Entscheidend sind jetzt Reformtempo und klare Prioritäten
Foto: ZDH/Henning Schacht
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich, Sie heute zum Wirtschaftsgespräch im Vorfeld von ZUKUNFT HANDWERK und der Internationalen Handwerksmesse begrüßen zu dürfen, sowohl persönlich als auch im Stream.
Wir erleben aktuell tiefgreifende politische, wirtschaftliche und technologische Veränderungen. Das macht den direkten Austausch wichtiger denn je. Die Messe bietet den idealen Rahmen dafür: Praxis, Innovation und Zukunftsorientierung treffen aufeinander und liefern Impulse für Betriebe, Gesellschaft und Politik
Nach fast 300 Tagen schwarz-roter Regierungsarbeit fällt die Bilanz aus Sicht des Handwerks gemischt aus. Positiv ist, dass wichtige Maßnahmen wie verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten für Investitionen, das Entlastungskabinett oder die Modernisierungsagenda angestoßen wurden. Und dennoch herrscht in sehr vielen Handwerksbetrieben Ernüchterung, teils auch Frust. Denn sie spüren von diesen Maßnahmen viel zu wenig in ihrem Betriebsalltag. Nach wie vor überwiegt in den Betrieben der enorme Belastungsdruck durch Bürokratie, Steuern, Sozialabgaben und Energiepreise, und das drückt massiv auf die Stimmung.
Das liegt auch daran, dass viele Beschlüsse der Regierungskoalition bislang noch nicht umgesetzt sind und grundlegende Strukturreformen, etwa bei den Sozialversicherungssystemen und Steuern, weiter ausstehen: Der Herbst der Reformen ist ausgefallen, und die Enttäuschung darüber ist vielerorts groß.
Die strukturellen Schwächen am Standort Deutschland sind viel zu gravierend, als dass die bisherigen Regierungsbeschlüsse ein nachhaltiges Wachstum ausgelöst hätten. Das belegen die aktuellen Daten zu Investitionen, Arbeitsmarkt und Betriebsschließungen. Und das für 2026 prognostizierte Wachstum basiert vor allem auf Schulden und ist alles andere als selbsttragend.
Der Konjunkturbericht im Handwerk für das vierte Quartal 2025 bestätigt das: Die Umsätze stagnieren, Investitionen werden verschoben, die Beschäftigung sinkt leicht. Einige Bereiche, etwa Gebäudetechnik, Energieeffizienz und Klimaanpassung, entwickeln sich zwar stabil. Andere, vor allem energieintensive Betriebe, Bauhauptgewerbe und Lebensmittelhandwerke, stehen durch hohe Kosten und lange Genehmigungsverfahren unter Druck.
Umso wichtiger ist, dass die Koalition jetzt die richtigen Weichen stellt und sich nicht in innerkoalitionären Debatten über Themen wie Teilzeitrechtsanspruch oder Erbschaft-steuer verliert. Solche Streitereien verzögern dringend notwendige Reformen. Auch Diskussionen über Steuererhöhungen wirken in der aktuellen Lage kontraproduktiv. Entscheidend sind jetzt Entlastung, Tempo und klare Prioritätensetzung: Bürokratieabbau, spürbare Entlastung bei Steuern und Sozialabgaben, verlässliche Energiepreise und Reformen der Sozialversicherungssysteme. Nur auf dieser Grundlage entsteht der nötige Spielraum für Investitionen, unternehmerische Initiative und sichere Arbeitsplätze.
Denn nach wie vor steckt in unserem Land und im Handwerk ganz viel Potenzial: Wie viel Leistungsfähigkeit und Anpassungsbereitschaft es im Handwerk gibt, wird auf der Messe und bei ZUKUNFT HANDWERK zu sehen sein.
Dort werden die Themen KI, Nachhaltigkeit, Innovation, Nachfolge und Fachkräftesicherung im Fokus stehen. KI unterstützt bereits Planung, Wartung, Kundenkommunikation und Materialdisposition. Nachhaltigkeit eröffnet neue Märkte, Innovation zeigt sich in Produkten, Werkzeugen und Organisationsstrukturen.
Klimaschutz, Energiewende, Wohnungsbau, Infrastruktur und Versorgung des täglichen Bedarfs sind nur mit einem leistungsfähigen Handwerk möglich. Wenn die Regierung jetzt die notwendigen Reformen entschlossen angeht und sich die Standortbedingungen verbessern, kann neue wirtschaftliche Dynamik entstehen. Doch dafür muss die Politik Mut, klare Prioritätensetzung und den gemeinsamen Willen zur Umsetzung aufbringen. Und genau das erwartet das Handwerk von den politisch Verantwortlichen.
Vielen Dank.