29.04.2019

"Berufliche Bildung durch finanzielle Unterstützung aufwerten"

Im Pressegespräch der Frühjahrskonferenz des DHKT spricht ZDH-Generalsekretär Schwannecke über Zufunftsthemen: Strukturförderung, Fachkräftesicherung, Europawahl und Meisterpflicht.

Sehr geehrte Damen und Herren,
herzlich willkommen zu unserem heutigen Pressegespräch.  

Während die exportorientierte deutsche Wirtschaft zu schwächeln beginnt, erlebt das Handwerk weiterhin ein Konjunkturhoch. Wir erwarten auch für 2019 wieder ein Wachstum von circa vier Prozent. Dass es für uns wirtschaftlich gut läuft, freut uns natürlich, kann uns aber nicht zufriedenstellen. Die Politik in Berlin und in Brüssel muss die Weichen für die Zukunft stellen, damit Handwerksbetriebe nicht nur heute, sondern auch noch morgen ein Stützpfeiler der deutschen Wirtschaft sind.  

Strukturförderung im ländlichen Raum

Ein Thema, von dem ich weiß, dass es nicht nur uns, sondern auch Ihnen hier in der Region Chemnitz besonders auf den Nägeln brennt, ist die Strukturförderung im ländlichen Raum. Ländliche Gebiete sind aus Sicht des Handwerks wichtige Zukunftsräume. Etwa die Hälfte unserer Betriebe hat ihren Sitz im ländlichen Raum.  Sie sichern dort maßgeblich Arbeits- und Ausbildungsplätze, die Versorgungsstrukturen und das gesellschaftliche Leben in Dörfern und Kleinstädten.  

Das können sie langfristig aber nur, wenn das politisch entsprechend flankiert wird. Leider müssen wir aber feststellen, dass mit Strukturförderung im ländlichen Raum meist nur die Landwirtschaft gemeint ist. Kurz: Diese Förderimpulse sind zu einseitig.  

Was wir stattdessen brauchen, ist ein strukturpolitischer Ansatz, der alle Regionen und Wirtschaftsbereiche umfasst. Die Politik muss sicherstellen, dass wir in Deutschland gleichwertige Lebensverhältnisse in städtischen und ländlichen Gebieten haben. Sonst kommt es zu einer noch stärkeren Landflucht und Verdichtung in den Ballungszentren und Großstädten.  

Deshalb brauchen die ländlichen Räume möglichst schnell hochleistungsfähige Breitbandinfrastrukturen auf Glasfaserbasis. Junge Unternehmer bleiben nur auf dem Land oder ziehen überhaupt erst dorthin, wenn sie auch am virtuellen Leben teilhaben können.  

Natürlich reicht das alleine nicht aus, um Standorte auf dem Land noch attraktiver zu machen. Die Politik muss flächendeckend investieren: In schulische und berufliche Bildungseinrichtungen, Gesundheitsinfrastruktur, gute Wohn-, Kultur-, Freizeitangebote sowie Kinderbetreuung zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Natürlich braucht es auch eine ordentliche Verkehrsanbindung, allem voran der ÖPNV muss ausgebaut werden. Und die Zusage aus dem Koalitionsvertrag auf Bundesebene muss endlich angepackt werden, für den Schienenverkehr ein umfassendes Förderprogramm aufzulegen. Dazu gehören die Elektrifizierung von Strecken, entsprechende Fahrzeuge und erforderliche Nachlade-/ Tankinfrastruktur.    

Fachkräftesicherung

Wenn wir über das Thema Zukunft sprechen, dann ist eines der drängendsten Themen für uns im Handwerk natürlich der enorme Fachkräftebedarf. Es ist uns gelungen, die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge 2018 zum vierten Mal in Folge zu steigern. Das zeigt: Junge Menschen entscheiden sich wieder verstärkt für die vielfältigen Möglichkeiten und Karrierewege, die das Handwerk zu bieten hat. Das sehen wir auch daran, dass sich die Zahl der Abiturienten, die eine Ausbildung im Handwerk beginnen, in den vergangenen Jahren verdoppelt hat. Zuletzt betrug der Abiturientenanteil 13 Prozent.  

Das ist ein großer Erfolg. Denn seit Jahren geht aufgrund der demografischen Entwicklung die Zahl der Schulabgänger zurück.  

Noch dazu strebt die Mehrheit von ihnen in Richtung Abitur und Studium, inzwischen beginnen rund 60 Prozent eines Jahrgangs ein Studium. Das ist – wie wir heute mit Bedauern feststellen müssen – das Ergebnis eines langanhaltenden Werbefeldzuges der Politik für Abitur und Studium.  

Deshalb sind wir trotz der sich abzeichnenden Trendwende mit dem Status Quo nicht zufrieden. Im vergangenen Jahr blieben 17.000 Lehrstellen im Handwerk unbesetzt. Insgesamt gibt es im Handwerk schätzungsweise 250.000 offene Stellen.  

Dieser Fachkräfte- und Nachwuchsmangel hemmt das Wachstum im Handwerk. Fast die Hälfte unserer Handwerksbetriebe hat heute schon Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen und sucht händeringend nach Fachkräften. Wir sind selbst an allen Fronten aktiv: Handwerkskammern, Innungen und Kreishandwerkerschaften engagieren sich außerordentlich, um über Beratungs- und Schulungsprogramme, Workshops, ehrenamtliche Unterstützung durch Senior Experts, ausbildungsbegleitende Hilfen und noch vieles andere dafür zu sorgen, das hohe Ausbildungsniveau bei der ganz überwiegenden Zahl der Betriebe zu halten und weiter zu verbessern. Die Betriebe gehen an die Schulen, auf Ausbildungsmessen, bieten Praktika oder veranstalten Tage der offenen Tür. In ländlichen Gebieten unterstützen sie ihre Azubis mit Mobilitätshilfen.  

Ein weiterer wichtiger Baustein unseres Engagements ist die Einführung des BerufsAbiturs als doppelqualifizierenden Abschluss. Es verknüpft den Gesellenabschluss mit der allgemeinen Hochschulzugangsberechtigung. Wir wollen damit leistungsstarke Jugendliche für das Handwerk gewinnen und sie früh ans Unternehmertum heranführen.  

Im europäischen Ausland, wo es vergleichbare Modelle gibt, sehen wir, dass das funktioniert: 50 Prozent aller Jugendlichen entscheiden sich danach für eine Berufstätigkeit statt für ein Studium. Das BerufsAbitur nimmt ihnen die Angst, dass sie etwas verpassen oder einen gesellschaftlichen Abstieg erleben, wenn sie nicht studieren. Derzeit sind sieben Bundesländer dabei: Im Schuljahr 2017/18 sind Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen mit dem BerufsAbitur gestartet. In diesem Schuljahr kam Berlin dazu, im nächsten folgen Hessen und Rheinland-Pfalz.  

Gründe, sich für das Handwerk zu entscheiden, gibt es genug. In keinem anderen Wirtschaftsbereich gibt es derzeit so gute Chancen, sich erfolgreich selbst zu verwirklichen: In den kommenden Jahren werden rund 200.000 Betriebe im Handwerk einen Nachfolger suchen. Junge Menschen haben nach einer erfolgreichen Meisterqualifikation sehr gute Karten, später einen Handwerksbetrieb zu übernehmen. Von diesen Möglichkeiten müssen die jungen Menschen erfahren!  

Da braucht es die Unterstützung der Politik. Akademische und berufliche Bildung müssen wieder als gleichwertige Wege ins Berufsleben behandelt werden, und das auf jeden Fall auch finanziell. Ein Studium ist in der Regel kostenlos. Hier werden entsprechend Steuermittel bereitgestellt. Unsere angehenden Fachwirte, Meister oder Betriebswirte hingegen müssen einen Teil der Kosten selbst aufbringen. Da kommen schnell mehrere Tausend Euro zusammen. Diese Benachteiligung kann selbst all die abschrecken, die um die vielfältigen Karriere- und Aufstiegsmöglichkeiten im Handwerk wissen. Die Politik ist gefragt, die berufliche Bildung durch finanzielle Unterstützung aufzuwerten. Das ist eine dringend notwendige Investition in die Zukunft.    

Europa und Europawahl

Weichen für die Zukunft werden aber nicht nur innerhalb unseres Landes gestellt. Die Europawahlen stehen kurz bevor, hier bei Ihnen in Sachsen im Herbst auch die Landtagswahlen.  

Die Wahlen sind entscheidend für die Zukunft. Wir alle profitieren von dem Wohlstand und der Sicherheit, die Europa uns gebracht hat. Gerade das Handwerk, die Wirtschaftsmacht von nebenan. Europa ist alle Anstrengungen wert, und das Handwerk wird dazu beitragen, Europa zu erhalten und weiterzuentwickeln. Das ist wichtig, damit Europa mehr Akzeptanz und Wertschätzung in der Bevölkerung findet.  

Im Moment sieht es aber nicht danach aus: Die Prognosen zeigen, dass rechtspopulistische und rechtsextreme Kräfte bei den Wahlen kräftig zulegen werden. Wir dürfen nicht tatenlos zuschauen, wie diese Kräfte massiv darauf hinwirken, dieses einzigartige Friedens- und Wohlstandsprojekt zu zerstören. Das Handwerk bekennt sich deshalb klar zu Europa. Das Handwerk sagt JA! zu Europa.   Wenn Europa eine Zukunft haben und die Zustimmung der Bevölkerung finden soll, muss es sich groß machen in den großen, zentralen Fragen. Und es muss sich klein machen in den Fragen, die bei den Nationalstaaten besser aufgehoben sind. Das ist das Prinzip der Subsidiarität.   Sicherheit, Migration, internationaler Wettbewerb, Klimawandel: Da brauchen wir mehr Europa – und nicht weniger. Natürlich brauchen wir eine europäische Agenda zur Fachkräftesicherung. Wir brauchen eine europaweite Weiterentwicklung der digitalen Infrastruktur.  

Europa muss aber auch Respekt haben vor der Vielfalt, vor den nationalen Besonderheiten der einzelnen Länder. Die Vielfalt hat Europa stark gemacht. Deshalb ist unser Leitgedanke zur Europawahl: In Vielfalt zusammen. Eingriffe etwa in die nationalen Kompetenzen zur Berufsregulierung lehnen wir ab. Auch gemeinsame Steuern auf europäischer Ebene zu erheben, halten wir für den falschen Ansatz. Gerade kleine und mittlere Unternehmen sind das Rückgrat der europäischen Wirtschaft. Darauf nimmt die europäische Gesetzgebung bislang aber noch viel zu wenig Rücksicht. Viele Vorschriften, die Europa erlässt, sind für kleinere Betriebe viel zu kompliziert. Da brauchen wir Entlastung statt Belastung.    

Rückkehr zur Meisterpflicht

Die Stärke Europas war immer, seine Vielfalt zu akzeptieren. Europa lebt vom Wettbewerb der unterschiedlichen Lösungsansätze. Ein gutes Beispiel dafür ist die Berufliche Bildung: Da haben wir in Deutschland ein sehr erfolgreiches Modell, um das wir im Ausland beneidet werden.

Die duale Ausbildung ist unser Alleinstellungsmerkmal und das Rückgrat unserer leistungsfähigen und vielseitigen Wirtschaft. Zu dieser Ausbildung gehört selbstverständlich der Meisterbrief, der jungen Menschen Arbeits- und Aufstiegschancen bietet und Fachkräfte qualifiziert.  

Deshalb war die Handwerksnovelle 2004 ein Schritt in die falsche Richtung. Die betroffenen Gewerke, in denen die Meisterpflicht abgeschafft wurde, sind in eine Spirale der Dequalifizierung geraten. Sie stehen meist deutlich weniger Jahre  im Markt und bilden seltener aus. Der Wissenstransfer ist nicht mehr gewährleistet, und es wird auch nicht unbedingt nach Meister-Qualitätsstandards gearbeitet – zum Nachteil der Verbraucher und mit allen Konsequenzen für die Gewährleistung.  

Bei so einer Entwicklung ist es natürlich schwierig, junge Menschen von der Wertigkeit einer handwerklichen Ausbildung zu überzeugen. Wir begrüßen deshalb das Signal der Politik, die Meisterpflicht wieder auszudehnen. Mehr Qualität, mehr Ausbildung, mehr Verbraucherschutz und nachhaltige Betriebe bekommen wir nur mit der Meisterpflicht. Der Bundesrat teilt diese Einschätzung. Jetzt ist die Bundesregierung gefordert, zu handeln.    I

ch darf nun an Herrn Winkelströter übergeben, der Ihnen einen Überblick über die Situation in der Region Chemnitz gibt.  

Vielen Dank.

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