12.03.2020

"In dieser Situation darf für die Betriebe wirklich nichts mehr oben drauf kommen"

Foto: ZDH/Boris Trenkel

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer erläutert im Interview mit dem "Handelsblatt", was Handwerksbetriebe angesichts der sich verschlimmernden Corona-Krise von Seiten der Politik erwarten.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie in das Treffen mit der Bundeskanzlerin?
Es ist gut und wichtig, dass sich Wirtschaft und Politik in dieser Situation austauschen und sich gemeinsam daran machen, Lösungen zur bestmöglichen Abfederung der Corona-bedingten wirtschaftlichen Folgen zu finden.  Anders als bei den Konjunkturprogrammen in der Finanzkrise geht es diesmal nicht darum, strukturelle Konjunkturdefizite auszugleichen, sondern wir müssen verhindern, dass an sich gesunde Betriebe bedroht sind und Menschen ihre Arbeit verlieren. Deshalb muss es rasch und vor allem unbürokratisch Überbrückungshilfen und -unterstützung für die Unternehmen geben.

Wie soll diese Überbrückungsunterstützung aussehen?
Ein erster wichtiger und richtiger Schritt sind die Beschlüsse zu Erleichterungen beim Kurzarbeitergeld. Aber das wird nicht reichen. Es geht um Liquiditätshilfen im Fall des Falles, es geht um Überbrückungsgelder. Es sollte zudem eine großzügige zinslose Stundung von Steuerforderungen gewährt werden, da hierdurch den Betrieben kurzfristig Liquidität zur Verfügung steht. Das wie auch entsprechende Finanzierungen oder Kostenübernahmen brauchen die Betriebe, um die nächsten schwierigen Wochen zu überbrücken und ihre Beschäftigten weiter im Betrieb halten zu können. Sich tatsächlich auf die kurzfristige Entlastung der Unternehmen auf der Finanzierungs- und Kostenseite zu konzentrieren, erscheint in der gegenwärtigen Lage am sinnvollsten, damit die Betriebe nach dem Ende der Epidemie ohne große Zeitverzögerung mit dem Hochfahren der Produktion beginnen können. Worauf wir uns bei dem Treffen jedoch in jedem Fall verständigen sollten ist ein Belastungsmoratorium der Politik: In dieser Situation darf für die Betriebe wirklich nichts mehr oben drauf kommen – sei es bei den Sozialabgaben, Steuern oder auch administrativ etwa durch neue Regulierungen.

Macht sich die Corona-Krise im Handwerk bereits bemerkbar?
Nach all den Absagen von Messen und Veranstaltungen in den letzten Wochen sind besonders stark alle Gewerke betroffen, die im Messebau tätig sind. Doch auch bei  Betrieben etwa des Lebensmittelhandwerks oder bei Friseuren gibt es Umsatzeinbußen. Im Lebensmittelhandwerk kommt es durch stornierte Veranstaltungen und damit einhergehend durch stornierte Cateringaufträge zu Umsatzausfällen. Auch an den Ladentheken wird es zunehmend ruhiger, weil die Menschen nicht mehr vor die Tür gehen. Bei Friseuren sind verstärkt Terminabsagen zu beobachten, da Privatpersonen sensibilisiert sind und bei ersten Krankheitsanzeichen einer Erkältung – den Empfehlungen in Medienberichten folgend – zu Hause bleiben. Auch industrienahe Dienstleister und Zulieferer aus dem Handwerk etwa im Metallbereich verzeichnen bereits negative Auswirkungen der Corona-Krise. Denn als direkte Zulieferer sind sie auf funktionierende weltweite Lieferketten angewiesen, die durch die Corona-Krise ins Stocken geraten sind.

An welchen Stellen ist das Handwerk derzeit besonders gefordert, wenn es darum geht, die Krise zu bewältigen?
Da sind zurzeit sicherlich die Textil- und die Gebäudereiniger besonders gefragt: Gerade Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen werden in den kommenden Wochen dringend auf eine ausreichende Versorgung mit desinfizierten Textilien angewiesen sein, um die Ausbreitung des Virus gerade in den Risikogruppen zu verlangsamen. Gleiches gilt für eine fachgerechte und hygienische Reinigung von Krankenhäusern, aber auch von Zügen, Flugzeugen und Büros. Diese Betriebe gilt es also in allen behördlichen Entscheidungen als systemrelevant für die Versorgung zu betrachten. Damit sie ihre Arbeit machen können, muss dafür gesorgt werden, dass den textilen Dienstleistern und Wäschereien wie auch den Gebäudereinigern genügend Desinfektions- und Reinigungsmittel zur Verfügung stehen und sie als notwendige Bedarfsstellen betrachtet werden.

Können Sie bereits abschätzen oder gar beziffern, welche wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronavirus auf das Handwerk hat?
Nein, zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich das nicht beziffern und wäre reine Spekulation. Zuverlässige Zahlen zu derzeitigen Umsatzeinbußen fehlen und können – wenn überhaupt – frühestens in 2-3 Monaten vorliegen. Doch man muss kein Prophet sein um vorauszusehen, dass die wirtschaftlichen Folgen umso größer sein werden, desto länger die Corona-bedingte Krise andauert. In dem Maße, in dem Auftragsstornierungen, Produktionsunterbrechungen und Quarantänemaßnahmen in größerem Umfang um sich greifen, in dem Maße wird das dann auch seine Spuren im Handwerk hinterlassen.

Coronavirus

Nahaufnahme von Viren grafisch dargestellt.
Foto: AdobeStock/Feydzhet Shabanov