16.09.2020

„Das Handwerk gibt keinen Jugendlichen verloren“

Trenkel Portraitfoto von Hans Peter Wollseifer vor dem Haus des Deutschen Handwerks in Berlin
Foto: ZDH/Boris Trenkel

In einem Namensbeitrag im „ifo Schnelldienst“, einer monatlichen Veröffentlichungsreihe des ifo Instituts, hat sich ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer mit der Lage auf dem Ausbildungsmarkt in Zeiten von Corona auseinandergesetzt.

„Produziert die Corona-Pandemie eine „verlorene Generation“? Zumindest eine verunsicherte. Laut einer aktuellen Befragung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung sind 61 Prozent der Jugendlichen der Ansicht, dass sich die Chancen auf Ausbildung durch Corona verschlechtert haben.

Monatelange Schulschließungen, Unterricht am Küchentisch, Prüfungen unter erschwerten Bedingungen - die meisten Schülerinnen und Schüler hat diese Situation erheblich belastet. Viele Jugendliche erleben die Folgen der Rezession unmittelbar, wenn ihre Eltern plötzlich in Kurzarbeit zu Hause sitzen. Kein Wunder, dass diejenigen, die sich unter diesen Eindrücken mit ihrer beruflichen Perspektive beschäftigen, verunsichert sind. Viele überlegen, ob jetzt der richtige Zeitpunkt ist, eine Ausbildung zu beginnen.

Auch für die meisten Betriebe ist die Pandemie eine enorme Herausforderung, für viele sogar ein Überlebenskampf. Corona hat die deutsche Wirtschaft hart getroffen. Die Auswirkungen sind bis heute deutlich spürbar. Auch auf Seiten der Betriebe herrschte vor allem in den ersten Monaten der Pandemie eine große Verunsicherung.

Dennoch, und das ist die gute Nachricht, halten viele Handwerksbetriebe an der Ausbildung fest. In einer gemeinsamen Erklärung mit Wirtschafts- und Gewerkschaftsvertretern hat der Bundespräsident Ende Juni ausdrücklich gewürdigt, „dass viele Unternehmen ungeachtet der schwierigen Situation, in der sie sich befinden, alles tun, um ihre Auszubildenden zu halten und auch neue Ausbildungsplätze anzubieten.“

Stärkerer Einbruch als nach der Finanzkrise


Mit welcher Wucht die Pandemie den Ausbildungsmarkt getroffen hat, lässt sich mit Zahlen eindringlich belegen. So lag die Zahl der bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber bis Ende Juli deutlich unter dem Wert des Vorjahres (-40.088 bzw. -8,4 Prozent).

Auch die Zahl der Neuverträge im Handwerk ist stark eingebrochen. Zwischen Januar und Juli 2020 wurden 82.523 neue Ausbildungsverträge in Lehrlingsrollen der Handwerkskammern eingetragen - ein Minus von 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bis Ende Mai lag der Einbruch bei den neuen Ausbildungsverträgen sogar noch bei minus 18,3 Prozent und damit fast doppelt so hoch wie im Mai 2009, also unmittelbar nach der Finanzkrise (minus 10,4 Prozent).

Immerhin: Der Rückstand zum Vorjahr hat sich im Juni und Juli reduziert, was dafür spricht, dass Bewegung in den Ausbildungsmarkt kommt. Mit dem Wiederhochfahren der Wirtschaft wurde eine Aufholjagd eingeleitet. Immer vorausgesetzt, dass es nicht zu einem zweiten Lockdown kommt. Weiteren Aufschluss darüber, wie schnell und erfolgreich diese Aufholjagd verläuft, wird die Zahl der Neuverträge für August bieten. Diese lag beim Verfassen dieses Textes noch nicht vor.

Analoge Anbahnungswege sind weggefallen


Was sind die Ursachen für den heftigen Einbruch auf dem Ausbildungsmarkt? Zwei „Corona-Effekte“ kommen aus der Sicht des Handwerks zum Tragen: Zum einen die bereits angesprochene Verunsicherung bei Betrieben und Jugendlichen. Zum anderen sind bewährte analoge Anbahnungswege weggefallen, wodurch sich die Bewerbungsprozesse verzögern.

Die aktuellen Ausbildungsstellen- und Bewerberdaten lassen auf pandemiebedingte Verzögerungen beim Abschluss von Ausbildungsverträgen gegenüber normalen Jahren schließen. Die Bundesagentur für Arbeit rechnet mit einem zeitlichen Rückstand von 6 bis 8 Wochen.

Lockdown und Kontaktbeschränkungen sind in diesem Jahr genau in die Phase gefallen, in der Berufsorientierung und Vertragsanbahnung normalerweise auf Hochtouren laufen. Das konnte in diesem Jahr nicht stattfinden, weshalb das „Matching“ zwischen Betrieben und Jugendlichen ins Stocken geraten ist. Das ist ein erhebliches Problem. Durch die pandemiebedingten Schulschließungen, fehlenden Betriebspraktika und stornierten Ausbildungsmessen standen und stehen Betriebe vor der Herausforderung, mit interessierten Jugendlichen in Kontakt zu kommen und Ausbildungsverhältnisse anzubahnen.

Aufgrund ausgefallener Berufsorientierungseinheiten an den allgemeinbildenden Schulen, abgesagter Berufsberatungen der Arbeitsagenturen sowie stornierter Ausbildungsmessen und Berufsorientierungsmaßnahmen der Kammern und Verbände fehlen Schulabsolventinnen und -absolventen fundierte Kenntnisse der Ausbildungsberufe sowie der offenen Ausbildungsstellen und damit die Orientierung auf dem Ausbildungsstellenmarkt.

Handwerk hat sich Digitalisierungsdruck gestellt


Diese weggebrochenen Kanäle mussten kompensiert, Betriebe und Ausbildungsinteressierte im Eiltempo zusammengebracht werden. Die Kammern und Verbände des Handwerks haben in dieser Hinsicht Großartiges geleistet, sich dem Digitalisierungsdruck gestellt und viele Aktivitäten ins Netz verlagert. Webseminare, virtuelle Ausbildungsmessen, WhatsApp-Sprechstunden und Beratungs- und Informationsangebote werden mittlerweile verstärkt online angeboten.

Darüber hinaus stehen den Betrieben mit den Ausbildungsberatern und den Passgenauen Besetzern bei den Handwerksorganisationen direkte Ansprechpartner zur Verfügung, die bei der Lehrstellensuche und der Ausbildungsplatzbesetzung direkt unterstützen. Und schließlich wurde die Lehrstellen-App des Handwerks nochmals verbessert.

Auch die Berufsbildungsstätten mussten sich auf die Pandemie einstellen und den während der Lockdown-Schließzeiten ausgefallenen Unterricht mit erheblichen Kraftanstrengungen nachholen. Im Einklang mit den im März geltenden Kontakteinschränkungen wurden zunächst Prüfungstermine ausgesetzt. Gesellen- bzw. Abschlussprüfungen konnten bzw. können weitestgehend in geplanter Form und Terminsetzung bzw. mit geringfügiger terminlicher Verschiebung bis spätestens Ende August abgeschlossen werden.

Mehr Wertschätzung für berufliche Bildung


Auch die Politik hat auf die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt reagiert. Die Hauptforderung des Handwerks, unseren Betrieben Wertschätzung zukommen zu lassen, die auch in schwierigen Zeiten an der Ausbildung festhalten, wurde von der Bundesregierung aufgegriffen.

Das Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ mit der Ausbildungsprämie als Kernstück ist richtig und wichtig. Angesichts der Auswirkungen der Corona-Pandemie muss der Ausbildungsmarkt unbedingt gestützt werden, indem krisenbetroffene, aber eigentlich ausbildungswillige Kleinst- und Kleinbetriebe unterstützt werden.

Das Handwerk hat sich sehr früh dafür eingesetzt, dass Betriebe als Anerkennung und Wertschätzung für ihre Ausbildungsleistung entlastet werden. Denn wer ausbildet, hat auch hohe Kosten, was gerade kleine Betriebe überproportional trifft. Dieses Problem wird in der Corona-Krise besonders augenscheinlich, gilt aber auch in „normalen“ Zeiten.

Deshalb müssen auch über die Corona-Krise hinaus die Anstrengungen intensiviert werden, der beruflichen Bildung mehr Wertschätzung zukommen zu lassen. Auch finanziell. Ein konkreter Ansatz zur Entlastung von Ausbildungsbetrieben ist aus meiner Sicht die Gleichstellung von Azubis und Studenten bei den Sozialabgaben. Hier haben wir noch dicke Bretter zu bohren.

Auf Corona-Krise darf keine Ausbildungskrise folgen


Für das Handwerk ist eines völlig klar: Die Corona-Krise darf nicht zu einer Krise für die berufliche Zukunft junger Menschen werden. Alle Jugendlichen, die eine Karriere im Handwerk anstreben, sollen diese Möglichkeit auch bekommen. Wir geben niemanden verloren - keinen Jugendlichen, und erst recht keine Generation. Schon im eigenen Interesse. Wir brauchen den Nachwuchs. Wir brauchen die Fachkräfte von morgen mehr denn je. Daher mein Appell an die Betriebe: Bilden Sie weiter aus.

Jeder junge Mensch, der an einer Ausbildung interessiert ist, sollte wissen, dass ein Einstieg noch möglich ist, auch wenn das neue Ausbildungsjahr in den meisten Ländern offiziell am 1. August gestartet ist. Für eine gute Ausbildung im Handwerk ist es nie zu spät. Sie bietet weiterhin beste Chancen für eine berufliche Karriere. Fach- und Führungskräfte sowie Betriebsinhaber werden in und vor allem dann nach der Corona-Krise gebraucht.

Eine gute Ausbildung bleibt der Schlüssel für eine gute Zukunft. Daran hat sich durch Corona nichts geändert. Wie heißt es so richtig in der gemeinsamen Erklärung mit dem Bundespräsidenten? Demnach ist ein kraftvoller Neustart nach der Krise nur möglich, „wenn eine junge, gut ausgebildete Generation in allen Bereichen unseres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens Verantwortung übernehmen kann.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.“

Den vollständigen Namensbeitrag können Sie hier lesen:

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„Das Handwerk gibt keinen Jugendlichen verloren“
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Beitrag von ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im „ifo Schnelldienst“