12.01.2021

„Die Hilfen müssen die Betriebe jetzt erreichen!“

Zwei Auszubildende und ein Ausbilder in einer Autowerkstatt am Motor eines blauen Oldtimers.
Foto: AdobeStock/goodluz

Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer spricht mit Thorsten Breitkopf vom Kölner Stadt-Anzeiger über die Probleme bei den staatlichen Corona-Finanzspritzen und die Folgen der Pandemie auf dem Ausbildungsmarkt.

Herr Wollseifer, das Handwerk ist von Corona in Teilen hart getroffen. Wie wirkt sich das speziell in Köln aus?
Die herausragende Kölner Besonderheit ist mit Sicherheit der Karneval. Der ist in normalen Zeiten nicht nur gefühlt, sondern auch monetär messbar ein echter Wirtschaftsfaktor. Und nun fällt er im Winter des Jahres 2021 komplett aus, mit allen wirtschaftlichen Folgen.

Wer genau ist durch den Ausfall des Karnevals betroffen?
Denken Sie etwa an die vielen Kölner Fleischereibetriebe. Deren Produkte sind im Karneval gefragt, bei der Prinzenproklamation, die nur digital stattfindet, bei hunderten Sitzungen diverser Gesellschaften, im Straßenkarneval. Das gleiche Bild ergibt sich bei den Bäckereien und Konditoreien, und den Kölner Brauereien. Deren Karnevalsumsatz fällt auf Null. Auch die zahlreichen Wagenbauer sind mehr als gebeutelt. Ebenso unsere Gerüstbau-Betriebe, die in normalen Zeiten die zahlreichen Bühnen und Tribünen für die Züge aufbauen. Dazu gehören unter anderem auch Tischler und Elektriker, Maßschneider, die für Kostüme sorgen. Der ganze Ballungsraum mit Städten wie Köln, Bonn und Leverkusen ist ja geprägt vom Straßen- und Sitzungskarneval.

Wie wirkt sich die Pandemie und die damit verbundenen Lockdowns auf den Ausbildungsmarkt aus?
Wegen des Ausbildungsmarktes sind wir in großer Sorge, unabhängig von den strukturellen Problemen bei der Gewinnung von Lehrlingen. Diverse Rekrutierungselemente wie Ausbildungsbörsen, Praktika, Azubi-Speed-Datings finden normalerweise in den Monaten März bis Mai statt und sind im letzten Jahr Corona zum Opfer gefallen. Zwischenzeitlich hatten wir im Kammerbezirk Köln ein Minus bei den Azubis von 20 Prozent, jede fünfte Lehrstelle war also unbesetzt. Inzwischen, also Ende 2020, gab es noch ein Minus von knapp acht Prozent. Statt 4900 wurden für den Bezirk Köln somit gut 4500 neue Ausbildungsverträge geschlossen. Das ist zwar nicht ideal, aber in einer solchen Krise immer noch beachtlich. Und es zeigt, wie wichtig unseren Betrieben qualifizierter Nachwuchs ist.

Was sind die Folgen?
Wer heute keine Ausbildung anfängt, der steht uns in drei Jahren auch nicht als fertiger Geselle für den Beruf zur Verfügung.  Die Pandemie verschärft also schon auf mittlere Sicht den Fachkräftemangel deutlich. Das stimmt sorgenvoll und ist traurig, insbesondere weil unsere Betriebe vor der Corona-Pandemie das Angebot an Lehrstellen massiv aufgestockt haben. Unsere Mitglieder im Kölner Handwerksbezirk hatten fast 40 Prozent mehr Ausbildungsplätze angeboten.

Was machen die Jugendlichen derweil?
Viele drehen — weil sie selbst, aber auch ihre Eltern verunsichert sind — eine freiwillige Ehrenrunde, besuchen die Höhere Handelsschule oder machen ein Fachabitur. Das ist natürlich nichts Schlechtes, bringt aber mit Blick auf den Fachkräftemangel keine Entspannung.

Verdeckt die Pandemie nicht nur ein strukturelles Problem, nämlich dass die Ausbildung im Handwerk vergleichsweise unattraktiv ist?
Das ist sie ja nicht! Ganz im Gegenteil: Handwerksberufe sind sogar attraktiver als jemals zuvor. Alle Zukunftsaufgaben in diesem Land von der Energie- und Mobilitätswende, Smarthome und E-Health bis hin zum analogen und digitalen Infrastrukturausbau sind nur mit dem Handwerk umzusetzen. Jugendliche sollten nicht allzu viel auf die immer noch kursierenden Klischees geben, sondern Handwerk sehen, wie es heute ist: modern, innovativ und zukunftssicher. Eine Ausbildung im Handwerk ist für viele genau das Richtige.  Eltern und besonders auch Lehrer – als Unterstützer der Jugendlichen - sollten deshalb die duale Berufsausbildung als realistische Lebensperspektive mehr in den Fokus rücken. Fest steht, dass in der Zukunft mehr Akademiker nicht in ihren Wunschberufen werden arbeiten können. Das ist auch eine Folge der Bologna-Reformen, die mit Bachelor und Master viel mehr Studierte auf den Arbeitsmarkt werfen, als das früher bei den Diplom- und Magisterstudiengängen der Fall war.

Brauchen Sie denn angesichts der immer weiter steigenden Zahlen von Abiturienten pro Abgangsjahrgang diese höher qualifizierten Jugendlichen im Handwerk?
Auf jeden Fall! Die Komplexität der handwerklichen Ausbildung hat ja im Zuge der Digitalisierung stark zugenommen. Das betrifft ja nicht mehr nur die Administration, sondern auch das Handwerk selbst. Die Energiewende erhöht deutlich die technischen Ansprüche an Handwerker. Denken Sie an Dämmung, E-Health oder Elektromobilität und den ganzen Heizungsbau. Jeder fünfte Betrieb in Köln hat mit der Energiewende zu tun. Im Optiker,- Zahntechnik-, und Orthopädiemechaniker-Handwerk hatten wir immer schon viele Abiturienten. Im gesamten Kammerbezirk sind heute 20 Prozent der Lehrlinge solche mit Hochschulreife – und bei diesen sind die besonders beliebten Gewerke Schreiner, Schornsteinfeger oder Gold- und Silberschmiede. Viele der Abiturienten, die im Handwerk eine Ausbildung machen, gehen zwar später studieren, bleiben aber dem Handwerk verbunden oder nutzen Angebote wie das von unserer Kammer entwickelte „Triale Studium“. Absolventen haben dann nach viereinhalb Jahren gleich drei Abschlüsse in der Tasche: Bachelor of Arts, einen Gesellen- und sogar einen Meisterbrief.

Schauen wir auf die Betriebe: Es scheint, das Handwerk ist robuster als andere Branchen in der Krise….
Das stimmt. Aber auch im Handwerk ist die Betroffenheit durch die Pandemie mittlerweile groß, da durch Krankheitsfälle oder Quarantäne Beschäftigte in den Betrieben fehlen. Eine unserer Umfragen hat ergeben, dass davon etwa jeder dritte Betrieb betroffen ist. Und Homeoffice ist im Handwerk ganz überwiegend keine Lösung. Wir müssen vor Ort beim Kunden sein. Einige Gewerke haben Totalausfälle. Friseur- und Kosmetiksalons sind zum Beispiel wieder geschlossen. Bei den Messebauern ist das Geschäft nun seit einem Dreiviertel-Jahr auf Null geschrumpft und so wird es weiter gehen, denn größere Messeveranstaltungen sehe ich im ersten Halbjahr 2021 nicht in Köln. Sogar im Straßen- und Tiefbau ist die Krise mittlerweile zum Teil angekommen, da Kommunen ihre Planungen zurückgefahren haben.

Aber Ihre Unternehmen erhalten im Gegenzug großzügige Hilfen vom Staat…
Unsere Betriebe sind auf diese Hilfen unbedingt angewiesen, um über die Durststrecken zu kommen. Anfangs lief es recht gut, die Soforthilfen kamen schnell an. Doch dann stockte es. Das Problem ist nicht, dass keine Hilfen angeboten werden. Doch bei unseren Betrieben kommen diese Hilfen schlicht nicht an. Die Beantragung, das berichten viele, ist viel zu bürokratisch. Da muss die Politik dringend etwas ändern. Besonders bei den kleineren Betrieben sind nicht nur die Rücklagen inzwischen aufgebraucht. Sie haben auch ihr privates Vermögen eingebracht. Kommen die Hilfen jetzt nicht schnellstens an, werden einige Betriebe es nicht überstehen.

Was fordern Sie daher?
Beim Zentralverband des Deutschen Handwerks setzen wir uns dafür ein, beim Bundeswirtschaftsministerium in Berlin eine Expertengruppe einzurichten, in der nicht nur Ministeriale sitzen, sondern auch Vertreter aus Wirtschaftsverbänden, um so auf praxistaugliche Lösungen hinzuwirken. Meines Erachtens ist es extrem wichtig, dass die praktischen Erfahrungen unserer Betriebe durch uns transparent gemacht werden und Politik dann entsprechend und passgenau handelt. Die Hilfen müssen die Betriebe jetzt erreichen!

Hat die Politik mit den zögerlichen Lockdowns Fehler gemacht?
In der Retrospektive kommen jetzt viele daher, die glauben zu wissen, wie sie es besser gemacht hätten. Die Krise ist jedoch ein Novum, dafür gibt es keine Blaupause. Insgesamt hat die Bundesregierung, finde ich, verantwortungsvoll gehandelt. Ohne Frage trifft die Verlängerung und Verschärfung des Lockdowns sehr viele unserer Betriebe sehr hart und wir hätten uns wahrlich einen anderen Jahresstart gewünscht. Aber wenn wir wieder uneingeschränkter leben und arbeiten wollen, müssen wir uns jetzt alle am Riemen reißen. Vordergründig mag der eigene Gesundheitsschutz ein persönliches Anliegen sein, aber in einer Pandemie ist er die Voraussetzung dafür, Beschäftigung und wirtschaftliche Aktivitäten zu ermöglichen und zu sichern. Gesundheitsschutz ist in dieser Lage tatsächlich Betriebe-Schutz!

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