Zentralverband des
Deutschen Handwerks

Generationenübergreifendes Aktenwälzen

Etwa 200.000 Handwerksbetriebe stehen deutschlandweit vor einer Übergabe an Nachfolger. Einer von ihnen ist die Dachdeckerei Wolf aus Annaberg in Sachsen.
  • Harald und Michaela Wolf.

Dachdeckermeister Harald Wolf hat sich in seine Dachdeckerkluft geschmissen. Damit vermittelt er den Eindruck, eben von der Baustelle hereingekommen zu sein. Seit gut zwei Jahren aber kümmert er sich tatsächlich nur noch um ein paar Bestellungen. 2017 hat er den Dachdeckerbetrieb an Tochter Michaela übergeben. Sie ist 40 Jahre alt, Dachdeckermeisterin und dreifache Mutter. Der jüngste Spross der Familie Wolf ist erst knapp sechs Jahre alt und der Grund dafür, warum die Übergabe nicht schon 2016 stattgefunden hat. Michaela Wolf erklärt: „Muttersein und die Firma mussten vereinbar sein, es sollte ja niemand dabei auf der Strecke bleiben.“

Gut ein Jahr haben sich Vater und Tochter dann die nötige Zeit genommen, ordentlich geplant und viele dicke Ordner und Akten gefüllt. Rückblickend eine gute Entscheidung, meint Harald Wolf: „Bei so einer Übergabe müssen so viele kleine Details bedacht werden – steuerliche und rechtliche Aspekte. Das hat einfach Reifezeit gebraucht. So war der Prozess für alle entspannt und gut zu schaffen. Geholfen hat auch, dass wir zwei uns immer einig sind.“ „Gold“ wert waren zudem die Berater der Handwerkskammer Chemnitz, die den Prozess mit Rat und Tat begleitet haben, befinden beide rückblickend.

"Dachdeckerblut lässt sich eben nicht verleugnen."

Harald Wolf hat das Unternehmen vor gut 20 Jahren ebenfalls von seinem Vater übernommen. Das war so eigentlich nicht geplant – entwickelte sich dann aber zu seiner Bestimmung, wie er selbst sagt. Der gelernte Ökonom hatte eigentlich andere Pläne, entschied sich aber 1990 doch noch für den Dachdeckerberuf und schulte um. Harald Wolf kommentiert das heute schmunzelnd: „Dachdeckerblut lässt sich eben nicht verleugnen!“ 1996 legte er den Meisterbrief ab und leitete seither erfolgreich den Dachdeckerbetrieb im erzgebirgischen
Annaberg-Buchholz.

Seine Tochter Michaela setzte die Familientradition dann fort – lernte im elterlichen Betrieb, legte die Gesellenprüfung und 2005 auch die Meisterprüfung ab. Sie hat Spaß an ihrem Job und ist stolz auf die lange Familientradition. Immerhin feiern die Wolfs 2020 ihr 250-jähriges Firmenjubiläum. Damit sind sie wahrscheinlich der älteste Dachdeckerbetrieb in Sachsen. „1770 wurde der schönburgische Schloss- und Hofschieferdecker Carl Friedrich Wolf aus Glauchau mit Amalie Postmann in Annaberg getraut“, erzählt Michaela Wolf, „das können wir urkundlich anhand des Kirchenbuches nachweisen.“ Das war der Beginn der Dachdeckertradition in Annaberg-Buchholz.

Alle nachfolgenden Generationen wurden ebenfalls Dachdecker. Heute sind acht Angestellte gut ausgelastet und Michaela Wolf hat sich fast vollständig aus der praktischen Arbeit zurückgezogen. Im Gegensatz zu ihrem Vater konzentriert sie sich beinahe ausschließlich auf die Büroarbeit: Aufmaß, Beratung, Angebote, Abnahmen, Kalkulationen, Rechnungen und Genehmigungen bestimmen heute mehr denn je den Arbeitsalltag der Chefin. Auf dem Dach ist sie aber nach wie vor gern – und kennt sich bestens mit Materialien und Techniken aus. Die Tage, die sie auf den Dächern im Erzgebirge verbringen darf, genießt sie: „Das Freiheitsgefühl hier oben ist einfach einmalig!“

"Wir sind auf Herz und Nieren geprüft worden."

Kaum war die Übergabe an die inzwischen neunte Generation vollzogen, las Harald Wolf in der Tagespresse den Aufruf für den sächsischen Unternehmerpreis „Sächsischer Meilenstein“. Nach einer kurzen Rückversicherung bei der Handwerkskammer entschieden sie: Das versuchen wir. Etliche Seiten Bewerbungsunterlagen, mehrere Nachfragen und einen Besuch der Prüfungskommission später hielt das Dachdeckerduo den Preis für die gelungene Firmenübergabe in den Händen. „Wir sind wirklich auf Herz und Nieren geprüft worden“, berichtet die Dachdeckermeisterin stolz. Vater und Tochter freuen sich über die zusätzliche Honorierung ihres generationenübergreifenden Familienprojektes.

Der größtmögliche Lohn für die Übergabe aber ist die Gewissheit, zufrieden und mit einem guten Gefühl die Familiengeschichte weiterzuführen. Und auch ein Novum gibt es seit 2017 in der Familiengeschichte – Michaela Wolf ist die erste Frau, die diesen Handwerksbetrieb leitet. Die nächste Generation ist mit zwei Söhnen und einer Tochter ebenfalls schon da. Findet sich da der nächste Nachfolger? Wie schon ihr Großvater und ihr Vater vor ihr will Michaela Wolf diese Entscheidung ganz allein ihren Kindern überlassen.

  • Arbeit auf dem Dach.

  • Das Team der Dachdeckerei Wolf.

Dieser Text erschien erstmals im ZDH-Jahrbuch 2020.