28.10.2020

"Gesundheitsschutz ist Betriebs- und Ausbildungsschutz"

Portraitfoto von Hans Peter Wollseifer vor blauer Handwerksleinwand
Foto: ZDH/Boris Trenkel

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer spricht im Interview mit Gernot Heller von der Passauer Neue Presse über die notwendigen Maßnahmen zum Schutz der Handwerksbetriebe während der Corona-Pandemie.

Die Corona-Infektionszahlen steigen und steigen. Wirken sich die schärferen Beschränkungen bereits wieder auf ihre Betriebe aus?
Ohne Frage ist das eine sehr besorgniserregende Entwicklung, die an unseren Betrieben nicht spurlos vorübergeht. Wenn immer mehr Menschen infiziert sind oder in Quarantäne gehen müssen, dann steigt damit auch die Gefahr, dass es Handwerksbetriebe und ihre Beschäftigten trifft. Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausfallen, können unsere Betriebe nicht mehr wie bislang arbeiten und ausbilden. Deshalb ist es so wichtig, dass wir den Infektionsanstieg stoppen: Gesundheitsschutz ist Betriebs- und Ausbildungsschutz.

Werden wir nach Ihrer Auffassung an einem landesweiten Herunterfahren der Wirtschaft noch vorbeikommen? Was würde das für Ihre Mitgliedsunternehmen heißen?
Ein bundesweiter Lockdown muss unbedingt verhindert werden. Das Immunsystem unserer Betriebe ist beim ersten flächendeckenden Lockdown schon so herausgefordert worden, dass viele einem zweiten solchen Lockdown wohl deutlich weniger entgegenzusetzen hätten. Die Liquiditätsreserven sind bei vielen Betrieben bereits aufgebraucht oder aber so dünn, dass sie einen Komplett-Lockdown nicht noch einmal verkraften könnten. Wir können uns gesellschaftlichen und privaten Leichtsinn im wahrsten Sinne des Wortes nicht leisten, weil er mit betrieblichen und wirtschaftlichen Einbußen einhergeht. Deshalb muss jeder Einzelne seinen Beitrag leisten und sich an die Abstands- und Hygienevorschriften halten, damit unsere Betriebe weiterleben können.

Was bedeutet der Corona-Sturm für  das Thema Ausbildung im Handwerk? Kann das Handwerk jungen Menschen noch ausreichend Ausbildungsplätze anbieten?
Ausbildung bleibt auch in der Pandemie ganz oben auf der Agenda: Unsere Betriebe bilden weiter aus und viele bieten weiter die Chance, eine Ausbildung auch noch nach dem offiziellen Start des Ausbildungsjahres zum 1. November oder 1. Dezember zu starten. Ende September waren noch 23.500 Ausbildungsplätze frei. Das sind 23.500 Angebote unserer Betriebe an junge Menschen, sich auf einen zukunftsträchtigen Berufsweg zu machen. Daher kann ich nur im Sinne unseres Kampagnenmottos ermuntern: „Was soll man dieses Jahr bloß anfangen? Eine Ausbildung.“

Ende dieser Woche wollen Kanzlerin Angela Merkel und die Länder-Ministerpräsidenten über das weitere Vorgehen in der Krise beraten. Wo besteht der größte Handlungsbedarf?  
Was wir brauchen, das sind klare, nachvollziehbare und möglichst einheitliche Regeln, die unseren Betrieben und Bildungseinrichtungen Luft zum Atmen lassen. Auch wenn klar ist, dass zur Eingrenzung des Infektionsgeschehens lokale Gegebenheiten berücksichtigt werden müssen, sollten den Maßnahmen, die dann ergriffen werden, grundsätzlich bundesweit einheitliche Maßstäbe und Regelungen zugrunde liegen. Und vor allem sollten die Regelungen nachvollziehbar sein, damit sie akzeptiert und mitgetragen werden. Der aktuelle Flickenteppich trägt dazu nur schwerlich bei. Unsere Handwerksbetriebe müssen mit einem Regelungs-Wust klarkommen, sich auf immer neue Regeln einstellen, die dann häufig – kaum dass sie beschlossen wurden – auch schon wieder gekippt werden. Das raubt unseren Betrieben viel Zeit, die sie eigentlich brauchen, um ihr Kerngeschäft durch die Pandemie zu bringen. Schwierig ist es besonders für die Betriebe, die über Landkreis- oder Bundesländergrenzen hinweg arbeiten. Genauso betroffen sind diejenigen, die im benachbarten Ausland Geschäften und Aufträgen nachgehen. Zumindest die Festlegung auf eine Muster-Quarantäne-Verordnung muss nun - wie angekündigt - umgehend zu einem Gleichklang der maßgeblichen Länderregelungen führen.

Wie sehen die wirtschaftliche  Aussichten für das Handwerk in diesem Jahr aus?  Hat die von vielen befürchtete Insolvenzwelle in Ihrem Bereich schon eingesetzt?
Die Betroffenheit im Handwerk ist sehr unterschiedlich: Das reicht von zwischenzeitlichen Totalausfällen beim Umsatz bis hin zu einem Mehr an Umsatz vereinzelt in einigen Gewerken. Aber wenn wir das Gesamthandwerk betrachten, müssen wir für 2020 davon ausgehen, dass wir erstmals seit 2013 mit einem Umsatzrückgang abschließen. Für viele unserer Betriebe geht es ums Überleben. Wie viele letztlich diesen Überlebenskampf bestehen, das lässt sich derzeit nicht abschätzen. Durch die verlängerte Aussetzung der Insolvenzanzeigepflicht spiegeln die aktuellen Insolvenzzahlen zudem kein reales Bild der Situation wider.

Reichen die bisherigen staatlichen Hilfen aus Sicht des Handwerks aus?  
Kurzarbeitergeld, Steuer- und Beitragsstundungen, verbürgte Liquiditätshilfen, nicht zurückzahlbare Zuschüsse haben zu Krisenbeginn geholfen, die Liquiditätssituation der Betriebe kurzfristig zu verbessern. Branchen, die erst jetzt im Herbst von der Krise erreicht werden, wird etwa durch die Verlängerung der Überbrückungshilfen bis Dezember 2020 geholfen. Wenn die Corona-Pandemie noch einige Monate anhält, ist eine Verlängerung der Überbrückungshilfe über das Jahresende hinaus nötig. Ich bin außerdem davon überzeugt, dass der KfW-Schnellkredit auch kleinen Betrieben mit bis zu zehn Mitarbeitern gewährt werden sollten. Und in die Förderung von Ausbildungsbetrieben sollten mehr Betriebe einbezogen werden, als es aktuell der Fall ist. Insgesamt hat sich gezeigt, dass dringend Unterstützungsmaßnahmen zur Stärkung des Eigenkapitals nötig sind, um Betriebe und Unternehmen widerstandsfähiger zu machen. Für eine solche Eigenkapitalstärkung der Betriebe könnten und sollten beispielsweise die Mittelständischen Beteiligungsgesellschaften eine viel wichtigere Rolle einnehmen.

Coronavirus

Nahaufnahme von Viren grafisch dargestellt.
Foto: AdobeStock/Feydzhet Shabanov