20.01.2020

"Zu viele verlassen das Handwerk"

Foto: ZDH/Boris Trenkel

Berufsschulen brauchen mehr Geld, fordert ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer. Ein Gespräch mit Alfons Frese vom "Tagesspiegel" über die Rückkehr zur Meisterpflicht und den Fachkräftemangel im Handwerk.

Herr Wollseifer, was bringt die Wiedereinführung der Meisterpflicht?
Wollseifer: Es wird mehr Meister geben und dann auch wieder mehr Ausbildung im Handwerk. Meister sind es, die für genug Fachkräfte mit handwerklichem Können und Wissen sorgen. In ein paar Jahren sollten wir dann wieder deutlich mehr Fachkräfte als heute haben.
 
Gibt es seit 2004, als der Meisterzwang für 53 Berufe abgeschafft wurde, weniger Azubis und Fachkräfte?
Wollseifer: Aber ja. Nehmen wir die Fliesenleger: In diesem Gewerk hat sich die Zahl der Betriebe nach 2004 nahezu verfünffacht, weil man nichts mehr können musste, um als Fliesenleger am Markt aufzutreten. Jeder, der wollte, konnte also ohne irgendeine Qualifikation loslegen. Irgendwann hatten wir um die 70 000 Fliesenlegerbetriebe, viele Ein-Mann-Betriebe. Doch nur ein Bruchteil bildete aus. Als Ein-Mann-Betriebe haben sie in der Regel gar kein Interesse, auszubilden und damit die soziale Verantwortung für die Qualifikation der nachfolgenden Generation zu übernehmen. Und in den allermeisten Fällen auch gar nicht die fachlichen Voraussetzungen dafür.
 
Mit der Wiedereinführung des Meisterzwangs wird es also weniger Betriebe geben?
Wollseifer: Nein, denn bestehende Betriebe haben Bestandsschutz, bleiben also am Markt. Es hat sich jedoch gezeigt, dass Betriebe ohne Meister, darunter viele Soloselbstständige, häufig vor Ende der Gewährleistungspflicht von fünf Jahren schon wieder vom Markt verschwunden sind. Deshalb waren wohl auch keine Einwände von Verbraucherschützern gegen die Wiedereinführung der Meisterpflicht zu hören.
 
Anders als von Ordnungspolitikern. Der Chef der Monopolkommission rechnet mit höheren Preisen und noch längeren Wartezeiten, bis der Handwerker auftaucht.
Wollseifer: Es ist genau umgekehrt. Wenn künftig wieder mehr die Meisterprüfung machen, dann haben wir auch wieder mehr Ausbilder. Damit ist dann auch wieder mehr Ausbildung möglich und in der Folge gibt es mehr Fachkräfte, die eingesetzt werden können. Da sollten sich dann eigentlich nach Adam Riese die Wartezeiten verkürzen. Und - das ist mir sehr wichtig - mit der Meisterpflicht wird die Wertigkeit berufspraktischer Ausbildung und Tätigkeiten explizit anerkannt. Das macht handwerkliche Berufe wieder attraktiver. Denn wie soll ich junge Leute für das Handwerk motivieren, wenn der Abschluss nichts wert ist? Warum sollen die eine Ausbildung und eine Meisterprüfung machen, wenn ich für die Ausübung eines Berufs nichts können muss?
 
2019 konnten rund 17 000 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden. Wäre das anders gewesen, wenn es überall eine Meisterpflicht gebe?
Wollseifer: Davon bin ich überzeugt.
 
Warum wird die Meisterpflicht dann nur in zwölf von 53 Berufen eingeführt?
Wollseifer: Das Ganze muss verfassungsfest sein und mit Europarecht in Einklang stehen. Folgende Kriterien wurden angewendet: Gefahren- und Verbraucherschutz sowie der Kulturgüterschutz. Zum Beispiel ist der Orgelbauer dabei. Der Beruf ist komplex und teilweise gefährlich, weil auch mit Blei gearbeitet wird.
 
Und wer fehlt Ihnen besonders?
Wollseifer: Mir fallen da viele ein: Musikinstrumentenhersteller, Buchbinder, Gold- und Silberschmiede, Bestatter und andere mehr. Es war letztlich eine politische Entscheidung, wer dazu gehört und wer nicht. Alles in allem haben wir aber mit den zwölf Berufen ein Stück Handwerksgeschichte geschrieben, weil unsere Argumente die allermeisten Politiker überzeugt haben.
 
Fällt die Rückkehr zur Meisterpflicht in den Trend zur Re-Regulierung?
Wollseifer: Nein, das glaube ich nicht.
 
Aber die Politik hat 2019 eine Mindestausbildungsvergütung beschlossen.
Wollseifer: Wenn sich der Staat in die Tarifpolitik der Sozialpartner einmischt, halten wir das grundsätzlich für nicht richtig. Jede politische Partei will dann die andere übertrumpfen.
 
Wenn es in vielen Branchen und Regionen keine Tarife gibt, füllt irgendwann der Staat die Lücke.
Wollseifer: Wir sind Anhänger von Tarifen und streiten deshalb für den Abschluss von Tarifverträgen durch Arbeitgeberverbände. Leider verlieren sowohl die Gewerkschaften als auch die Arbeitgeberorganisationen Mitglieder. Anstatt nach dem Staat zu rufen, sollten sich die Sozialpartner zusammensetzen und Lösungen finden.
 
Der Bundesminister für Arbeit entwirft gerade ein bundesweites Vergabegesetz: nur Firmen, die nach Tarif zahlen, sollten öffentliche Aufträge bekommen.
Wollseifer: Hoffentlich dann ohne vergabefremde Kriterien wie etwa Frauenquoten für Handwerksbetriebe. Eine solche Quote in einem Straßenbaubetrieb ist Quatsch, um nur ein Beispiel zu nennen. Und um es klar zu sagen: Wir sind doch nicht gegen Tariftreue, ganz im Gegenteil.
 
Gute Tarife könnten hilfreich sein, wenn es um Attraktivität für den Nachwuchs geht. Warum sind 2019 zum ersten Mal seit fünf Jahren die Azubizahlen gesunken?
Wollseifer: Weil sich an der grundsätzlich schwierigen Lage, junge Menschen für eine berufliche Ausbildung zu gewinnen, seit Jahren nichts geändert hat: Wegen der demografischen Entwicklung gibt es weniger Schulabgänger und der Trend hin zu Abitur und Studium hält ungebrochen an. Dass entgegen dieser Trends in den vergangenen Jahren die Azubizahlen gestiegen sind, dazu haben Flüchtlinge beigetragen. Von den rund 365 000 Azubis im Handwerk sind derzeit rund 20 000 geflüchtete Menschen. Damit lernt gut die Hälfte aller Azubis, die als Geflüchtete nach Deutschland kamen, bei uns im Handwerk einen neuen Beruf. Das ist mehr als in anderen Wirtschaftsbereichen. Die Flüchtlingszahlen gehen jetzt aber langsam zurück. Da kommen Demografie und unsere Bildungsvorstellungen wieder zum Tragen. 2019 dürfte die Azubizahl daher gesunken sein.
 
Und was tut das Handwerk dagegen?
Wollseifer: Sehr viel: Wir haben unsere Imagekampagne und setzen junge Ausbildungsbotschafter in den Schulen ein. Wir machen Azubi-Speeddatings und veranstalten Ausbildungsbörsen speziell für Migranten und holen die Communities an den Tisch, da ist das türkische Generalkonsulat dabei, griechische oder russische Institutionen und Multiplikatoren. Für alle möglichen Gruppen gibt es Ausbildungsberater in den Handwerkskammern, und wir kümmern uns besonders um die fünf Prozent, die eine Ausbildung machen, ohne einen Schulabschluss zu haben. Allein: Das reicht alles leider nicht aus, um genügend Nachwuchs für unsere über 130 Ausbildungsberufe zu bekommen.
 
Sie fordern eine „Bildungsumkehr“: Weniger Leute in die Unis, mehr in die Betriebe. Wie soll das funktionieren?
Wollseifer: Ganz entscheidend wird sein, dass sich bei Eltern, Lehrern und allgemein in der Gesellschaft die Vorstellung vom allein selig machenden akademischen Weg wandelt. Die hohe Zahl an Studienabbrüchen spricht doch eine eindeutige Sprache, dass das nicht so ist. Der Einstellungswandel ist das eine, um den Stellenwert der beruflichen Ausbildung wieder zu erhöhen. Das andere ist die notwendige finanzielle Unterstützung für die berufliche Ausbildung. Was das Finanzielle angeht, sind wir noch weit entfernt von Bildungsgleichwertigkeit. Ohne mehr Geld für die Berufsschulen und Berufsausbildungszentren des Handwerks wird es nicht gehen.
 
Der Staat übernimmt doch inzwischen einen Großteil der Meisterausbildung, oder?
Wollseifer: In die Fortbildungsförderung fließen jetzt 350 Millionen Euro über das „Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz“. Bei bestandener Meisterprüfung werden dann 75 Prozent der Meisterkosten, die durchschnittlich bei 10 000 Euro liegen, aus dem Förderprogramm finanziert. Damit kommen wir unserem Anspruch einer kostenlosen Bildung für alle zwar ein großes Stück näher. Doch 100 Prozent bleiben unser Ziel. Wir möchten für die Handwerker schlicht auch das haben, was Studierende seit Jahrzehnten bekommen.
 
Deshalb hätten Sie gerne eine staatliche Finanzierung der Krankenversicherung während der Ausbildung.
Wollseifer: Die Ausbildung kostet die Betriebe im Schnitt 16 500 Euro über den gesamten Ausbildungszeitraum. Wir bilden aber nicht nur für uns aus, sondern für die Feuerwehr, das THW, den mittleren Dienst der Polizei, für die Bundeswehr, die Industrie, die Bahn und, und, und…
 
Wie viele verlassen das Handwerk?

Wollseifer: Zu viele. Früher war das kein Problem, wir haben immer über den eigenen Bedarf ausgebildet. Doch jetzt fehlen uns im Handwerk 250 000 Fachkräfte. Wenn also unsere Betriebe die Ausbildungskosten tragen, und uns dann die anderen die Fachkräfte abwerben, dann halte ich es schon für angebracht, über Entlastungen für die ausbildenden Betriebe nachzudenken. Bei Studenten bis 25 zum Beispiel zahlt die Allgemeinheit die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung. Bei den Azubis nicht. Das ist ungerecht.
 
Im März tritt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft. Hilft das dem Handwerk?
Wollseifer: Man muss realistisch bleiben: Wir werden mit kleinen Zahlen anfangen. Wenn ein Betrieb interessiert ist, dann muss er sich an die Arbeitsagentur wenden und erfährt, mit welchen Ländern wir zusammenarbeiten. Erste Verbindungen gibt es zu Bosnien-Herzegowina. Damit das überhaupt in Gang kommt, ist eine rasche Visa-Erteilung wichtig. Das muss schneller gehen. Fachkräfte sollten möglichst aus Ländern kommen, denen wir damit nicht selbst ihren Nachwuchs wegnehmen. Das wäre zum Beispiel in Vietnam der Fall. Dort gibt es ein riesiges Potenzial Arbeit suchender Menschen.
 
Wie kommt das?
Wollseifer: Der Anteil der jungen Menschen in Vietnam ist überproportional hoch, nicht alle können dort Arbeit finden. Wir bilden beispielsweise in Ho-Chi-Minh-Stadt und in Leipzig schon Berufsschullehrer aus. 2019 waren 264 Berufsschullehrer aus Vietnam zur Weiterbildung in Deutschland. In Vietnam hat im vergangenen November an 45 Berufsschulen in 66 Klassen die duale Ausbildung nach deutschem Vorbild begonnen. Kurzum: Vietnamesen könnten einen Beitrag leisten, damit Kunden hierzulande nicht mehr bis zu zwei Monate auf einen Handwerker warten müssen.

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