16.12.2019

ZDH-Präsident Wollseifer zum Fachkräftegipfel

Foto: ZDH/Boris Trenkel

"Das Gesetz wird allerdings nur dann seine volle Wirkung entfalten können, wenn es auch möglichst rasch und unbürokratisch umgesetzt wird." So äußerte sich ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Interview gegenüber Andreas Herholz von der "Passauer Neue Presse".

Gipfeltreffen im Kanzleramt zum Thema Fachkräftezuwanderung. Wie dramatisch ist der Mangel? Wie ist die Situation im Handwerk?

Der Wirtschaft und besonders dem personalintensiven Handwerk fehlen durch die demografische Entwicklung bereits heute beinahe flächendeckend Fachkräfte. Besonders betroffen sind die Branchen, in denen die berufliche Bildung eine besonders hohe Bedeutung für die Sicherung des Fachkräftereservoirs hat – dazu zählt das Handwerk. Wegen der demografischen Entwicklung und zudem wegen der gestiegenen Studierneigung junger Menschen fehlen auch die Auszubildenden – und damit die Fachkräfte und Betriebsinhaber von morgen. Aktuell gehen wir davon aus, dass im Handwerk etwa eine viertel Million Stellen unbesetzt bleiben müssen, da die Betriebe keine geeigneten und zum Teil nicht entsprechend qualifizierten Mitarbeiter finden. Dazu kommt der Mangel an geeigneten Nachfolgern an der Spitze der Betriebe – allein in den kommenden 5 Jahren stehen etwa 100.000 Betriebsübergaben im Handwerk an. 

Was erwarten Sie von der Bundesregierung?

Das Handwerk hat von Anfang an ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz als einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung unterstützt. Das Gesetz wird allerdings nur dann seine volle Wirkung entfalten können, wenn es auch möglichst rasch und unbürokratisch umgesetzt wird. Das bedeutet in der Praxis, für schnellere Visaverfahren sowie eine zügige Bearbeitung von Anträgen zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse zu sorgen. Zudem müssen Angebote geschaffen werden, um rasch notwendige Anpassungsqualifizierungen durchführen zu können. Und natürlich muss umfassend über die Zuwanderungsmöglichkeiten nach Deutschland informiert werden beispielsweise durch die Botschaften oder Gothe-Institute im Ausland.

Ab 1. März gilt das neue Fachkräftezuwanderungsgesetz. Muss es weitere Nachbesserungen geben?

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist ein gutes Gesetz. Sein Erfolg hängt allerdings davon ab, dass es auch zuwanderungs- und mittelstandsfreundlich umgesetzt wird. Wir im Handwerk setzen dabei vor allem große Hoffnungen auf das neue innovative Instrument der Vermittlungsabsprachen, um in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit zielgenau Fachkräfte aus Ländern mit passfähigen Bildungsstrukturen zu gewinnen. Am Ende sind aber alle Akteuere, die am Zuwanderungsverfahren beteiligt sind, aufgerufen, ihre Verwaltungsstrukturen so anzupassen, dass Zuwanderung auch gelingt. Hier sehe ich uns aber auf einem guten Weg.

Wie groß ist der volkswirtschaftliche Schaden  durch den Mangel an Fachkräften inzwischen?

Schon jetzt arbeiten unsere Betriebe an ihren Belastungsgrenzen. Die Auslastung der betrieblichen Kapazitäten der Handwerksbetriebe erreicht immer neue Höchststände – auch weil es an zusätzlichem Personal fehlt, um die hohen Auftragsbestände abzuarbeiten. Damit bremst der Fachkräftemangel das Wachstum der Handwerksbetriebe, die mit mehr Mitarbeitern noch deutlich mehr Aufträge annehmen und Umsätze realisieren könnten.