15.12.2020

„Das Signal von Anerkennung und Wertschätzung ist wichtig“

Foto: AdobeStock/auremar

Über das schwierige Ausbildungsjahr 2020, die notwendige Wertschätzung beruflicher Ausbildung und über notwendige Maßnahmen, um einem Substanzverlust auf dem Ausbildungsmarkt vorzubeugen, hat Dr. Volker Born, Leiter der Abteilung Berufliche Bildung im ZDH, im Interview mit Jan-Martin Wiarda für dessen Blog gesprochen.

Herr Anbuhl, Herr Born, heute hat das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) seine mit Spannung erwarteten Analysen zur Entwicklung des Ausbildungsmarktes im Jahr 2020 veröffentlicht. Ihr Kommentar?

Born: Im November haben die Handwerksbetriebe insgesamt sieben Prozent weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen als vor einem Jahr. Wenn ich bedenke, dass wir Ende Mai noch bei einem Minus von 18 Prozent lagen, hat sich die damals drohende Dramatik im Handwerk also relativiert. Auch dass das BIBB jetzt über alle Branchen hinweg ein Zehntel weniger Ausbildungsverhältnisse meldet, ist angesichts der wirtschaftlichen Verwerfungen durch Corona weniger als befürchtet worden war. Und doch: Allein im Handwerk haben wir 10.000 weniger Ausbildungsverhältnisse als im Vorjahr – und damit stehen wir sogar noch günstiger da als Industrie und Handel, die aktuell ein Minus von rund zwölf Prozent verzeichnen.

Was genau hat zu diesem Minus geführt?

Born: Die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen haben das so genannte Matching massiv beeinträchtigt. Matching nennen wir es, wenn Ausbildungsbetriebe und Bewerber zueinander finden. Bei uns im Handwerk passiert das besonders im Frühjahr. Doch genau in diese Hochphase der Berufsorientierung, im April und Mai, fiel der erste Shutdown. Das bedeutete: Keine Praktika, keine Betriebsbesuche, keine Berufsberatung in der Schule – und keine Ausbildungsmessen, bei denen sich Betriebe und Schulabgänger normalerweise gegenseitig beschnuppern können. Ein enormer Verlust an Kontakt- und Informationsmöglichkeiten.

Anbuhl: Und genau deshalb ist es erstaunlich, dass wir mit einem blauen Auge und einer lädierten Unterlippe aus dem Ausbildungsjahr 2020 herausgehen. Zwar liegt das Minus oberhalb der Finanzkrise 2008/2009, aber im Frühjahr hatten wir echt noch Schlimmeres befürchtet. Allerdings sollte man sich nicht der Illusion hingegeben, dass das es das jetzt schon war. Die Coronakrise ist auf einen Ausbildungsmarkt getroffen, der längst angespannt war. Auf der einen Seite blieben vergangenes Jahr 50.000 Ausbildungsplätze unbesetzt, was relativ viel ist, auf der anderen Seite ist bereits vor Corona jeder dritte Jugendliche mit Hauptschulabschluss ohne abgeschlossene Ausbildung geblieben.

Sie sagen: Das Schlimmste kommt noch?

Anbuhl: Dass die Coronakrise das Matching behindert hat, ist das eine. Das andere ist der starke konjunkturelle Einbruch in vielen Branchen. Wenn Restaurants und Hotels schließen müssen oder weniger Gäste haben, ist ihr Geschäftsmodell weg. Betroffen sind aber auch Bereiche der Wirtschaft, die gar nicht direkt unter dem Shutdown leiden. Die Exportwirtschaft zum Beispiel, weil die weltweite Nachfrage in den Keller gegangen ist. Hinzu kommt in Deutschland etwas Drittes: Einige unserer wichtigsten Industrien, zum Beispiel die Automobilindustrie, befinden sich in einem tiefen Strukturwandel, der wird jetzt nochmal verschärft – und das wird ebenfalls viele Ausbildungsplätze kosten.

Die Krise als Verstärker bestehender Probleme?

Anbuhl: Die Krise als Katalysator. Der noch dazu die Schwächen unseres Bildungssystems aufgedeckt hat. Die beruflichen Schulen sind teilweise sehr schlecht ausgestattet mit Digitaltechnik, weshalb das Distanzlernen nicht gut funktioniert hat. Es ist uns schon vor Corona nicht ausreichend gelungen, Einwanderer oder Jugendliche mit schwachen Schulabschlüssen in die berufliche Bildung zu integrieren. In Zeiten geschlossener Schulen haben wir sie noch viel schlechter erreicht. 

Born: Die mangelnde Digitalausstattung der Berufsschulen ist echt ein Problem. Darunter leidet auch die Kooperation der unterschiedlichen Lernorte Betrieb, Bildungszentrum und Schule. Wenn im ersten Shutdown die digitalen Kanäle und Möglichkeiten zum Austausch da gewesen wären, hätten wir uns untereinander besser und früher abstimmen können. Das gilt auch und gerade für die Berufsorientierung.

Ist denn die persönliche Begegnung überhaupt ersetzbar?

Born: Klar ist es gut, wenn Schülerinnen und Schüler, die sich für einen Handwerksberuf interessieren, schon einmal die dazu gehörenden Werkzeuge oder Instrumente in der Hand gehalten haben. Aber hinderlich ist, dass die digitalen Alternativen, die Schnittstellen zum Austausch, vielerorts noch immer nicht existieren. Sicherlich gibt es auch positive Beispiele wie in Sachsen: Da können sich die Handwerkskammern mit der Schulplattform vernetzen, ihre eigenen Angebote einstellen. Doch ich bin ehrlich überrascht, dass in vielen Bundesländern selbst neun Monate nach Beginn der Coronapandemie gerade erst über den Antragsprozess zu einer Schulcloud diskutiert wird. Und währenddessen gehen wir in den nächsten Lockdown.

Die Bundesregierung hat im Sommer ein Programm mit dem Titel „Ausbildungsplätze sichern“ auf den Weg gebracht. Funktioniert die Ausbildungsprämie, die es seitdem für Betriebe gibt, die unter Corona leiden und trotzdem Azubis einstellen? Kritiker vermuten, dass es vor allem zu Mitnahmeeffekten kommen könnte.

Anbuhl: Ich bin froh, dass es das Programm seit 1. August gibt. Leider muss man aber sagen, dass die Vorgaben in Teilen zu bürokratisch waren, weshalb die Prämie bislang nur sehr zögerlich abgerufen worden ist.  Ob und in welchem Umfang es Mitnahmeeffekte gibt, wissen wir noch nicht. Was wir wissen: dass von den 500 Millionen Euro für die Ausbildungsprämie nach drei Monaten rund 60 Millionen Euro gebunden sind. Der Betrag wird noch zunehmen, weil die Prämie erst am Ende der Probezeit ausgezahlt wird. Trotzdem bleibt es eine zu bescheidene Bilanz. 

Was hat die Bundesregierung falsch gemacht?

Anbuhl: Sie hat die Fördervoraussetzungen zu stark am ersten Lockdown ausgerichtet. Betriebe, die profitieren wollten, mussten im April und Mai starke Umsatzeinbußen gehabt haben. Bei vielen Unternehmen kam das eigentliche Loch aber erst danach. Zum Glück hat die Bundesregierung das verstanden und vor wenigen Tagen nachgesteuert. Seitdem ist die Berechnungsgrundlage eine andere.

Born: Es ist gut, dass die Politik hier nachgebessert hat und die Handwerksbetriebe jetzt auch dann die Prämie beantragen können, wenn ihre Umsatzeinbußen nicht nur im April und Mai hoch waren. Hier verfährt man jetzt analog zur Überbrückungshilfe II – mit dem Ergebnis, dass bald deutlich mehr Handwerksbetriebe profitieren dürften.

Reichen die paar tausend Euro pro Azubi überhaupt, damit ein notleidendes Unternehmen einen Ausbildungsplatz bestehen lässt?

Born: Ich würde den Effekt nicht zu geringschätzen. Im Handwerk kostet jeder Ausbildungsplatz im Schnitt netto 8000 Euro im Jahr. Die Prämie von bis zu 3000 Euro macht dann einen substanziellen Teil aus. Das ändert zwar nichts daran, dass diese Förderung insgesamt gesehen nur ein Bruchteil dessen ausmacht, was die gesamte Wirtschaft, nicht nur die Handwerksbetriebe, im Laufe der Coronapandemie an Hilfen erhält. Aber das Signal von Anerkennung und Wertschätzung, das ist wichtig. Das Signal, dass die Bundesregierung die Nöte von Ausbildungsbetrieben in den Blick nimmt. Das hat sie in den vergangenen Jahren nicht immer getan.

Was muss passieren, damit nicht, wie Sie, Herr Anbuhl, warnen, das Schlimmste für den Ausbildungsmarkt erst noch kommt?

Anbuhl: Ich fürchte nicht, dass wir die zweite Abwärtsbewegung noch verhindern können. Und während das Minus dieses Jahr in der Größenordnung der Finanzkrise lag, kommen gerade aus der Automobilindustrie Signale, dass die Zahl der Ausbildungsplätze 2021 noch stärker nach unten gehen wird. Normalerweise schließen die großen Unternehmen die neuen Verträge zwischen Januar und März ab, bislang ist da aber wenig Bewegung, und jetzt kommt der erneute Shutdown dazu. In Summe habe ich die Sorge, dass das Krisenjahr 2020 nur der Auftakt war und wir mit einem dauerhaften Substanzverlust im dualen Ausbildungssystem rechnen müssen.

Sie meinen, dass sich der Markt nach der Krise nicht wieder erholt? Können Sie den von Ihnen befürchteten Substanzverlust beziffern?

Anbuhl: Als Referenz kann uns erneut die Finanzkrise dienen. Zwischen 2008 und 2009 ging die Zahl der Ausbildungsverträge von 616.000 auf 560.000 zurück. Danach sprang die Konjunktur wieder an, doch die Zahl der Verträge sank weiter – auf 520.000. Und auf diesem Niveau sind sie bis zur Coronakrise geblieben. Trotz jahrelangen und teilweise kräftigen Wirtschaftswachstums hat sich der Ausbildungsmarkt nie erholt. Insofern: Das Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ ist schön und gut, aber wir brauchen grundsätzliche strukturelle Maßnahmen.

Was für Maßnahmen meinen Sie?

Anbuhl: Erstens müssen wir endlich einen echten Ausgleich schaffen zwischen Betrieben, die ausbilden, und denjenigen, die das nicht tun. Ich will es mal so sagen: 100 Prozent der Betriebe profitieren von ausgebildeten Fachkräften, aber nur 20 Prozent stellen sie zur Verfügung. Zweitens müssen wir unsere Anstrengungen erhöhen, um Jugendliche mit Hauptschulabschluss in Ausbildung zu bekommen. Österreich hat eine Ausbildungsgarantie für alle jungen Menschen eingeführt, über Vergleichbares sollten wir auch nachdenken.

Born: Das Kernproblem ist, dass nach der Finanzkrise nie umfassend untersucht wurde, welche Maßnahmen sich bewährt haben und vor allem, welche Fehler künftig vermieden werden sollten. Die letztlich dazu führten, dass die Ausbildungskapazitäten nicht wieder hochgefahren wurden, dass es keinen Aufholeffekt gab. Da ist auch die Wissenschaft Antworten schuldig geblieben. Diese Analyse müssen wir jetzt dringend nachholen.

Welche Ursachen vermuten Sie persönlich?

Born: Ein Fehler, den politisch verantwortliche Institutionen machen: Man schaut sich den Ausbildungsstellenmarkt recht abstrakt an und bewertet ihn rein nach der Verteilungsfrage, ob sich Bewerberzahlen und die zur Verfügung stehenden Lehrstellen halbwegs im Gleichgewicht befinden. Ist das der Fall, gibt man sich zufrieden und verkündet Erfolgsmeldungen. Aber man nimmt dabei nicht in den Blick, dass der Sockel immer kleiner wird. Kurzfristig mag das hinzunehmen sein, aber langfristig wird die Fachkräftelücke so immer größer. Es droht dann sogar eine Dequalifizierung, wenn – Herr Anbuhl hat die Hauptschüler angesprochen – wir viele Jugendliche gar nicht mehr in Ausbildung bringen, wenn wir sie langfristig in einem zweiten oder dritten Arbeitsmarkt parken. Und das alles, während die Betriebe sich nicht mehr mit den nötigen Fachkräften versorgen können. Als Handwerksverband wissen wir, dass unsere Handwerksbetriebe auf ganz vielen Zukunftsfeldern wie der Energiewende oder dem Klimaschutz gebraucht werden. Wenn wir dafür jetzt nicht die nötigen Fachkräfte qualifizieren, dann werden sie fehlen. Dann müssen Kunden mehrere Wochen beispielsweise auf einen Anlagenmechaniker für den Einbau oder die Reparatur einer Heizung warten. Wir müssen also beim Sockel ansetzen und mehr Jugendliche für eine Ausbildung mit Perspektive im Handwerk gewinnen.

Anbuhl: Der Fachkräftemangel betrifft übrigens nicht nur die klassischen dualen Berufe, sondern auch die mit einer schulischen Ausbildung. Pflegekräfte und andere Gesundheitsberufe, Erzieherinnen.

Born: Die Fachkräfte, die wir heute nicht ausbilden, fehlen uns morgen. An dem enormen Bedarf ändert auch Corona nichts. Und der Strukturwandel führt erst recht dazu, dass wir junge Menschen mit neuen beruflichen Qualifikationen brauchen.

Anbuhl: So ist es. Die Digitalisierung ist das beste Beispiel. Sie bietet nicht den einen Technikstandard, der sich eins zu eins auf alle Betriebe übertragen lässt. Zumal die auf dem Markt vorhandene Digitaltechnik je nach Branche eine sehr unterschiedliche Marktreife hat. Im Grunde muss also jedes Unternehmen eigene Lösungen entwickeln, die zu seinen Bedürfnissen passen, und dazu braucht es die gut ausgebildeten Fachkräfte. Das macht die Ausbildungskrise neben der Frage der gesellschaftlichen Teilhabe der Jugendlichen so dramatisch.

Bislang haben Sie viele Warnungen Richtung Politik und Gesellschaft gesendet. Was wünschen Sie, Herr Anbuhl, sich von den Arbeitgebern? Und was fordern Sie, Herr Born, von den Gewerkschaften?

Born: Ich fange mal an. Ich wünsche mir ein starkes Signal, dass der Weg in die berufliche Ausbildung ein Weg in eine sichere Zukunft ist. Die Jugendlichen sind verunsichert, so wie die Betriebe verunsichert sind. Wir beobachten gerade jetzt in der Pandemie, dass noch mehr Schüler nach der zehnten Klasse lieber in die gymnasiale Oberstufe gehen als in eine Ausbildung. Und die Abiturienten entscheiden sich vermehrt für ein Studium. Da müssen wir durch eine entschiedene und zuversichtliche Kommunikation gegensteuern, dass die berufliche Zukunft auch in der beruflichen Ausbildung liegt. Wir müssen mehr die Stärken der beruflichen Ausbildung betonen, wir müssen die vielen positiven Geschichten erzählen. Dass wir das gemeinsam mit den Gewerkschaften machen, das ist ein Wunsch von mir.

Anbuhl: Eine Bemerkung vorweg: Ich bin froh, dass wir im Diskurs zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften heute weiter sind als vor einigen Jahren. Früher war es so, dass wir allein vor den kritischen Entwicklungen auf dem Ausbildungsmarkt gewarnt haben, während die Arbeitgeber entgegneten: Es ist doch alles gut, wir haben nur einen Azubimangel. Jetzt sind wir uns darin einig, dass es Substanzverluste in der beruflichen Bildung gab und dass weitere drohen und dass wir uns damit nicht abfinden dürfen. Trotzdem wünsche ich mir, dass die Arbeitgeber noch stärker auf die Jugendlichen ohne Ausbildung schauen. Solange Betriebe über einen vermeintlichen Mangel an Auszubildenden klagen, es auf der anderen Seite aber vor allen in sozialen Brennpunkten Jugendliche gibt, die nicht einmal die Chance auf einen Praktikumsplatz haben, läuft etwas schief. Ich weiß, dass das Handwerk deutlich mehr Jugendliche mit Hauptschulabschluss ausbildet als zum Beispiel die Industrie oder der Handel. Darum kann ich nur sagen: Nehmt Euch am Handwerk ein Beispiel, sonst driftet unsere Gesellschaft immer weiter auseinander.

Mehr zum Thema

Foto: AdobeStock/WavebreakmediaMicro