01.11.2019

"Das ging damals Vielen an die Ehre"

Foto: ZDH/Boris Trenkel

ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke sprach mit dem "handwerk magazin" über die Wiedereinführung der Meisterpflicht in zwölf Gewerken. Das Interview führte Olaf Deininger. Es erschien am 1. November 2019.

Sind Sie mit der Anzahl der Gewerke, für die jetzt der Meisterpflicht wieder eingeführt wird, zufrieden?
Wir sind sehr zufrieden, dass die Politik hier aktiv geworden ist. Vor noch nicht allzu langer Zeit war doch eine Ausweitung der Meisterpflicht nahezu undenkbar. Davon haben wir uns jedoch nicht entmutigen lassen. Wir haben nicht aufgehört, darauf hinzuweisen, wie wichtig der Meisterbrief ist, wenn man im Handwerk Qualität, Qualifizierung, Gefahrenabwehr, Verbraucher- und Kulturgüterschutz auch für die Zukunft gewährleisten will. Die Argumente haben wohl verfangen, da nun in voraussichtlich zwölf Gewerken der Meister wieder eingeführt wird. Das ist ein ganz wichtiges und richtiges Signal. Es ist offenbar gelungen, wieder ein Bewusstsein in Gesellschaft und Politik für den Wert und die Bedeutung des Meisterbriefes zu schaffen. Dieses Bewusstsein müssen wir weiter stärken, vor allem auch mit Blick auf die vorgesehene Evaluierung in fünf Jahren.

Sind Sie mit der Auswahl der Gewerke zufrieden? Es sind ja einige Exoten dabei.
Die Auswahl der Gewerke ist eine politische Entscheidung. Dabei haben die von mir bereits erwähnten Aspekte der Qualitäts- und Qualifizierungssicherung, der Gefahrenabwehr und des Verbraucherschutzes eine Rolle gespielt, aber auch der Aspekt des Kulturgüterschutzes. Etwa im Orgelbau oder am Bau im Denkmalschutz braucht es sehr spezielles Fachwissen. Der Meisterbrief besiegelt dieses Wissen, diese Fachkenntnisse und dieses Können in dem jeweiligen Handwerk. Und allein Meister sind dazu berechtigt, das an die nächste Generation weiterzugeben. Ohne Meister in einigen dieser vermeintlich „exotischen“ Gewerke würde dieser Wissenstransfer abreißen – und dann weiß möglicherweise eines Tages niemand mehr, wie eine Orgel gebaut oder eine Kirche restauriert wird.

Wie sieht der Bestandsschutz für Betriebe genau aus?
Denen, die befürchten, dass jetzt reihenweise meisterfreie Betriebe vom Markt verschwinden, sei versichert: Es wird eine Bestandsschutzregelung geben. Diese ist für alle natürlichen und juristischen Personen und Personengesellschaften vorgesehen, die bereits zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der geplanten Neuregelung selbstständig den Betrieb eines zulassungsfreien Handwerks ausüben. Sie dürfen ihr Handwerk auch weiterhin ohne bestandene Meisterprüfung ausüben. Treten nach Inkrafttreten des Gesetzes neue Eigentümer oder Gesellschafter in einen Betrieb ein, der in die Handwerksrolle eingetragen ist, so müssen innerhalb von sechs Monaten nach dem Eintritt die Voraussetzungen für die Eintragung in die Handwerksrolle erfüllt und der zuständigen Handwerkskammer nachgewiesen werden.

Wird es zusätzliche Förderungen geben für Handwerker, die bereits einen Betrieb haben und jetzt ihren Meister machen wollen?
Mit dem Aufstiegs-BAföG steht zwar ein bewährtes Instrument zur Verfügung. Wir müssen aber weiter denken. Durch die demografische Entwicklung nimmt die potentielle Zahl von Gründern und Betriebsübernehmern ab. Umso wichtiger ist es, junge Menschen zur Selbstständigkeit zu motivieren. Wir brauchen deshalb dauerhaft mehr Wertschätzung und Anreize für die Selbstständigkeit. Die Einführung eines bundesweiten, gut ausgestatteten Meisterbonus mit einer ergänzenden Gründungs- und Übernahmeprämie wäre der richtige Weg. Damit würde die Bundesregierung auch ihrem Ziel der Gleichwertigkeit von beruflicher zu akademischer Bildung einen deutlichen Schritt näher kommen.

Was können Sie zu den gegenwärtigen Ausbildungskapazitäten sagen, reichen diese aus?
Ausreichende Kapazitäten sind vorhanden. Die Betriebe suchen händeringend Auszubildende. Die hohe Zahl der offenen Lehrstellen spricht Bände. Ende September waren noch rund 22.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Die Ausbildungskapazitäten sind also weniger das Problem, sondern eher, wie wir junge Leute gewinnen, die die angebotenen Ausbildungsplätze auch nutzen und eine duale Ausbildung beginnen.

Die Handwerksnovelle, mit der im Jahr 2004 für mehr als die Hälfte der 94 Handwerke die Meisterpflicht abgeschafft wurde, fand in einer Zeit mit über fünf Millionen Arbeitslosen statt. Wie bewerten Sie diese Novelle aus heutiger Sicht?
Man hat damals auf politischer Seite eine Art Sündenbock gesucht, an dem man festmachen konnte, dass es vermeintlich verkrustete Strukturen gibt und diese Innovation hemmen. Vor dem Hintergrund der hohen Arbeitslosenzahlen war das Credo damals: Wir brauchen mehr Freiheit, mehr Gründungen, alles wird günstiger. Und das Handwerk hat man sich dann ausgeguckt. Rationale Argumente haben damals nichts ausrichten können, weil man politisch ein Zeichen setzen wollte. Deshalb hat man sich von der Novellierung nicht abbringen lassen. Vorrangig war, die Zahlen in den Arbeitslosenstatistiken zu reduzieren. Das hat man versucht, indem man die Menschen motiviert hat, sich schnell selbstständig zu machen, was dann ja auch tatsächlich zu zahlreichen Ich-AG’s geführt hat. Ob sie sich dann auch am Markt halten können, ob sie gute Qualität abliefern, das spielte keine Rolle. Man wollte ein Zeichen für Aufbruch setzen und Teile des Handwerks hatten dann das Nachsehen.

Wie war damals die Reaktion des Handwerks?

Wir haben von Anfang an auf die Risiken und Gefahren für Ausbildung, Betriebsbestand und Qualität hingewiesen. Und wir haben auch gesagt, dass wir das nicht akzeptieren und die weitere Entwicklung sehr genau beobachten werden. Es hat nun zwar einige Zeit gedauert, aber jetzt steht die Wiedervermeisterung in zwölf Gewerken an. Wovor wir damals schon gewarnt hatten, dass nämlich Wissen verloren geht, das hat sich in der Realität dann auch bewahrheitet. Deshalb ist es gut, dass diese Fehlentwicklung korrigiert wird. Hätte man diese Entwicklung ungebremst so weiter laufen lassen, wäre es zu einer noch stärkeren Dequalifizierungs-Spirale gekommen. Denn ohne Meister ist irgendwann niemand mehr da, der Wissen weitergibt. Mit der Novelle damals hat man – drastisch formuliert – geradezu mit der Axt reingehauen in diesen historisch gewachsenen und zur Identität des Handwerks gehörenden Qualifizierungs-Dreiklang aus Ausbildung, Geselle und Meister. Doch zur Handwerker-Identität gehört, dass junge Menschen von Meistern ausgebildet werden und dann ihrerseits später dieses Wissen wieder weitergeben. Das Signal 2004 war: Wissen und Qualifikation sind nicht wichtig. Jeder kann das. Und das ging Vielen an die Ehre.