07.11.2019

Konjunkturelles Hoch im Handwerk hält an – Aussichten lassen Abkühlung erwarten

ZDH / Boris Trenkel

Statement Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) zum Konjunkturbericht Herbst 2019:

Im Handwerk dauert die konjunkturelle Hochphase derzeit noch an. Die aktuelle Geschäftslage ist weiter hervorragend. Allerdings deuten erste Abkühlungen in einzelnen Gewerken auf eine auch im Handwerk nachlassende Konjunkturdynamik. Die Geschäftsaussichten der Betriebe für den weiteren Jahresverlauf lassen für 2020 eine schwächere Handwerkskonjunktur als in diesem Jahr erwarten - jedoch auf einem im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen immer noch hohen Niveau.

Bis zum Jahresende 2019 ist von einer stabilen Entwicklung der Konjunktur im Handwerk auszugehen. Die Betriebe erwarten mehrheitlich, dass der Geschäftsverlauf zum Jahresende dem des guten 3. Quartals 2019 entspricht, und die hohen Auftragsbestände sorgen für eine anhaltend hohe Auslastung der Kapazitäten. Mit einem Konjunkturtief ist im Handwerk zunächst nicht zu rechnen - ungeachtet der schwächelnden deutschen Wirtschaft insgesamt.

Für das Gesamtjahr 2019 gehen wir weiter von einem Umsatzplus im Handwerk von etwa 4 Prozent aus (1. Halbjahr 2019: + 4,7 Prozent). Auch die Beschäftigung sollte um etwa 40.000 Personen erneut leicht ansteigen. Einem stärkeren Mitarbeiterzuwachs steht entgegen, dass die Suche nach Fachkräften und Auszubildenden für viele Betriebe äußerst schwierig und häufig erfolglos ist.

Der Ausblick für 2020 fällt etwas verhaltener aus und ist mit großen Unsicherheiten behaftet. Die Industriekonjunktur hängt entscheidend vom Außenhandel ab – dieser wird allerdings weiter von Handelsstreitigkeiten und dem Schlingerkurs beim Brexit belastet. Sollten weitere Belastungsfaktoren hinzukommen, würde dann auch die Binnenkonjunktur beeinträchtigt und das Handwerk nicht unberührt lassen.

Sollte die Industrie in den kommenden Monaten jedoch wieder mit moderaten Raten wachsen, sollten die Umsätze im Handwerk 2020 erneut deutlich um 3 Prozent steigen. Auch die Beschäftigungsentwicklung sollte erneut positiv sein.

Zu den Konjunkturparametern im Einzelnen:
Die aktuelle Geschäftslage verbleibt auf Spitzenniveau. 62 % der Betriebsinhaber melden aktuell gute Geschäfte, nur 7% schlechte. Besonders gut läuft es weiter am Bau und beim Ausbau: 97% der Betriebsinhaber dieser Gewerke sprechen von einer guten bis befriedigenden Geschäftslage, wobei das Urteil „gut“ überwiegt und im Bau bei 73% / im Ausbau bei 72% liegt. Hohe Zufriedenheitswerte mit Blick auf die aktuelle Geschäftslage finden sich auch bei den Lebensmittelhandwerken (92% melden gute bis zufriedenstellende Geschäfte) und bei den konsumnahen privaten Dienstleistern (88% gut bis zufriedenstellend). Handwerker für den gewerblichen Bedarf spüren zunehmend die Konjunkturschwäche der Industrie, 88% halten ihre derzeitige Geschäftslage für gut oder befriedigend, im Vorjahresherbst lag dieser Wert noch bei 94%. Auch im Kfz-Bereich wird die Lage verhaltener beurteilt. Mit gut bewerten 42% der Betriebsinhaber und damit weniger als im Vorjahr mit 49% ihre aktuelle Geschäftslage. Zugleich sprechen nunmehr 47% von einem befriedigenden Geschäft (Herbst 2018 waren es 41%).

Auf einem Allzeithoch verbleibt mit 84% die Auslastung der betrieblichen Kapazitäten, besonders hoch liegt sie am Bau mit 90% und im Ausbau mit 89%. In diesen Gewerken bestehen weiterhin kaum noch freie Kapazitäten.

Entsprechend lang sind daher auch weiter die Wartezeiten auf Handwerker. Im Gesamthandwerk dauert es inzwischen im Durchschnitt 9,1 Wochen, bis ein Auftrag erfüllt werden kann. In den Bau- und Ausbauhandwerken müssen die Kunden sogar 13,4 bzw. fast 10,6 Wochen, bei den gewerblichen Zuliefererbetrieben 9,6 Wochen bis zur Auftragsrealisierung warten.

Mit Ausnahme der Kfz-Gewerke, deren Werkstattgeschäft schwach läuft, berichten alle Handwerksgruppen im Herbst 2019 von Umsatzzuwächsen. Wegen höherer Löhne und Lohnzusatzkosten sowie gestiegener Einkaufspreise für Rohstoffe, Material und besonders für Energie bleiben Preiserhöhungen notwendig. 27% der Betriebe melden höhere Absatzpreise.

Die Einstellungsbereitschaft im Handwerk bleibt hoch, allerdings würden die Betriebe noch mehr zusätzliche Stellen schaffen, wenn die dafür benötigten Fachkräfte verfügbar wären. Bei den Personalplanungen zeichnet sich bereits eine erhöhte Vorsicht infolge der gesamtwirtschaftlichen Konjunkturschwäche ab. Wenn Fachkräfte verfügbar sind, wollen die Handwerksbetriebe aber weiter einstellen.

Nur knapp unter dem Allzeithoch vom Herbst 2018 bewegt sich aktuell die Investitionstätigkeit im Handwerk. Per saldo haben alle Handwerksgruppen im dritten Quartal 2019 mehr investiert. Bei ihren Investitionsplanungen jedoch sind beinahe alle Gewerkegruppen vorsichtiger.

Politische Forderungen des Handwerks:
Das Handwerk erweist sich in dieser gesamtwirtschaftlich schwierigen Phase einmal mehr als stabilisierender Wirtschaftsbereich. Doch besteht auch im Handwerk kein Automatismus, dass die Konjunktur „einfach so“ gut weiterläuft. Wenn das Handwerk Stabilitätsanker bleiben soll, muss die Politik für wettbewerbsfähige Bedingungen unserer binnenwirtschaftlich orientierten und personalintensiven Betriebe sorgen. Die Bundesregierung hat es in der Hand, ob sie die Handwerksbetriebe schwächt oder stärkt.

Politik kann einen entscheidenden Beitrag für auch künftig erfolgreiche Betriebe leisten, wenn sie endlich für ein wettbewerbsfähiges Steuersystem, eine bezahlbare Energiepolitik oder eine gute analoge wie digitale Infrastruktur sorgt.

Wir gefährden langfristig die Stabilität des deutschen Wirtschaftsstandortes,

  • wenn nötige Investitionen immer weiter verschoben werden,
  • wenn die Sozialversicherungssysteme nicht endlich so aufgestellt werden, dass sie langfristig finanzierbar sind,
  • wenn nicht das Steuersystem im internationalen Maßstab wieder wettbewerbsfähig ausgestaltet wird,
  • wenn nicht ein flächendeckender Breitbandausbau gelingt,
  • wenn nicht endlich der enorme Rückstand bei der Digitalisierung – etwa beim E-Government - aufgeholt wird,
  • wenn in der Energie- und Klimapolitik nicht endlich davon abgerückt wird, ein Zeitgeist-getriebenes Konglomerat von Einzelmaßnahmen statt eines ineinandergreifenden Gesamtkonzepts vorzulegen.


Was wir stattdessen sehen, sind zusätzliche Sozialabgaben, steuerliche Erschwernisse, mehr arbeitsrechtliche Vorschriften, steigende Energiekosten. Das muss aufhören. Das Gebot der Stunde lautet Entlastung unserer Betriebe und ihrer Beschäftigten – Entlastung bei Steuern, bei Sozialabgaben, bei Bürokratie. Der Staat darf diejenigen nicht über die Maßen belasten, die durch ihre tägliche Arbeit dazu beitragen, die Wirtschaft und die sozialen Sicherungssysteme am Laufen zu halten.

Es kann nicht sein, dass die Bundesregierung in der Steuerpolitik weiter untätig und in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik ungebremst ausgabenfreudig agiert.

Um die deutsche Wirtschaft zu stärken und Beschäftigung, Wohlstand und damit Zukunft nachhaltig zu sichern, muss die Bundesregierung endlich die richtigen Akzente setzen und entsprechend des Dreiklanges aus nötigen Infrastrukturinvestitionen, Innovationsstärkung und Entlastung handeln.

Steuerpolitik:
Sechs der sieben führenden Industrienationen haben ihre Unternehmen in jüngster Zeit steuerlich entlastet – nicht um Geschenke zu verteilen, sondern um deren Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Deutschland gehörte nicht dazu. Dabei ist es längst überfällig, die Besteuerung deutscher Betriebe und Unternehmen international wettbewerbsfähig auszugestalten. Wie das gelingen kann, dazu hat das Handwerk konkrete und verantwortungsbewusste Vorschläge vorgelegt. Ein wichtiger Schritt wäre etwa, einbehaltene Gewinne von Personengesellschaften praxisgerecht zu besteuern und im Sinne von Wettbewerbsgerechtigkeit für diese große Gruppe mittelständischer Unternehmen eine Option einzuführen, als Kapitalgesellschaft besteuert zu werden. Auch ein konkretes Ausstiegszenario aus dem Solidaritätszuschlag für alle Steuerpflichtigen ist aus Sicht des Handwerks unabdingbar.

Sozialabgaben:
Besonders fatal für unsere lohnintensiven Betriebe sind steigende Sozialabgaben. Sie wirken unmittelbar auf deren Wettbewerbsfähigkeit. Die Schmerzgrenze der Belastungen bei den Steuer- und Sozialabgaben ist für die Handwerksbetriebe längst erreicht. Weitere Belastungen darf es nicht geben. Aber statt sich daran zu machen, die Systeme zu reformieren und neu zu strukturieren, denkt die GroKo schon über weitere Leistungsausweitungen etwa durch die Einführung einer Grundrente oder weitere Vorhaben im Pflegesektor nach. Damit muss Schluss sein.

Klimaschutz:
Für das Handwerk ist klar: Wir müssen Wege finden, Ökologie und Ökonomie zusammen zu denken und nicht als Gegensatz zu begreifen. Klima- und Wirtschaftspolitik müssen miteinander verzahnt werden und sozialverträglich umsetzbar bleiben. Klimaschutz und erfolgreiche Betriebsführung müssen in Einklang gebracht werden. Auch im Sinne künftiger Generationen kann Klimaschutz nicht bedeuten, die Wirtschaft zu überfordern und Arbeitsplätze zu riskieren, die gebraucht werden, damit auch die nächste Generation ihr Leben gestalten kann.
Um den C02-Ausstoss zu verringern, ist es aus Sicht des Handwerks entscheidend, auf marktwirtschaftliche Anreizmechanismen und kluge Förderimpulse zu setzen statt auf Ordnungsrecht und Strafsteuern, gerade im Kontext einer CO2-Bepreisung.
Die Bundesregierung hat nun das Klimaschutzpaket beschlossen. Es war richtig, dieses Thema anzugehen, gleichwohl glauben wir, dass es in den kommenden Jahren deutlich und in vielerlei Hinsicht nachgeschärft werden muss. Das Paket umfasst viele Maßnahmen, die eher singulär für sich stehen, als dass sie Teil eines schlüssigen und ineinandergreifenden Gesamtkonzepts wären.
Zudem: Momentan besteht für Betriebe keine Verlässlichkeit bei der Planung von Investitionen in den Klimaschutz. Denn gegenwärtig ist vorgesehen, Maßnahmen möglicherweise jährlich anzupassen, sofern man den Eindruck hat, mit ihnen das angestrebte Ziel nicht erreichen zu können. Ein-Jahres-Horizonte sind aber kein Planungshorizont für Investitionsentscheidungen größeren Umfanges.

Bürokratieabbau:
Die Bundesregierung tritt bei dem Thema auf der Stelle. Viele Ansatzpunkte für Verbesserungen, etwa beim Thema Datensicherheit, für Vorgaben in den Arbeitsabläufen und Dokumentationspflichten oder bei den Sozialabgaben haben wir in die Diskussion eingebracht. Doch die Vorschläge zum dritten Bürokratieentlastungsgesetz blieben mut- und kraftlos. Sie bringen absehbar keine spürbare Entlastung für Handwerksbetriebe. Es ist extrem bedauerlich, dass die aus Sicht des Handwerks positiven Entlastungsvorschläge des BMWi von den anderen Ressorts und damit der Bundesregierung insgesamt nicht unterstützt wurden. Die Bundesregierung verliert mit dem BEG III ein großes Stück ihrer Glaubwürdigkeit, dass sie es ernst meint mit dem Bürokratieabbau.

Mittelstandsstrategie Altmaier:
Die Mittelstandsstrategie von Bundeswirtschaftsminister Altmaier sticht in diesem Kontext positiv heraus. Sie rückt die Belange der kleinen Betriebe endlich stärker in den Fokus. Damit hat er das klare Signal gesendet, den spezifischen Herausforderungen des Mittelstandes stärker Rechnung zu tragen. Aus der Strategie spricht ein Dreiklang aus Wertschätzung, Stärkung und Entlastung. Das ist die richtige Leitschnur für eine erfolgreiche Mittelstandspolitik: Den Mittelstand leistungsfähig zu halten, ist auch der einzig erfolgversprechende Weg zu mehr Wachstum, hoher Wertschöpfung, attraktiven Arbeitsplätzen und zu mehr Wohlstand.
Der von uns lange propagierte und in der Strategie enthaltene generelle Steuer- und Abgabendeckel ist ein richtiger Ansatz, um gerade lohnintensiven Personenunternehmen Luft zum Atmen zu sichern. Genauso richtig finden wir, die Beschränkung sachgrundloser Befristungen auf den Prüfstand zu stellen. Die Vorschläge für die dringend notwendige Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes sowie für eine schnelle verwaltungstechnische Umsetzung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes sind weitere wichtige Bestandteile.
Mit der Stärkung des Meisterbriefes als Teil der Strategie hat Minister Altmaier bereits Wort gehalten. Dass die steuerliche Förderung von Gebäudesanierungen nun Teil des Klimaschutzprogramms geworden ist, auch das geht auf die klare Positionierung von Minister Altmaier bereits in den Eckpunkten seiner Strategie zurück. Wichtig wird für uns weiterhin eine faire Datenökonomie bleiben. Der Mittelstand muss zudem leichter an der Entwicklung von internationalen, europäischen und deutschen Normen und Standards mitwirken können.
Damit die in der Strategie genannten Projekte Realität werden, braucht es aber die Unterstützung der gesamten Bundesregierung.

Fachkräftesicherung:
Der Bedarf an Fachkräften im Handwerk ist weiterhin groß und der Wettbewerb um die Talente wird immer intensiver. Wegen des aktuellen Baubooms sind vom Fachkräftebedarf vor allem die Gewerke betroffen, die schon jetzt besonders stark ausgelastet sind, beispielsweise Dachdecker, Maurer, Installateure, Maler und Fliesenleger. Wir gehen inzwischen von mindestens 250.000 offenen Stellen im Handwerk aus. Deshalb bleibt es für uns ein Dauerthema, wie wir noch mehr junge Menschen für einen Beruf im Handwerk begeistern können – zumal vor dem Hintergrund, dass wir heute rund 130.000 Schulabgänger weniger als noch vor 10 Jahren haben und sich zudem fast 60 Prozent der jungen Leute für Abi und Studium entscheiden. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Ausbildungslage im Handwerk: Ende September waren bundesweit noch knapp 22.000 Ausbildungsplätze im Handwerk unbesetzt.
Wir müssen also weiter dran bleiben und informieren: über die tollen beruflichen Möglichkeiten im Handwerk, über die verbesserten Fördermöglichkeiten im Zuge des novellierten AFBG, über die guten Gehaltsperspektiven mit der Meisterqualifikation und dem eigenen Betrieb, über die Möglichkeiten, sich im Handwerk zu verwirklichen. Aber auch über die Angebote der Höheren Berufsbildung, wie dem BerufsAbitur und dem dualen und trialen Studium. Belastungen für die die Berufsbildung tragenden Akteure, wie sie mit dem BBiG einhergehen, wirken kontraproduktiv.

Einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung wird auch die Wiedereinführung der Meisterpflicht leisten. Dass es jetzt Anfang 2020 voraussichtlich in 12 Gewerken dazu kommen wird, werten wir als starkes Signal der Politik für Qualität und Qualifizierung im Handwerk. Nach den Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre sind wir überzeugt, dass die Kunden sich in den ausgewählten Gewerken wieder auf Qualitätshandwerk, hochwertige Produkte und Dienstleistungen verlassen können. Der für das Handwerk so typische Wissenstransfer von einer Generation an die nächste wird in diesen Gewerken wieder in Gang gebracht. Mit mehr nachhaltigen Betrieben und mehr Meistern erwarten wir auch wieder mehr Ausbildung und damit eine Verbesserung der Fachkräftesituation in den Gewerken.

Fazit:
Das Handwerk sieht die Regierung am Zug, endlich von Gegenwartsverwaltung auf nachhaltige Zukunftsgestaltung umzuschalten. Die Bundesregierung muss abrücken von ihrer sozialpolitisch dominierten Umverteilungspolitik und sich wieder stärker auf Wirtschaftspolitik und Wettbewerbsstärkung fokussieren.

Den gesamten Konjunkturbericht 2/2019 finden Sie an dieser Stelle.