19.02.2019

"Wir brauchen einen breit angelegten Berufsbildungspakt"

Foto: Boris Trenkel

Anlässlich der Bildungsmesse didacta 2019 erkärt ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer, was aus Sicht des Handwerks zu tun ist, um die Attraktivität der beruflichen Bildung zu stärken.

 

Die berufliche Bildung kämpft um Nachwuchs. Was ist passiert?

Es gibt mehrere Ursachen. Da ist zum einen der starke Run auf Gymnasien und Universitäten. Jahrelang wurde in unserer Gesellschaft vor allem das Studium gefordert und gefördert. Das hat „Früchte getragen“: Mehr als die Hälfte eines Altersjahrgangs geht jetzt studieren, vor nicht einmal zehn Jahren begann hingegen nur ein Drittel ein Studium. Darunter hat die gesellschaftliche Anerkennung für die berufliche Bildung und eine berufliche Tätigkeit im Handwerk gelitten. Das muss sich ändern. Solange viele Eltern enttäuscht sind, wenn ihre Kinder kein Abitur machen und nicht studieren, so lange haben wir ein Problem. Verschärft wird das Problem dadurch, dass die Zahl der Schulabgänger seit Jahren sinkt.

 

Das Problem haben die Politiker mittlerweile erkannt. Was muss die Bundesregierung tun, um die Attraktivität der Berufsbildung zu steigern?

Der Koalitionsvertrag enthält eine Reihe wichtiger Punkte, die es jetzt umzusetzen gilt. Dazu zählt die Novellierung des Berufsbildungsgesetzes, die derzeit diskutiert wird. Im Gesetzesentwurf sind wichtige Bausteine enthalten wie beispielsweise die Einführung von drei übergeordneten Fortbildungsbezeichnungen (Spezialist, Bachelor Professional und Master Professional). Außerdem wurde ein Exzellenz-Wettbewerb für die berufliche Bildung ausgeschrieben, den auch das Handwerk bereits seit Jahren eingefordert hat. Wir begrüßen insbesondere auch die Einrichtung einer Enquete-Kommission zur beruflichen Bildung, in der wir unsere Positionen einbringen können. Das alles sind aber nur einzelne Maßnahmen, was wir brauchen ist ein breit angelegter Berufsbildungspakt.

 

Was beinhaltet der von Ihnen geforderte Berufsbildungspakt?

Hier geht es um die Bildungsfinanzierung. Seit einiger Zeit kritisieren wir die Ungleichbehandlung zwischen der akademischen und beruflichen Bildung. Nehmen Sie beispielsweise die Begabtenförderung, die in der beruflichen Bildung 2019 mit gut 56 Mio. Euro vom Bund finanziert wird, während Begabte an Hochschulen mit 266 Mio. Euro fünfmal so viel erhalten. Auch kritisieren wir, dass das Studium aus Steuermitteln finanziert wird, während angehende Meister, die das gleiche Qualifikationsniveau anstreben, ihre Kosten für Fortbildungskurse selbst tragen müssen und nur partiell durch das Aufstiegs-BAföG – im Handwerk auch Meister-BAföG genannt – gefördert werden. Mindestens 36 Prozent ihrer Kosten müssen künftige Meister und Meisterinnen nach den geltenden Förderkonditionen selber tragen. Hinzu kommen Prüfungskosten, wie Prüfungsgebühren und Prüfungsmaterialkosten. Um das zu ändern, fordern wir - analog zum Hochschulpakt, der aufgrund steigender Studierendenzahlen eingerichtet wurde - den Berufsbildungspakt.

 

 

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