Ausbleibende Reformen treiben Kosten im Handwerk
Foto: ZDH/Henning Schacht
Herr Dittrich, wird Deutschland eigentlich gerade wieder zum Land der Heimwerker? Handwerkerleistungen sind so teuer geworden, dass viele sich selbst an der Renovierung versuchen oder sich die Haare lieber von der Bekannten schneiden lassen…
Nein, ich sehe eher die Gefahr, dass uns ein Wiedererstarken der Schwarzarbeit droht. Wenn reguläre Handwerksleistungen für viele Kundinnen und Kunden kaum noch bezahlbar sind, wächst der Anreiz, auf Schwarzarbeit auszuweichen. Das führt zu Marktverwerfungen, die sich nicht allein durch deutlich mehr Kontrollen beheben lassen. Entscheidender ist, dass die Anreize für Schwarzarbeit wieder schwächer werden. Schwarzarbeit nimmt zu, weil die Rahmenbedingungen für ehrliche Betriebe schlecht sind.
Welche Anreize meinen Sie?
Eine Handwerksleistung darf nicht durch die Rahmenbedingungen so teuer werden, dass es sich lohnt, auf Handwerksleistungen in der Schwarzarbeit auszuweichen. Fakt ist, dass ein Handwerker heute mehr als sechs Stunden arbeiten muss, um eine Stunde Dienstleistung seines eigenen Betriebes bezahlen zu können. Das waren in den 60er, 70er Jahren mal rund dreieinhalb Stunden. Solange Lohnzusatzkosten, Steuern und Abgaben auf dem derzeit hohen Niveau verharren, lässt sich diese Schere auch nicht einfach über Lohnerhöhungen oder einen höheren Mindestlohn schließen.
Die neue Bundesregierung hat Sonderschulden in Rekordhöhe gemacht, Investionsanreize gesetzt und sie subventioniert die Stromkosten. Trotzdem klagen die Wirtschaftsverbände, auch Sie, weiter auf hohem Niveau. Ist das noch angebracht?
Die Dringlichkeit ist aus meiner Sicht sogar noch größer geworden! Das derzeitige Wirtschaftswachstum beruht fast ausschließlich auf den gemachten Schulden. Das ist kein sich selbst tragender Aufschwung. Tempo und Wirksamkeit der bisherigen Reformen reichen offensichtlich nicht aus, um der Wirtschaft nachhaltig mehr Dynamik zu geben. Und da erkenne ich ausdrücklich an, dass die Koalition mit dem Bauturbo, mit deutlich verbesserten Investitionsabschreibungen und der Modernisierungsagenda bereits wichtige Schritte gemacht hat. Aber sämtliche aktuelle Daten zu Investitionen, Arbeitsmarkt und Insolvenzen belegen, dass trotzdem noch mehr passieren muss. Wir sind weiter nicht auf einem Wachstumspfad. Und wenn wir ihn nicht erreichen, wird es immer schwieriger, Wohlstand und Sozialsysteme zu sichern. Deswegen braucht es weitere und deutlichere Veränderungen und Reformen. Das wird kein Kuschelkurs.
73 Prozent der Handwerksbetriebe blicken optimistisch auf 2026. So schlimm kann die Lage also nicht sein…
Der demografische Wandel nimmt Kapazitäten aus dem Markt, und viele Handwerksbetriebe sorgen sehr bewusst selbst dafür, gut durch diese Zeit zu kommen. Aber die eigentliche Zukunftsstimmung lese ich eher aus Wahlumfragen und aus Gesprächen heraus, in denen viel Frustration zum Ausdruck kommt. Tausende Betriebe, die inzwischen still schließen, tauchen in solchen Umfragen nicht mehr auf, weil es sie schlicht nicht mehr gibt. Auch das Handwerk hat Betriebe und mehrere Tausend Beschäftigte verloren.
Sie mahnen seit drei Jahren “Strukturreformen” an, aber jeder, der sich mit einem konkreten Vorschlag aus der Deckung wagt, erfährt so viel Gegenwind, dass er gleich wieder aufgibt. Gerade erst der Wirtschaftsflügel der Union beim Thema Teilzeit oder Zahnbehandlungen…
Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass es einfach ist, Strukturreformen zu wagen. Dafür braucht man Mehrheiten, und die sind offensichtlich noch nicht vorhanden. Unternehmer wie selbstständige Handwerksmeister sind eine Minderheit. Die Mehrheit sagt zwar: Es muss sich was ändern, aber bitte nicht bei mir. So wird billigend in Kauf genommen, dass am Ende gar nichts passiert. Gleichzeitig sehen wir, dass die Finanzierbarkeit unseres Gemeinwesens zunehmend gefährdet ist und massive Verteilungskämpfe auf uns zukommen.
Trauen Sie der schwarz-roten Koalition zu, dass Sie gegen diesen Gegenwind einschneidende Reformen verabschiedet?
Ich frage mich: Wo ist der Plan dieser Koalition? Es wird gehofft, dass die Wirtschaft anspringt. Aber ich habe bislang keine Berechnung gesehen, die aufzeigt, welche Maßnahme welches Wirtschaftswachstum erzeugen soll, und wie dadurch Sozialsicherungssysteme und Investitionen wieder finanzierbar werden. Die Defizite steigen weiter, vor allem in den sozialen Sicherungssystemen. Können wir uns wirklich einfach in diese Situation ergeben? Das würde das Gefühl verstärken, dass unsere Demokratie die vor uns liegenden Herausforderungen nicht mehr bewältigen kann.
Also trauen Sie es der Bundesregierung nicht mehr zu?
Schwierige Vorhaben müssen eigentlich gleich zu Beginn einer Legislaturperiode angegangen werden. Dass irgendwo im Land gerade eine Landtagswahl ansteht, kann nicht ständig als Ausrede dienen, untätig zu bleiben. Die Zeitfenster im politischen Legislativzyklus müssen genutzt werden, bevor sie sich ganz schließen, weil dann auch schon die nächste Bundestagswahl wieder in Sichtweite kommt. Wir haben keine guten Zeiten mehr. Es geht uns schlechter, als wir es momentan im Alltag spüren. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird der Aufprall umso härter werden.
Dann werden Sie doch auch mal konkret: Was halten Sie von der Forderung von Friedrich Merz, das Arbeitszeitgesetz zu flexibilisieren?
Er hat recht. Wir brauchen mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten. Die im Koalitionsvertrag vereinbarte Umwandlung der täglichen in eine wöchentliche Höchstarbeitszeit muss kommen. Das wäre ein Fortschritt, und würde Betrieben wie Beschäftigten helfen, Arbeit flexibler gestalten zu können, sei es für Kinderbetreuung oder Pflege, oder um in Stoßzeiten länger arbeiten zu können, wenn dies auch die Mitarbeiter wollen. Wir brauchen diese Freiheit im Betrieb.
Könnte sich auch das Handwerk mehr bei der betrieblichen Altersvorsorge engagieren, wenn die gesetzliche Rente nur noch “ein Baustein” sein soll?
Wir werden keine Fachkräfte finden, wenn wir im Handwerk keine auskömmliche Rente in Aussicht stellen können. Deshalb sollten wir prüfen, ob ein weiterer Ausbau der betrieblichen Altersvorsorge, die aber für die Betriebe freiwillig bleiben muss, ein geeigneter Weg ist. Gleichzeitig muss die Leistung des Handwerks bezahlbar bleiben. Weitere Preissteigerungen, um eine betriebliche Altersvorsorge zu finanzieren, können wir uns nicht leisten.
Wird auch im Handwerk zu wenig gearbeitet, wie es Friedrich Merz für Deutschland insgesamt feststellt?
Es muss insgesamt wieder mehr Schwung in unsere Wirtschaft kommen. Geldverdienen sollte Freude machen und sich vor allem auch wieder lohnen. Momentan sagen mir Leistungsträger in meinem Betrieb, dass das nicht der Fall ist, ihnen zu wenig im Portemonnaie bleibt. Viele Firmeninhaber haben nicht mehr die finanziellen Spielräume für große Investitionen. Die investieren nur noch in Ersatzbeschaffungen, Innovationsinvestitionen bleiben auf der Strecke. Das hemmt Wachstum und bremst die Wirtschaftsdynamik, die unser Land braucht.
Wäre es dem Handwerk eigentlich ganz recht, das Heizungsgesetz bliebe so wie es ist statt der Hängepartie, die es jetzt gibt?
Die aktuelle Unsicherheit ist das Schlimmste, sie bremst Investitionen. Und klar ist für uns: Das Gebäudeenergiegesetz muss gemeinsam mit der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) bis 2026 umgesetzt werden. Entscheidend ist, dass es eine verlässliche Zeitschiene gibt, transparent kommuniziert wird und vor allem, dass die Betriebe frühzeitig eingebunden werden. Zudem braucht es günstigeren Strom, um neue Technologien wirtschaftlich zu machen. Eine Stromsteuersenkung für alle wäre eine wirksame Konjunkturspritze. Bei einem kompletten Förderstopp bei Wärmepumpen würden hingegen Investitionen ausbleiben.