Zentralverband des
Deutschen Handwerks
24.03.2026

Wochenarbeitszeit stärkt Flexibilität im Handwerk

Flexibilität und Wettbewerbsfähigkeit im Handwerk können durch eine Wochenarbeitszeit gestärkt werden. Und sie verbessert die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf, so ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke im Gesamtmetall-Magazin "Perspektiven".
Holger Schwannecke

Herr Schwannecke, Sie sagen, dass starre Tagesgrenzen bei der Arbeitszeit niemanden helfen und fordern ein Arbeitszeitgesetz, das den Bedürfnissen moderner Arbeits- und Lebenswelten gerecht wird. Wie zeigen sich diese konkret im Handwerk?

Im Handwerk prallen feste Tageshöchstgrenzen oft auf die Realität. Lange Anfahrten, Staus oder witterungsabhängige Arbeiten führen dazu, dass Baustellen vorzeitig verlassen werden müssen, obwohl nur noch wenige Stunden fehlen. Am nächsten Tag geht es dann für einen Restauftrag erneut hinaus, das kostet Zeit und Geld und ist auch für die Beschäftigten wenig sinnvoll. Ähnlich problematisch ist es bei Notdiensten. Nach Einsätzen in Rufbereitschaft lassen sich die gesetzlichen Ruhezeiten häufig kaum einhalten, vor allem in kleinen und mittleren Betrieben mit begrenztem Personal. Auch der Wunsch vieler Teams nach einer Vier-Tage-Woche mit jeweils zehn Stunden passt nicht ins starre Korsett. Schon wenige Minuten darüber hinaus bedeuten einen Gesetzesverstoß. Hinzu kommen enge Zeitvorgaben von Kundenseite, die mit den aktuellen Regeln oft kollidieren. Das alles zeigt: Das Arbeitszeitrecht braucht mehr Spielraum, damit Betriebe und Beschäftigte praktikable Lösungen finden können.

Laut Koalitionsvertrag will die Bundesregierung die Möglichkeit “einer wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit schaffen”. Inwieweit könnte eine solche Umstellung dem Handwerk und den dort Beschäftigten helfen?

Eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit würde mehr Flexibilität bringen, ohne dass insgesamt mehr gearbeitet wird. Die Stunden würden lediglich anders verteilt, selbstverständlich unter Einhaltung des Arbeitsschutzes. Für Beschäftigte eröffnet das mehr Möglichkeiten, Arbeitszeiten an persönliche Lebenssituationen anzupassen, etwa bei Kinderbetreuung oder Pflege. Betriebe könnten Aufträge mit längeren Anfahrten bündeln und Arbeitsspitzen besser abfedern. Das Handwerk setzt sich seit Langem für eine solche Modernisierung im Sinne der EU-Arbeitszeitrichtlinie ein. Die Vereinbarung im Koalitionsvertrag muss nun umgesetzt werden.

Der demografische Wandel führt zu einem strukturellen Wandel des Arbeitskräfteangebots. Welche Rolle könnten flexiblere Arbeitszeitmodelle spielen, um brachliegende Arbeitspotenziale besser zu nutzen?

Flexible Arbeitszeitmodelle sind ein wichtiger Baustein, um mehr Menschen im Erwerbsleben zu halten oder zurückzugewinnen. Im Handwerk gibt es bereits Instrumente wie Arbeitszeitkonten, Teilzeitmodelle oder die Vier-Tage-Woche.Solche Modelle sprechen unterschiedliche Gruppen an, etwa ältere Beschäftigte, Eltern, Pflegende oder Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Lebensphasenorientierte Lösungen können dazu beitragen, dass erfahrene Fachkräfte länger im Betrieb bleiben. Das sichert Wissen und stärkt auch die Ausbildungsqualität. Gleichzeitig profitieren junge Familien von besseren Vereinbarkeitsmöglichkeiten. Damit das gelingt, braucht es jedoch auch verlässliche Kinderbetreuung und Pflegeangebote. Flexible Arbeitszeiten allein reichen nicht, wenn die Infrastruktur fehlt.

Welche Erfahrungen hat das Handwerk mit Vertrauensarbeitszeit? Der Koalitionsvertrag will Vertrauensarbeitszeit ohne Arbeitszeitaufzeichnung absichern. Was ist ihre Position?

Vertrauensarbeitszeit ist im Handwerk vielerorts gelebte Praxis. Gerade im Außendienst oder bei eigenverantwortlichen Tätigkeiten zählt das Ergebnis, nicht die minutengenaue Kontrolle. Arbeitgeber und Beschäftigte vertrauen darauf, dass die vereinbarte Arbeitszeit eingehalten wird. Würde man dieses Modell einer strikten Kontrolle unterwerfen, würde der Grundgedanke des Vertrauens ausgehebelt. Das käme faktisch dem Ende der Vertrauensarbeitszeit gleich. Unabhängig davon erfassen die meisten Betriebe Arbeitszeiten bereits heute, handschriftlich oder digital. Diese Formfreiheit muss erhalten bleiben, damit jeder Betrieb und jedes Unternehmen eine Lösung wählen kann, die zu seinen Abläufen passt. Eine verpflichtende elektronische und taggleiche Erfassung würde vor allem kleine und mittlere Betriebe erheblich belasten, insbesondere bei wechselnden Einsatzorten oder Baustellen. Deshalb braucht es hier praktikable Ausnahmen. Und ganz generell: Der Umgang mit dem Thema Vereinbarkeit steht stellvertretend für eine Fehlentwicklung der letzten Jahre, die wir dringend korrigieren müssen. Wir leisten uns zu viel Misstrauenskultur. Was wir brauchen ist Vertrauen, eine Vertrauenskultur. Und zwar schnell und umfassend.

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