03.08.2020

"Bildet weiter aus und gebt den jungen Leuten eine Chance"

Trenkel Portraitfoto von Hans Peter Wollseifer vor dem Haus des Deutschen Handwerks in Berlin
Foto: ZDH/Boris Trenkel

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer äußert sich gegenüber Andreas Hoenig von der Deutschen Presse-Agentur zur aktuellen Situation am Ausbildungsmarkt:

"Der Ausbildungsmarkt ist in schwerem Fahrwasser und das macht uns im Moment schon Sorgen. Wir hatten in den vergangenen Wochen und Monaten das Problem, dass es kein 'Matching' zwischen Betrieben und Jugendlichen gab und auf den üblichen Wegen keine Berufsorientierung stattgefunden hat. Es gab keine Praktika und keine Ausbildungsmessen, auch persönliche Gespräche waren kaum durchzuführen. Weil jeder von den Problemen der Betriebe spricht, sind die potenziellen Ausbildungsbewerber sehr zurückhaltend und verunsichert und fragen sich natürlich: Gibt es die Betriebe in drei Jahren noch?

Wir müssen Mut machen. Mit dem Bundespräsidenten haben wir gemeinsam einen Aufruf an Betriebe und Jugendliche, aber auch an deren Eltern und Lehrer gerichtet: Ergreift die Chance und startet eine berufliche Ausbildung! An die Betriebe geht mein Appell: Bildet weiter aus und gebt den jungen Leuten eine Chance. Ansonsten fehlen in drei Jahren die Fachkräfte. Und mein Appell an die Jugendlichen: Nutzt die Ausbildungsangebote im Handwerk, das Euch mit seinen zahlreichen Berufs- und Karriereperspektiven eine gute und sichere Zukunft bietet.

Im Handwerk sind aktuell bundesweit noch über 33 000 Ausbildungsstellen nicht besetzt. Die bieten unsere Betriebe für die Ausbildung an. Auf der anderen Seite sind von Januar bis Juni 16,6 Prozent weniger neue Ausbildungsverträge abgeschlossen worden als im Vorjahreszeitraum. Derzeit tun wir alles, um Betriebe und Azubis zusammenzubringen, sodass sich die Lage verbessert. Dazu haben wir auch unsere Lehrstellen-App nochmals verbessert. Wir gehen davon aus, in diesem Jahr in der Vermittlung sechs bis acht Wochen hinterher zu sein.

Auch wenn das neue Ausbildungsjahr in den meisten Ländern offiziell am 1.8. startet, ist damit der Zug für eine Ausbildung noch nicht abgefahren. Ein Einstieg ist auch später noch möglich: Eine Ausbildung kann auch am 1. September, 1. Oktober oder sogar noch am 1. November gestartet werden. Die Ausbildungsberater und passgenauen Vermittler der Handwerksorganisation helfen auch in dieser Nachvermittlungsphase. Oder anders: Für eine gute Ausbildung im Handwerk ist es nie zu spät.

Die Kammern und Verbände des Handwerks haben wirklich Großes geleistet und ihre Berufsorientierungsmaßnahmen verstärkt. Viele Aktivitäten sind ins Netz verlagert: Webseminare, virtuelle Ausbildungsmessen, WhatsApp-Sprechstunden und Beratungs- und Informationsangebote werden online und digital angeboten. Für das Handwerk hat früh festgestanden: Die COVID-19-Pandemie darf nicht zu einer Krise für die berufliche Zukunft junger Menschen werden. Alle Jugendlichen, die eine Karriere im Handwerk anstreben, sollen diese Möglichkeit auch bekommen.

Eine große Sorge ist, dass sich nach überwundener Pandemie und dem Konjunkturtal aufgrund fehlender Ausbildung im Corona-Jahr, die Fachkräfteproblematik im Handwerk noch weiter verschärft. Eine gute Ausbildung bleibt der Schlüssel für eine gute Zukunft. Daran hat sich durch Corona nichts geändert. Im Eiltempo müssen wir Betriebe und Ausbildungsinteressierte zusammenbringen. Mit dem Wiederhochfahren wurde die Aufholjagd am Ausbildungsmarkt gestartet. Die Monate des Stillstands während der Schulschließungen – wo sowohl für Betriebe wie auch Ausbildungsinteressierte viel Unsicherheit herrschte, wie es in der Ausbildung weitergeht – müssen aufgeholt werden."

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