Zentralverband des
Deutschen Handwerks
04.03.2026

Handwerksleistungen bezahlbar halten

Strukturreformen müssen zu geringeren Lohnzusatzkosten und weniger Bürokratie führen, damit Handwerksleistungen bezahlbar bleiben, so ZDH-Präsident Jörg Dittrich zu Christian Grimm von der Augsburger Allgemeinen zum Start von ZUKUNFT HANDWERK und IHM.
Jörg Dittrich

Das Interview ist zuerst in der Augsburger Allgemeine erschienen.

Herr Dittrich, in der Arbeitswelt reden alle über Künstliche Intelligenz. Das wird auch auf der Internationalen Handwerksmesse in München großes Thema sein, die diesen Mittwoch in München startet. Im Handwerk arbeiten Menschen mit ihren Händen. Wann backt KI das erste Brot oder baut eine Heizung ein?

Richtig, im Handwerk arbeiten Menschen viel mit ihren Händen und leben von diesem handwerklichen Können. Aber natürlich hat der technologische Fortschritt auch immer Einfluss auf das Handwerk. Viele Betriebe setzen bereits Künstliche Intelligenz ein. Anders als in vielen anderen Branchen wird dies aber nicht als Bedrohung wahrgenommen. KI und Robotik ergänzen unsere Arbeit, ersetzen sie aber nicht gänzlich. Es überwiegt eher die Neugier, was kann man damit tun? Wie kann man körperlich anstrengende oder monotone Arbeit verdrängen. Ich hoffe, dass schon bald die ersten menschenähnlichen Roboter auf Baustellenoder in Werkstätten eingesetzt werden. Die können dann vermutlich nicht so filigrane handwerkliche Tätigkeiten übernehmen wie etwa eine schwer zugängliche Überwurfmutter hinter der Wand aufschrauben. Aber sie könnten die Werkzeugkiste tragen, Material schleppen oder körperlich belastende Tätigkeiten unterstützen. Das wäre ganz bestimmt gut für die Knochen der Beschäftigten und würde sie spürbar entlasten und ihre Gesundheit schützen. Das sind doch gute Aussichten, zumal wir ja wissen, dass in den nächsten Jahren Millionen Menschen in Rente gehen werden, während weniger junge Fachkräfte nachrücken. Vor diesem Hintergrund können KI und Technologie helfen, Produktivität zu sichern und zu steigern. Das sind gute Perspektiven, und deswegen freuen wir uns auf die Zukunft im Handwerk. 

Derzeit verlieren zehntausende Beschäftigte ihre Stellen in der Industrie. Können Sie im Handwerk Arbeitsplätze finden?

In der Vergangenheit hat ein Wechsel aus der Industrie ins Handwerk häufig nicht funktioniert, weil die Löhne in der Industrie viel höher oder die Tätigkeiten nicht vergleichbar waren. Doch bei den Löhnen hat sich im Handwerk in den vergangenen Jahren viel getan, sie sind spürbar gestiegen: Da stehen wir jetzt besser da. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass mittlerweile über die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger überzeugt ist, dass man im Handwerk gutes Geld verdienen kann. Es gibt Perspektiven für Beschäftigte aus der Industrie, wenn sie in unsere Betriebe wechseln wollen.

Das Handwerk könnte zusätzliche Leute gut gebrauchen…

Die Fachkräftesicherung ist ohne Frage ein Riesenthema. Doch da sind noch einige weitere Themen, die die Handwerksbetriebe stark belasten und viele Betriebsinhaberinnen und Unternehmer wirklich frustrieren. Ganz vorne zu nennen ist die überbordende Bürokratie. Schon seit sehr Langem kritisieren wir das, doch statt besser ist es nachweislich in den vergangenen Jahren noch schlimmer geworden. Das andere sind die stetig steigenden Lohnzusatzkosten für Rente, Krankenkasse, Arbeitslosenversicherung und Pflege. Wissen Sie, was ein Dachdecker verdient?

Nein, aber Sie mit Sicherheit…

Ich nehme den Dachdecker, weil es mein Bereich ist, aber das Beispiel ist übertragbar. Sagen wir, ein Dachdecker verdient 20 Euro die Stunde brutto. Viele Betriebe zahlen mehr, aber nehmen wir die 20 Euro, um einfacher zu rechnen. Netto hat der Dachdecker zwischen 14 und 15 Euro raus. Aber wissen Sie, was der Kunde für diese Stunde zahlen muss?  

Nein auch nicht…

Mit Lohnzusatzkosten, Steuern, Berufsgenossenschaft und dem Ertrag, den jeder Betrieb machen muss, und darauf noch die Mehrwertsteuer kommen wir auf 75 Euro. 15 Euro Nettolohn und 75 Euro Stundenverrechnungssatz: Daran sehen Sie das ganze Ungleichgewicht. Ein Dachdecker muss inzwischen 5 Stunden arbeiten, um sich eine Stunde seiner eigenen Arbeit leisten zu können. Das Verhältnis ist nicht stimmig, und es ist in den letzten Jahrzehnten weiter auseinandergegangen. 

Bundeskanzler Friedrich Merz hat im Wahlkampf vor einem Jahr verspochen, die Wirtschaft wieder in Gang zu setzen. Ist bei den Handwerksbetrieben davon schon etwas angekommen?

Bundeskanzler Merz und seine Bundesregierung haben tatsächlich einiges angeschoben, wie zum Beispiel den sogenannten Investitionsbooster, den Bauturbo, die Modernisierungsagenda. Das erkennen wir ausdrücklich an. Aber reicht das? Nein. Deutschland wird dieses Jahr zwar wieder wachsen, in geringem Umfang, aber dieses Wachstum beruht auf Schulden und einigen zusätzlichen Arbeitstagen, weil Feiertage auf das Wochenende fallen. Das ist kein selbsttragender Aufschwung. Und aus den Betrieben hören wir, dass die Entlastungen nicht zu spüren sind. Hinzu kommt die Verunsicherung darüber, wie es in vielen Bereichen weitergehen wird. Die Folge ist Zurückhaltung bei Investitionen. Die Regierung muss jetzt strukturelle Änderungen auf den Weg bringen. Sie muss es beispielsweise schaffen, dass die Sozialabgaben für Rente, Pflege, Arbeitslosigkeit und Krankenkasse wieder auf die jahrelang geltende rote Linie von maximal 40 Prozent zurückgehen, besser noch daruntergehen. Derzeit sind wir bei knapp 43 Prozent, Tendenz weiter steigend. Das trifft das lohnintensive Handwerk besonders stark, weil die Beiträge zu den Sozialversicherungen auf den Lohn erhoben werden. Und da bin ich wieder bei meinem Beispiel von eben, weshalb Arbeit in Deutschland so teuer ist. Deshalb gehört zu den Kernerwartungen des Handwerks an die schwarz-rote Regierung: Die Lohnzusatzkosten dürfen keinesfalls weiter steigen. Die Bürokratie muss noch viel massiver als bislang zurückgeschnitten werden. Diese Kernerwartungen werden wir dem Kanzler auf der Messe erneut mitgeben, wenn er zum Spitzengespräch mit den vier Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft kommt. 

Sie klingen nicht zufrieden mit der Leistung der Koalition…

Ich sagte ja, es reicht nicht. Das belegen auch alle aktuellen Daten zum Arbeitsmarkt, zur Investitionstätigkeit, zu Betriebsschließungen. Die gesetzliche Krankenversicherung verzeichnet erneut 12 Milliarden Euro Defizit, die Pflegeversicherung 5 Milliarden, bei Städten und Gemeinden lag es im vergangenen Jahr bei rund 25 Milliarden und die Tendenz geht in Richtung 35 Milliarden jährlich. Das sind unfassbare Summen. Angesichts dieser Dimensionen sind die bisherigen Schritte nicht ausreichend. Die Regierung verliert sich zu sehr im Detail und in Debatten über Einzelthemen.

Als wir das letzte Mal gesprochen haben, war Robert Habeck von den Grünen der zuständige Wirtschaftsminister. Sie hatten ihm seinerzeit eine fertig ausgearbeitete Liste mit Vorschlägen zum Bürokratieabbau vorgelegt. Sie umfasste zehn konkrete Titel, wenn ich mich richtig entsinne. Welche Vorschläge sind Wirklichkeit geworden?

Jeder Verband konnte damals maximal zehn Vorschläge einreichen. Das haben wir als Handwerk selbstverständlich genutzt und zehn Vorschläge vorgelegt, auch wenn wir in den Jahren zuvor bereits viele weitere Anregungen an die Politik herangetragen hatten. Insgesamt kamen von den beteiligten Wirtschaftsverbänden somit rund 400 Vorschläge zusammen. Nach meinem Kenntnisstand sind davon elf umgesetzt worden.

Elf?

Es liegt in dieser Größenordnung, nageln Sie mich jetzt nicht auf die genaue Zahl fest. Robert Habeck möchte ich an dieser Stelle und bei diesem Punkt allerdings ausdrücklich in Schutz nehmen. Er hat durchaus einiges angestoßen, obwohl sein Ministerium dafür nur begrenzte Zuständigkeiten hatte, und die Vorschläge lediglich wenige Themen betrafen, die in sein Ressort fielen. Auf seine damalige Initiative hin sind die Praxischecks auch in der neuen Koalition etabliert und im Koalitionsvertrag vereinbart. Das bedeutet, dass jetzt bei der Gesetzgebung immer darauf geschaut werden soll, welche Auswirkungen die Regelungen auf die wirtschaftliche Praxis haben.  

Wie fühlen sich Ihre Betriebe von der jetzigen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche von der CDU vertreten?

Frau Reiche kümmert sich darum, dass die Energiewende neu aufgesetzt wird. Das ist richtig und notwendig und betrifft uns ja auch. Die Mittelstandsbeauftragte Gitta Connemann engagiert sich sehr nachdrücklich für die Anliegen kleiner und mittlerer Betriebe und Unternehmen.

Wo könnte Sie denn loslegen?

Ich nenne Ihnen drei Beispiele aus dem Bäckerhandwerk, weil ich vergangenes Jahr Brotbotschafter war. In den Backstuben müssen die Bäcker die Temperatur der Kühlung prüfen und per Hand in Listen eintragen. Das ist heutzutage aber überflüssig, weil die Kühlschränke piepen, wenn die Kühlung nicht mehr richtig arbeitet. Oder nehmen Sie die Regularien für kleine Kunststofftüten, die die Bäcker für Kekse brauchen, die sie verkaufen. Je nachdem, ob sie 100-Gramm-Tüten verwenden oder 500-Gramm-Tüten, wird eine unterschiedlich hohe Abgabe fällig für das Recyclingsystem. Ist das nicht völlig übertrieben? 

Das klingt sehr nach Deutschland…

Es geht noch weiter. Bäckereien profitieren zwar grundsätzlich vom vergünstigten Strompreis. So weit, so gut. Kompliziert wird es, wenn die Bäckerei zusätzlich noch ein Cafè betreibt, für das es jedoch keine Ermäßigung gibt. Steuerberater müssen dann aufwendig den Schwerpunkt der wirtschaftlichen Tätigkeit ermitteln, damit feststeht, ob der Bäcker überhaupt eine Entlastung beantragen kann. Für die Entlastung gilt also: Ganz oder gar nicht.

Glauben Sie noch Politikern, die Bürokratieabbau versprechen?

Das fällt schwer. Und in vielen Betrieben und Unternehmen, die ich besucht habe, ist dieser Glaube verlorengegangen. Auch, weil ja immer wieder zusätzliche neue Bürokratielasten oben draufkommen, wie beispielsweise jetzt ganz aktuell durch das vergangene Woche im Bundestag verabschiedete Tariftreuegesetz. Bei öffentlichen Ausschreibungen müssen Betriebe nachweisen, dass sie Tarif zahlen oder ähnlich gute Bedingungen bieten, wie Unternehmen mit Tarifverträgen. Das wird ganz viel zusätzlichen Aufwand für Betriebe mit sich bringen. Und ich bezweifele, dass das der Hebel ist, um die Tarifbindung zu erhöhen oder die Wirtschaft anzukurbeln. 

Die eben angesprochene Staatssekretärin Connemann sorgte jüngst für Wirbel, weil sie den Deutschen vorwarf, wegen des guten Lebens zu viel in Teilzeit zu arbeiten. Sind die Beschäftigten zu satt und faul?

Im Handwerk ist das kein Thema, Teilzeit gehört selbstverständlich dazu. Jeder weiß doch, dass Beschäftigte mit Kindern auch an Öffnungszeiten von Kita und Schule gebunden sind. Diese Art von Debatte soll vielleicht auch von den nötigen Veränderungen ablenken. Pauschale Vorwürfe bringen uns nicht weiter. Aber bewegen müssen wir uns alle.

Herr Dittrich, haben Sie seit der Zeit als Brotbotschafter eine neue Lieblingssorte?

Ich habe Bäckereien im ganzen Land besucht und war sehr beeindruckt von der Vielfalt, der Tradition und den regionalen Spezialitäten: Das ist wirklich ein ganz großer Schatz. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Bäckerei in Weinheim, die ein saisonales Maronenbrot herstellt: köstlich! Ich habe auch einen praktischen Tipp gelernt: Legt man Brot vor dem Verzehr noch einmal für drei Minuten bei 220 Grad in den Backofen, wird die Kruste wieder herrlich knusprig, fast wie frisch gebacken.

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