02.01.2020

Interview: Über die Innovationskraft des Handwerks

Foto: ZDH/Boris Trenkel

Die Gesellschaft für Handwerksmessen (GHM) sprach mit Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) darüber, wie Innovationen und Digitalisierung das Handwerk bewegen und wie sich das auf der kommenden Internationalen Handwerksmesse vom 11. bis 15. März 2020 in München darstellt. Im Interview erklärt Wollseifer, warum die Messe von zentraler Bedeutung ist und welchen Wandel das Handwerk gerade durchlebt.

Herr Wollseifer, das Handwerk hat in den letzten Jahren eine beachtliche Entwicklung durchlebt. In welchen Bereichen des Handwerks erwarten Sie in Zukunft weitere, große Umbrüche? "Die große Stärke des Handwerks ist seit jeher seine Wandlungsfähigkeit. Ausgestattet mit beachtlichem, über Jahrhunderte angewachsenem handwerklichen Können und Fachwissen hat das Handwerk es stets vermocht, auf dieser tradierten Basis Neues und Innovatives zu entwickeln, technologische Veränderungen aufzunehmen und für das eigene Gewerk nutzbar zu machen. Handwerker fertigen für Kunden in enger Abstimmung passgenaue Lösungen. Sie greifen dabei auf ihr umfangreiches Fachwissen zurück und verfeinern für ein besseres Ergebnis fortlaufend bestehende Verfahren, bringen neue Materialien und Technologien zum Einsatz und erstellen im Ergebnis neue Produkte. Alle wichtigen gesellschaftlichen Zukunftsprojekte werden ohne das Handwerk nicht zu verwirklichen sein – sei es der Wohnungsbau, die Energiewende, die Mobilitätswende oder Smart Living. Dabei geht es dem Handwerk nicht anders als anderen Wirtschaftsbereichen: Die größten Umwälzungen bringt – absehbar auch in den kommenden Jahren – die Digitalisierung. Dadurch verändern sich ganze Berufsbilder, es entstehen sogar neue Berufe. Ohne digitale Technik wird in Zukunft kein Gewerk mehr auskommen. Wir haben diese Umbrüche fest im Blick und unterstützen unsere Betriebe v.a. über das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk bei den Umstellungen, die nicht nur die Arbeitsgeräte und –prozesse betreffen werden, sondern auch die Art des Zusammenarbeitens. Dank digitaler Hilfsmittel, aber auch durch gemeinsam genutzte Arbeitsorte werden Handwerker zukünftig noch stärker gewerkeübergreifend zusammenarbeiten."

Produktionen und Dienstleistungen werden digitaler, die Kommunikation vernetzter. Wie verändern diese Strömungen den Alltag des Handwerks? "Digitalbasierte Lösungen sind längst ein wichtiger Teil des Arbeitsalltags von Handwerkern. Prozesse auf der Baustelle lassen sich so optimal miteinander verzahnen, sodass jeder Mitarbeiter zu jeder Zeit Zugriff auf den aktuellen Projektstand hat. Durch den Einsatz digital gesteuerter Maschinen kann die Auslastung gesteigert werden. Software hilft, betriebliche Abläufe besser abzubilden und zu steuern. Digitale Technologien kommen bei der Herstellung von Produkten zum Einsatz oder im direkten Kundenkontakt – etwa wenn der Maler das Wohnzimmer schnell digital vermisst und auf seinem Tablet sofort in der gewünschten Wandfarbe visualisieren kann. Der Kunde konfiguriert heute mit dem Tischler virtuell sein individuelles Möbelstück, morgen wird es von Präzisionsmaschinen ausgesägt, übermorgen zusammengesetzt und dem Lieferdienst übergeben. Das steigert auch die Kundenbindung. Digitale Prozesse halten in so gut wie allen Gewerken Einzug, ob im Bau, Ausbau, im gewerblichen oder privaten Bedarf, im Bereich Kfz, in den Lebensmittelhandwerken oder der Gesundheit."

Welche Chancen ergeben sich durch die aktuellen Entwicklungen für Handwerksbetriebe und wie können die Betriebe sicherstellen, davon zu profitieren? "Indem digitalbasierte Technologien zum Einsatz kommen, werden Prozesse effizienter gestaltet, neue Geschäftsmodelle entwickelt und neue Produkte und Dienstleistungen angeboten. Bei den Verwaltungs-, Vertriebs- und Produktionsprozessen können enorm viel Zeit und Ressourcen eingespart werden. Davon können auch ganz klassische Handwerksbetriebe profitieren. Sie tun gut daran, ihre Stärken – umfassend, kundenindividuell und qualitativ hochwertig Probleme zu lösen und Leistungen zu erbringen und dabei im direkten, persönlichen Kontakt mit den Kunden vor Ort zu stehen – bestmöglich mit digitaler Modernität zu verbinden. Das ermöglicht bessere und ganzheitliche Lösungen im Sinne der Kunden und birgt viele Chancen für Neukundengewinnung und neue Dienstleistungen, auch über die eigene Region hinaus: Bäcker verkaufen ihre Produkte heute dank Shopsystem über das Internet nach Übersee. Ein Elektroniker installiert heute nicht nur ein Smart-Home- oder Gebäude-System, sondern kann es auf Wunsch auch fernwarten oder -steuern. Mit der zunehmenden Komplexität von digitalen Anwendungsmöglichkeiten steigen die Anforderungen an die Qualifizierung der Mitarbeiter. Hier können die Betriebe auf vielfältige Schulungsangebote der Handwerksorganisationen zurückgreifen."

Ein wichtiger Trend unserer Zeit ist neben der Digitalisierung und der Vernetzung das Thema Nachhaltigkeit. Das gilt auch für Handwerksbetriebe. Welche Entwicklungen beobachten Sie diesbezüglich? "Nachhaltigkeit liegt in der DNA des Handwerks. Handwerker tragen etwa bei der Fertigung mit ihrem hohen Anspruch an Qualitätsarbeit dazu bei, dass Produkte länger halten. Das wird auch durch Ausbessern und Reparieren gewährleistet. Insofern setzt kein anderer Wirtschaftsbereich so stark auf Nachhaltigkeit wie das Handwerk. Unsere Betriebe integrieren zugleich Technologien, um bei Materialien weniger Abfall zu erzeugen oder Energie einzusparen oder effizienter zu nutzen, etwa die Abwärme von Maschinen für das Raumklima. Das Handwerk misst dem Thema aber nicht nur in Produktionsprozessen eine große Bedeutung zu, sondern lebt Nachhaltigkeit auch in einer gesellschaftlichen Dimension. Als größter Ausbilder in der Wirtschaft sorgt das Handwerk mit seiner hohen Ausbildungsleistung für die Fachkräfte der Zukunft. Handwerksmeister stellen persönlich sicher, dass ihr meisterhaftes Können an den Nachwuchs weitergegeben wird, und sorgen damit auch in der Zukunft für einen hohen Verbraucherschutz und für beste und verlässliche Qualität für den Kunden sowie für qualifizierte und nachhaltige Unternehmensgründungen. Sie helfen jungen Menschen mit Startschwierigkeiten auf die Beine und eröffnen ihnen eine berufliche Perspektive. Handwerksbetriebe tragen zudem zur Stabilisierung ländlicher Regionen bei, wenn es um die Wertschöpfung, die Versorgung mit Produkten, Dienstleistungen, Arbeits- und Ausbildungsplätzen und nicht zuletzt den gesellschaftlichen Zusammenhalt geht."

Digital, vernetzt, innovativ – Die Zukunft des Handwerks ist auch auf der Internationalen Handwerksmesse 2020 ein zentrales Thema. Inwiefern unterstützt die IHM ausstellende Handwerksbetriebe dabei, ihr Unternehmen erfolgreich in die Zukunft zu führen? "Auf der Internationalen Handwerksmesse präsentieren Handwerksbetriebe aus ganz Deutschland ihre Innovationskraft und ihr Können. Die Messe ist das größte Schaufenster für neueste Lösungen aus der Branche und die größte Netzwerkplattform des Handwerks: Einmal im Jahr treffen sich hier Experten, Fachbesucher und Entscheider aus Handwerksbetrieben, der Handwerksorganisation und der Politik, um sich von der Vielfalt, Innovationskraft, Modernität und Originalität des Handwerks zu überzeugen. Besucher, Betriebsinhaber und Mitarbeiter des Handwerks erleben auf der IHM Best-Practice-Lösungen, können sich inspirieren lassen und werden überrascht sein, was Handwerk im Jahr 2020 alles leistet. Etwa auf der Sonderschau „Innovation gewinnt“ oder im Digitalzentrum Handwerk, in dessen Rahmen sich Fach- und Führungskräfte über die Einsatzmöglichkeiten digitaler Technologien beraten lassen können. Die IHM 2020 nutzen auch Start-ups als Plattform, um sich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren."

Das Motto der Internationalen Handwerksmesse „Wir wissen, was wir tun. Für uns. Für alle. Für die Zukunft.“ ist 2020 identisch zur Imagekampagne des Handwerks. Können Sie uns schon verraten, was im Zuge der kommenden Imagekampagne geplant ist? "Das Motto „Wir wissen, was wir tun“ stellt die „Könnerschaft“ und das „Anpackende“ des Handwerks in den Mittelpunkt und zugleich auch das Sinnstiftende dieser Tätigkeit. Im Handwerk zu arbeiten bedeutet, tagtäglich auf die Leistungen blicken zu können, die man erbracht und erschaffen hat und von denen auch die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht profitiert. „Wir wissen, was wir tun“ unterstreicht, dass Können und Wissen die Basis aller handwerklichen Tätigkeit ist. Mit dem ausgezeichneten dualen Ausbildungssystem und den Weiterbildungsmöglichkeiten bis hin zum Meister steht das Handwerk für höchstes fachliches Know-how und Qualität: Darauf können sich die Kunden verlassen. Beide Aspekte, Könnerschaft und Erfüllung, wollen wir in der kommenden Kampagne in den Fokus stellen. Das soll dazu beitragen, die Wertschätzung für die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leistungen des Handwerks zu stärken. Dazu werden wir in bewährter Weise wieder echte handwerkliche Protagonistinnen und Protagonisten auf Plakaten, in Film und Online-Formaten portraitieren und auf der Messe vorstellen."

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Das Handwerk weiß, wo es steht, ist sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst und auf dem Sprung in die Zukunft. Eine besondere Mischung? "Das Handwerk verbindet und verkörpert wie kein anderer Bereich Wirtschaft und Gesellschaft. Getragen von unserem Selbstverständnis als auch gesellschaftlich gestaltender Akteur übernehmen wir Verantwortung: für unsere Mitarbeiter, unser Umfeld, für die Stabilität und Versorgung in ländlichen Regionen, für Integration, für die Ausbildung junger Menschen als zukünftige Fachkräfte und vor allem für eine hohe Qualität bei der Qualifizierung. Jungen Menschen bietet das Handwerk die Chance, sich in einer Vielfalt von Karrierewegen zu verwirklichen, bis hin zum Unternehmertum. Auch damit sichern wir Zukunft und gestalten gesellschaftliches Miteinander. Und selbstverständlich sind wir im Handwerk dabei fachlich auf der Höhe der Zeit. Wir sind Mitgestalter und Möglichmacher von Zukunftsprojekten: Wir sorgen für smarte und energieeffiziente Häuser. Wir bauen die analoge und digitale Infrastruktur. Wir schaffen Wohnraum. Wir projektieren und bauen bei Vorhaben der Energiewende. Wir arbeiten etwa im Modellbau mit lernenden Assistenzrobotern zusammen. Wir sorgen für digitalen Wohlgeschmack, indem etwa Kekse heute im Wunschmotiv und in 3-D gedruckt werden, wie zum Beispiel auf der diesjährigen Internationalen Handwerksmesse gezeigt. Egal, wohin man schaut, wird Tradition mit Innovation verbunden und fortlaufend werden neue Lösungen entwickelt, um immer wieder sich verändernde Kundenwünsche zu erfüllen. Das Handwerk ist überall ein starker Partner. Wir wissen eben, was wir tun."