Aufgeben war und ist keine Option
Foto: ZDH/Henning Schacht
Und dann änderte sich alles
Eine historische Rede von Helmut Kohl in Dresden hielt den heutigen Handwerkspräsidenten Jörg Dittrich davon ab, seine Heimat zu verlassen. Und lehrte ihn: Aufgeben ist keine Option.
Ich stand in Dresden, auf dem Platz vor der Ruine der Frauenkirche, und mir kamen die Tränen. Der Moment war überwältigend. Obwohl ich damals, am 19. Dezember 1989, erst 20 Jahre alt war, erkannte ich sofort, welch massive Veränderungen dieser Moment bringen sollte. Gemeinsam mit meinen Eltern war ich gekommen, um die Rede des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl zu hören, der zum ersten Mal in Ostdeutschland auftrat. Ein Satz, der bis dahin unvorstellbar war, ließ mich aufhorchen: “Mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit unserer Nation.”
Dieser Moment, dieser Satz, prägte mein Leben.
Bis zu diesem Zeitpunkt war von einer Wiedervereinigung oder einer Währungsunion noch keine Rede gewesen. Auf dem Heimweg und den Rest des Abends diskutierten wir: Sollte das wirklich möglich sein?
Noch zwölf Wochen vorher waren die Grenzen geschlossen gewesen. Auch nach dem Mauerfall ging ich weiterhin zu den Montagsdemos. Nur dass wir nach der Maueröffnung dort riefen “Wir sind ein Volk” – und nicht mehr “Wir sind das Volk”.
Häufig hatte ich mir in den vergangenen Monaten Sorgen darüber gemacht, ob ich aus Mangel an Alternativen meine Heimat bald verlassen müsste. Die Lage war desolat. Ostdeutschland war bankrott, die Betriebe waren nicht wettbewerbsfähig. Die Ressourcen wurden immer knapper. Mal gab es keinen Diesel für die Landwirtschaft, mal keine Butter. Ich arbeitete schon damals in unserem Familienunternehmen, einem Dachdeckerbetrieb. Die Häuser, die wir deckten, waren so verfallen, dass wir ständig einzubrechen drohten. Kohls Rede gab mir Hoffnung.
Im Rückblick nannten wir diese Zeit “die Wende”, die den Alltag umkrempelte: Es gab plötzlich eine Umsatzsteuer, und es galten westdeutsche Gesetze, die ich nicht kannte. Für mich war diese Zeit so, als müsste ich plötzlich permanent Französisch sprechen.
So anstrengend dieser Übergang auch war, so bezaubernd war er. Aus diesem schicksalhaften Moment habe ich gelernt: Wunder sind möglich, die Hoffnung aufgeben keine Option.
Jörg Dittrich ist Familienunternehmer und Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks
Geboren: 1. August 1969 in Dresden
Ausbildung: Dachdeckerlehre im Familienbetrieb
Studium: Ingenieurwesen für Hochbau FH Zittau
Ehrenamt: Honorarkonsul von Ungarn in Sachsen