits jetzt Fachkräfte im Handwerk händeringend gesucht werden, braucht man sich entsprechend auch keine Sorgen um seinen Arbeitsplatz zu machen - ein Beruf im Handwerk kommt quasi einer Versicherung gegen Arbeitslosigkeit gleich. Diese liegt im Handwerk im Übrigen niedriger als bei Akademikern.

Was raten Sie Handwerkern, die z.B. in der Lokalzeitung auf Vorurteile gegen ihre Branche stoßen? Wie können die Unternehmer sinnvoll aktiv werden?
Persönlicher Austausch und die Motivation, mit gutem Beispiel voranzugehen, sind immer gute Wege, um Vorurteile abzubauen. Insofern steht jedem Handwerker frei, aktiv seinen Teil dazu beizutragen, ein zutreffenderes zeitgemäßes Bild vom Handwerk zu vermitteln. Viele Handwerksbetriebe machen ihre guten Leistungen bereits für Kunden, Belegschaft und junge Menschen – vielfach auch über die Sozialen Medien - sichtbar oder nutzen ihr ehrenamtliches Engagement vor Ort, um auf sich aufmerksam zu machen. Genauso kann man auch auf Redaktionen zugehen, um Redakteure etwa zu Tagen der offenen Tür, Jahrestagen oder anderen besonderen Aktionen einzuladen. Viele Redakteure sind sehr aufgeschlossen für einen solchen Einblick in die Praxis.