Zentralverband des
Deutschen Handwerks
08.04.2026

Gesamtreformkonzept nötig statt aktueller Einzelmaßnahmendebatte

Angesichts hoher Energiepreise und Lohnzusatzkosten braucht es ein für Betriebe entlastendes Gesamtreformpaket, das auf mehr Eigenverantwortung setzt und Wachstum anregt, so ZDH-Präsident Jörg Dittrich zu Jakob Hartung & Nilofar Breuer / t-online.
Jörg Dittrich

t-online: Wegen des Krieges im Nahen Osten steigen die Energie- und Spritpreise stark. Wie sehr belastet das die Handwerkerinnen und Handwerker?

Jörg Dittrich: Auf das Handwerk kommen erhebliche Kostensteigerungen zu. Egal ob Logistikkosten oder Rohstoffpreise in den Lieferketten, es gibt massive Auswirkungen. Ich erlebe es in meiner Firma täglich: Vergangene Woche hat uns ein Unternehmen beauftragt, das Dach zu modernisieren. Diese Woche kam der Anruf: Wir müssen nicht mehr kommen, das Werk wird Ende April geschlossen.

Sehen Sie aktuell mehr Handwerksbetriebe, die aufgeben?

Leider beobachten wir das schon länger. Wie in der Gesamtwirtschaft sind auch im Handwerk die Insolvenzzahlen gestiegen, ohne dass man von einer Insolvenzwelle sprechen kann. Größere Sorgen macht mir das ‘stille Sterben’ vieler Betriebe. Rund 75 Prozent der Handwerksbetriebe sind Personenunternehmen, deren Inhaber mit ihrem Privatvermögen haften. Da hängt dann nicht nur der Betrieb dran, sondern oft das ganze Leben, das Einfamilienhaus, die Altersvorsorge. Wenn es wirtschaftlich eng wird, dann prüfen viele: Was kann ich tun, dass all das nicht verloren geht? Und viele, die Ende fünfzig oder Anfang sechzig sind, sagen sich: Ehe ich alles riskiere und ohnehin niemanden finde, der den Betrieb übernimmt, höre ich lieber auf. Die schließen dann still. Allein 2025 ist im Handwerk die Beschäftigtenzahl um 66.000 gesunken.  

Wird das Handwerk vor allem durch Preissteigerungen getroffen – oder sind wegen des Krieges im Nahen Osten auch Lieferketten gestört?

Die Störung der Lieferketten baut sich gerade auf. Gerade der Energiepreisschock ist dieses Mal schlimmer als in der Ukraine-Krise und schlägt in alle Bereiche durch. Niemand wartet mehr ab, alle Betriebe reagieren sofort, ziehen Angebote zurück oder kündigen Aufträge.

Wie sollte die Politik auf den Preisanstieg reagieren?

Ich fordere einen Gewerbediesel nach dem Vorbild des Agrardiesels. Damit könnte Tanken für gewerbliche Zwecke steuerlich begünstigt werden. Mir ist klar, dass das Privatpersonen außen vor ließe. Aber in der aktuell derart angespannten wirtschaftlichen Lage geht es darum, wie wir unseren wirtschaftlichen Kern erhalten. Die Belastbarkeit unserer Wirtschaft ist nicht unendlich. Das Immunsystem gegenüber Krisen ist aufgebraucht. Wir sehen das am Verlust von Arbeitsplätzen und Betrieben. Deshalb sollte die Regierung eine Entlastung für gewerblich genutzten Diesel erwägen.

Welche Gewerke leiden besonders unter der aktuellen Lage – und welche sind stabiler?

Energie- und lohnintensive Gewerke stehen derzeit unter dem größten Druck. Textilreinigungen, Stahl- und Metallbetriebe oder Bäckereien beispielsweise benötigen viel Energie, steigende Energiepreise betreffen sie unmittelbar. Schwer haben es auch alle Gewerke mit hohem Personalanteil, etwa bei den körpernahen Dienstleistungen. Hohe Lohnzusatzkosten verteuern die Leistungen für Endkunden, machen sie für diese immer schwerer bezahlbar. Dann gehen Leute eben seltener zum Friseur. Besser läuft es dort, wo Reparaturen oder Transformation eine Rolle spielen: in Kfz-Werkstätten, in den Bereichen Sanitär, Klima, Heizung oder im Bereich Elektro sowie in Dachdeckerbetrieben. Wenn das Dach undicht ist, ruft der Kunde an. Und Photovoltaik oder Dachbegrünung bringen zusätzliche Nachfrage.

Die Bundesregierung hat viele Schulden aufgenommen und will Milliarden in Infrastruktur und Bau stecken. Kommt dieses Geld beim Handwerk an?

Leider ist das noch nicht zu spüren. Ein Teil des Geldes wird zudem genutzt, um Haushaltslöcher zu stopfen und bleibt in Verschiebebahnhöfen hängen. Ein anderer Teil des sogenannten Sondervermögens geht in die Länder und Kommunen, die kürzen allerdings gleichzeitig ihre Investitionen. Städte, Gemeinden und Landkreise hatten im vergangenen Jahr Milliardendefizite. Wo sollten da zusätzliche Investitionen herkommen? Die streichen erst einmal vieles weg, was es bisher gab. Und dann ersetzt der Bund einen Teil davon. Ein echter zusätzlicher Schub ist nicht zu erkennen. Das erinnert mich an meine Erfahrungen aus der Vergangenheit.

Was meinen Sie damit?

In der DDR gab es das Programm “Dächer dicht”, weil die Dächer überall kaputt waren. Wir haben damals an einem Einfamilienhaus ein paar Ziegel gewechselt und mussten melden, wir hätten 120 Quadratmeter Dachfläche repariert. Und wenn wir an einem großen Gebäude Ziegel austauschten, waren auf dem Papier gleich Tausende Quadratmeter erledigt. Da wurde ein Plan übererfüllt, obwohl das eigentliche Problem gar nicht gelöst war. Genau daran muss ich heute denken, wenn sich die Politik mit zusätzlichen Investitionen rühmt, aber am Ende nur das ersetzt, was ohnehin hätte gemacht werden müssen.

Sehen Sie da also Parallelen? Sind wir auf dem Weg zu einer DDR 2.0?

Nein, natürlich nicht. Wir leben heute in Freiheit! Ich werde nicht verhaftet für das, was ich gerade sage. Das ist ein gigantischer Unterschied, und den sollten wir bitte nicht kleinreden. Aber ich bringe eine Lebenserfahrung aus zwei Gesellschaftssystemen mit. In der DDR wurde alles dafür getan, um zu verdrängen, dass das System nicht funktionierte. Erkennen wir jetzt an, dass unsere Wirtschaft große Probleme hat, oder ruhen wir uns darauf aus, dass die Sonderschulden schon alles richten werden? 

Die Bundesregierung sagt inzwischen, es brauche mehr Arbeit und mehr Arbeitsstunden. Können Handwerkerinnen und Handwerker das leisten?

Niemand sollte das Gefühl bekommen: Ihr seid alle faul, und an euch liegt es, dass Deutschland nicht vorankommt. Das ist nicht der Fall. Wer in Teilzeit arbeitet, weil er sich um Kinder oder Angehörige kümmert, soll diese Chance haben. Aber die, die mehr arbeiten wollen, müssen die Flexibilität dazu haben. Und vor allem müssen sie etwas davon haben. Wenn jedoch mehr verdientes Geld durch eine viel zu hohe Steuer- und Abgabenlast verschwindet, dann lohnt sich das für viele eben nicht.

Wie könnte mehr Flexibilität konkret aussehen?

Ich glaube, wir brauchen den Mut, der Wirtschaft mehr Eigenverantwortung zu geben. Die Identitätsstiftung der Gewerkschaften ist der Achtstundentag. Aber wir brauchen heute mehr Spielraum. Deshalb wäre eine wöchentliche Höchstarbeitszeit statt eines starren Achtstundentags besser. Mir sind die Sorgen der Kritiker bewusst. Aber wir sind in einer schwierigen Lage. Wir sollten das ausprobieren. Und wenn wir feststellen, dass es entgleitet und es flächendeckend zu Verwerfungen kommt, muss man es wieder ändern.

Die Bundesregierung hat eine Welle an Reformen angekündigt, die bis Sommer umgesetzt werden sollen. Könnte das dem Handwerk helfen?

In der aktuellen Debatte geht es fast nur um Einzelmaßnahmen auf der Einnahmeseite: Erbschaftsteuer, Mehrwertsteuer, Spitzensteuersatz, Umverteilung durch Vermögenssteuer. Aber wo ist das Gesamtkonzept für mehr Wachstum? Wo ist die Ausgabenkritik und eben nicht nur die Einnahmeseite? Wo ist die Antwort auf die Frage, was nach Reformen für den hart arbeitenden Leistungsträger übrigbleibt?

Wo sollte die Politik also ansetzen?

Der entscheidende Punkt sind für mich die sozialen Sicherungssysteme. Arbeit ist in Deutschland so teuer geworden, dass sie international und zunehmend auch im Inland nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Wir haben den Standortvorteil der sozialen Sicherung so weit überdehnt, dass er zum Standortnachteil geworden ist. Die Sozialabgabenquote lag einmal unter 40 Prozent, heute beträgt sie knapp 43 Prozent mit steigender Tendenz. Da müssen wir runter.

Also handelt die Regierung mit ihrem Reformpaket am eigentlichen Problem vorbei?

Ich nehme vieles wahr, was angeschoben wurde: Bauturbo, Modernisierungsagenda, Investitionsprogramme. Das lobe ich. Aber es hat eben bei Weitem nicht gereicht, um die Wirtschaft zum Laufen und in einen selbsttragenden Aufschwung zu bringen. Wir brauchen ein Gesamtkonzept. Kanzler, Finanzminister und die Spitzen der Koalition müssten sich hinsetzen und ein Paket schnüren, über dem steht: Diese Maßnahmen erzeugen Wachstum. Diese Maßnahmen führen zu einem wettbewerbsfähigeren Standort. Sonst kommen wir aus dem Dilemma nicht heraus.

Die Arbeitslosigkeit steigt, trotzdem klagt das Handwerk weiter über Fachkräftemangel. Ist dieses Problem kleiner geworden?

Nein, schon aus demografischen Gründen kann es nicht kleiner werden. Denn immer mehr Handwerker hören auf und die Gruppe der Schulabgängerinnen und -abgänger ist zu klein, um das zu ersetzen. Aber im Handwerk sehen wir entgegen dem Trend in der Gesamtwirtschaft eine positive Entwicklung. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist zum wiederholten Mal auch im Jahr 2025 im Handwerk leicht gestiegen. Doch wir bräuchten noch viel mehr junge Menschen, die sich für eine berufliche Ausbildung entscheiden. Gleichzeitig gehen viel zu viele junge Leute in Studiengänge, die der Arbeitsmarkt so gar nicht braucht. 

Warum gelingt es den Betrieben noch immer nicht besser, Frauen für das Handwerk zu gewinnen?

Wir sind auf einem guten Weg, aber ganz klar schöpfen wir das Potenzial noch nicht aus. In einigen Berufen, etwa bei Tischlerinnen oder Malerinnen, steigt der Frauenanteil bereits. In vielen Bauberufen liegt er jedoch weiter bei nur fünf bis zehn Prozent. Da müssen wir weiter was tun, nicht nur die Politik, sondern auch wir als Handwerk. Gleichzeitig sind Frauen im Handwerk stärker vertreten, als es öffentlich oft wahrgenommen wird. Fast jede fünfte Meisterprüfung wird von einer Frau abgelegt, etwa jeder vierte Betrieb von einer Frau geführt, mit steigender Tendenz. 

Braucht es mehr Arbeitsmigration, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen?

Definitiv. Die ungesteuerte irreguläre Migration ist eine Kugel am Fuß, weil dann viele beim Thema Zuwanderung sofort nur daran denken. Aber wir brauchen Zuwanderung in Arbeit und in Ausbildung. Das sagen alle Statistiken. Wenn wir das nicht schaffen, werden wir für viele Tätigkeiten niemanden mehr haben. Es gibt im Handwerk schon jetzt viele positive Beispiele.

Nennen Sie bitte eins.

Ein Bäckerbetrieb aus meiner Gegend hat Vietnamesen eingestellt und gesagt: Wir kümmern uns um sie, nicht nur im Betrieb, sondern auch darüber hinaus. Das ist anstrengend, kulturell und organisatorisch. Aber es funktioniert. Solche Wege brauchen wir mehr.

Nach der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz haben Sie gewarnt, die falschen Schlüsse zu ziehen. Die Antwort könne nicht sein, sich weiter einzumauern. Plädieren Sie für ein Ende der Brandmauer zur AfD?

Als Präsident des Zentralverbandes ist es nicht meine Aufgabe, über Brandmauern zu befinden. Wir sind keine Partei, sondern eine Wirtschafts- und Gesellschaftsgruppe. Aber das Handwerk hat eine Haltung: Hass, Rassismus und Hetze haben bei uns nichts zu suchen. Im Handwerk arbeiten viele Menschen mit ausländischem Pass. Wir kommen da locker auf 20 Prozent. Das sind unsere Leute. Meine Frage ist eine andere: Was machen CDU, CSU und SPD, damit sie dem Populismus nicht den roten Teppich ausrollen? Die Demokratie muss jetzt liefern. Stillstand ist keine Option.

Und wann wäre es aus Ihrer Sicht an der Zeit, politisch mit der AfD zusammenzuarbeiten?

Das ist nicht die Frage, die das Handwerk zu beantworten hat. Wir können keine Gesetze machen. Wir können Vorschläge machen, und das tun wir seit Langem. Jetzt ist der Gesetzgeber gefordert. Entscheidend ist, dass die Politik ihr Mandat nutzt und Antworten liefert, die Wachstum schaffen und Sicherheit geben.

Und wenn die AfD in Sachsen-Anhalt stärkste Kraft wird – müssten die anderen Parteien dann umdenken?

Warum sollten Parteien, die längst in der Verantwortung sind, erst warten, bis ein anderer stärker wird, um zu handeln? Es ist jetzt die Zeit zu handeln. Ich wüsste nicht, worauf wir ständig noch warten. Wenn die demokratische Mitte nicht liefert, stärkt sie am Ende genau die Kräfte, vor denen sie warnt.

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