05.10.2020

"Viele Betriebe könnten erneuten flächendeckenden Lockdown nicht verkraften"

Portraitfoto von Hans Peter Wollseifer im Gespräch in seinem Büro im Haus des Deutschen Handwerks
Foto: ZDH/Boris Trenkel

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer spricht im Interview mit Jochen Gaugele und Tobias Kisling von der „Funke Mediengruppe“ über die Auswirkungen der Corona-Krise im Handwerk.

Herr Wollseifer, wie kommt das Handwerk durch die Corona-Krise?
Die Corona-Pandemie hat uns in voller Breite getroffen, wenn auch sehr unterschiedlich: Gewerke wie Messebauer und Caterer hatten und haben einen Totalausfall beim Umsatz. Andere wie Friseure, Kosmetiker können seit den Lockerungen wieder Umsätze machen. Und bei einigen wenigen wie etwa Zweiradmechatronikern brummte das Geschäft. Auch die Baubranche hat die Pandemie bislang recht gut verkraftet, allerdings sind die Auftragspolster spürbar dünner geworden. Da sollte sich die öffentliche Hand vorbildhaft verhalten und weiter Aufträge vergeben.

Worauf läuft das hinaus? 
Im Gesamthandwerk sind wir gut ins Jahr gestartet, mit einem Umsatzplus von 3,8 Prozent im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Dann kam Corona und hat diesen guten Lauf deutlich ausgebremst. Laut Statistischem Bundesamt hatten wir im zweiten Quartal über sieben Prozent weniger Umsatz. Langsam fassen die Betriebe wieder Tritt. Voraussichtlich werden wir das Jahr besser als die restliche Wirtschaft abschließen, aber erstmals seit 2013 auch mit einem - hoffentlich moderaten - Umsatzminus. Aber selbst das setzt natürlich voraus, dass es keinen zweiten Lockdown gibt. Es muss alles getan werden, dass sich nicht wiederholt, was im Frühjahr geschehen ist. Einen weiteren flächendeckenden Lockdown könnten viele Betriebe nicht verkraften.  

Wie groß ist die Gefahr einer Insolvenzwelle?
Für das Handwerk - wir haben über eine Million Betriebe - erwarte ich keine breite Insolvenzwelle. Sicher werden auch im Handwerk Unternehmen, denen es schon vor der Pandemie nicht gut ging, zahlungsunfähig werden. Doch das Handwerk ist sehr flexibel. Ich sage immer: Wir sind nicht die großen Tanker, sondern die kleinen Schnellboote. Wir stellen uns flexibel auf unterschiedliche Marktsituationen ein: Maßschneider können auch Masken produzieren, Tischler auch Schutzwände. Das Handwerk hat sich schon in der Finanzkrise 2008/09 als robust erwiesen. Auch, weil es die Mitarbeiter gehalten hat. Das versuchen unsere Betriebe auch jetzt wieder, denn sie wissen, dass sie nach der Pandemie weiter gute Fachkräfte brauchen. Im Moment sehe ich nicht, dass wir im Handwerk massiv Mitarbeiter verlieren. 

Der CDU-Politiker Friedrich Merz fürchtet, die Deutschen könnten das Arbeiten verlernen - weil die Regierung die Regelungen zur Kurzarbeit gleich bis Ende 2021 verlängert hat. Haben Sie auch den Eindruck?
Kurzarbeit ist ein probates Mittel, um Arbeitslosigkeit zu verhindern. Und vor allem während des Lockdowns hat sie auch vielen Handwerksbetrieben geholfen, über diese Krisenphase ihre Mitarbeiter im Betrieb zu halten. Ob es allerdings nötig war, die Kurzarbeit bereits jetzt bis Ende nächsten Jahres zu verlängern, die Frage kann man schon stellen. Ich hätte mir gewünscht, mit kleineren Schritten vorzugehen und die Kurzarbeit erst einmal um sechs Monate zu verlängern - um dann zu sehen, ob sich die Infektionslage gebessert hat. Wenn bis dahin ein Impfstoff da ist, sollte man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht länger in Kurzarbeit schicken. 

Halten Sie weitere Hilfsprogramme der Bundesregierung für erforderlich?
Die Sofortmaßnahmen der Regierung wie das Kurzarbeitergeld oder etwa die Möglichkeit, Steuern und Sozialabgaben für einen gewissen Zeitraum stunden zu lassen, waren für unsere Betriebe sehr effektiv. Auch die Überbrückungshilfen waren hilfreich, sind aber weiter verbesserungswürdig. Der wichtigste Punkt für uns ist hier: Auch Betriebe mit bis zu zehn Mitarbeitern müssen zu 100 Prozent staatlich verbürgte KfW-Sofortkredite bekommen können. Bisher gibt es die nur für Betriebe, die mehr als zehn Mitarbeiter haben. Dabei haben gerade die kleinen Handwerksbetriebe mit ihrer kurzen Kapitaldecke diese Unterstützung nötig.

Würde Ihnen eine Lockerung bei den Arbeitszeiten helfen? 
Wir fordern ja schon seit Längerem, bei der Arbeitszeitgestaltung flexibler zu werden und von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umzustellen. Dann wäre es für Betriebe leichter, den Mitarbeitereinsatz zu planen. Und ja, was die Sonntagsarbeitszeiten etwa für Bäcker angeht, da sollte die Regierung ran. Es ist nicht fair, dass Bäcker nur drei Stunden öffnen dürfen, während Brötchen an Tankstellen den ganzen Tag verkauft werden dürfen. Wir fordern gleiches Recht für alle.

Kommt die Ausbildung in der Krise zu kurz?
Das Handwerk ist einer der stärksten Ausbilder der Wirtschaft. Wir haben jahrelang über Bedarf ausgebildet und werden das auch weiter tun. Im Augenblick sind immer noch über 29 000 Ausbildungsplätze frei, die wir sofort besetzen könnten. Bei den Neuverträgen sieht es schon wieder besser aus. Im Mai lag das Minus bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen noch bei 18,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ende August waren es dann 10,1 Prozent. Das Feedback der Handwerkskammern macht Hoffnung, dass sich die Lage weiter bessert. Dafür dürfen wir in unseren Anstrengungen aber nicht nachlassen, junge Menschen für eine Ausbildung im Handwerk zu gewinnen. Ich sage den Betrieben: Die Aufholjagd muss weitergehen. Und den Jugendlichen sage ich: Ihr könnt immer noch eine Ausbildung beginnen, auch wenn das Ausbildungsjahr bereits gestartet ist. Ich hoffe einmal, dass das viele machen, und wir bis zum Jahresende weiter aufholen.  

Vor der Pandemie mussten viele Kunden monatelang auf einen Handwerkertermin warten. Hat sich das verändert?
Ja. Bau- und Ausbaubetriebe hatten einen wahnsinnig hohen Vorlauf bei den Aufträgen - teilweise waren es vierzehn oder mehr Wochen. Das ist kontinuierlich abgearbeitet worden. Jetzt liegen wir ungefähr bei acht bis neun Wochen im Gesamthandwerk. Im Ausbaubereich noch bei mehr als zehn und im Baubereich bei etwa 13 Wochen. Das ist ein stückweit auch eine Normalisierung, weil viele Betriebe in den Bau- und Ausbaugewerken schön länger an der Kapazitätsgrenze gearbeitet haben.

Das ist immer noch lange.  
Immerhin kommt der Handwerker jetzt einen Monat früher. 

Steigen dafür die Preise? 
Ich sehe keine steigenden Preise, die auf Corona zurückgehen. Allerdings kann ich nicht ausschließen, dass die teils ja doch kräftigen Lohnzuwächse nach den Tarifverhandlungen zu höheren Preisen für Handwerkerleistungen führen. In der Metall- und Elektroindustrie ist ein hoher Abschluss erzielt worden. Das dürfte sich in anderen Bereichen fortsetzen. 

Was sagen Sie den Leuten, die Reparaturarbeiten aufschieben, weil sie Ansteckung durch den Maler oder Klempner fürchten?
Realität ist, dass sich die Handwerksbetriebe mittlerweile sehr gut auf die Gefahren der Pandemie eingestellt haben. Die Betriebe wollen selbst keine kranken Mitarbeiter haben, sonst müssen sie ihren Laden oder ihre Werkstatt für 14 Tage schließen. Allein deshalb treffen sie Vorsorgemaßnahmen und achten darauf, dass die Hygienevorschriften eingehalten werden. Handwerker fahren nicht mehr mit vier oder fünf Leuten in einem Bus, sondern nehmen zwei oder drei Autos. Sie benutzen Desinfektionsmittel und setzen ihren Mund-Nasen-Schutz auf. Die Kunden können darauf vertrauen, dass die Handwerker, die zu ihnen kommen, die AHA-Vorschriften beachten.

Lassen sie sich denn testen?
Es gibt Betriebe, die morgens bei den Mitarbeitern die Temperatur messen. Serientestungen von allen Handwerkerinnen und Handwerkern lassen die Kapazitäten der Labore gar nicht zu.

Auf dem Bau sind schlampige Corona-Vorkehrungen öffentlich geworden. Bauarbeiter saßen dichtgedrängt im Bus, bei der Arbeit wurde kein Mund-Nasen-Schutz getragen...
Das ist mit Sicherheit nicht typisch für die gesamte Baubranche. Besonders wichtig sind die Hygienemaßnahmen natürlich in den Innenräumen. Das Handwerk tut alles, um seine Kunden nicht zu gefährden.

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